1. Der alte Farmer.-3

1182 Words
Sicherlich nur, um den jüngeren Gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloß die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine thränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend in seiner Arbeit und näherte sich dabei dem Platze, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend. – »Wolf! Schämst Du Dich nicht, Alter?« sagte der junge Mann, auf ihn zugehend, »Du träumst wohl, Du faules Vieh – weist mir die Zähne?« Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als ob er hätte sagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und weiß, daß Du ein Freund bist, aber hierher darfst Du mir trotz alledem nicht. Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam: »Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?« Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Thieres – den Schädel seines Sohnes – wobei Wolf, als Jener die Ueberreste des theuren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf sprang und winselte und bellte. »Das kluge Thier weiß, daß es Menschenknochen sind,« sagte der Matrose. »Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!« rief der Greis erschrocken. »Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald.« »Das ist ja nicht möglich – die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. – Wie alt ist denn der Hund?« »Acht Jahre – aber so klug wie je ein Thier einer Fährte folgte,« sagte der Greis; »Wolf – komm hierher,« wandte er sich dann an den Winselnden, »komm her, mein Hund – kennst Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?« Wolf setzte sich nieder, hob den spitzigen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den andern und stieß plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmüthig klagendes Geheul aus, daß sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Thiere nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen, lindernden Thränenstrom seinem gepreßten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkosend Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine Schulter zu legen. »Unsinn!« sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zu Muthe wurde, »das Thier wittert menschliche Ueberreste, und da geht's ihm gerade wie mit Menschenblut. Laßt das die Hunde plötzlich spüren, so heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.« »Laßt mir den Glauben, Tom!« bat der Alte, sich endlich wehmüthig wieder emporrichtend, »es thut mir wohl, selbst in dem Thiere das Gedächtniß für einen Freund bewahrt zu sehen, und – wir haben ja des Schmerzlichen genug, warum den schwachen Trost noch muthwillig mit eigener Hand zerstören?« Ein Schuß aus der Richtung her, in welcher der Fluß liegen mußte, unterbrach hier seine Rede. »Verdammt!« rief Tom, »ob die Burschen nicht schon mit dem Boote da sind – die Seehunde müssen Nachts gefahren sein, es ist ja kaum Tag.« »Thut mir den Gefallen und ruft sie her!« bat Edgeworth. »Mir wär's lieber, wenn Ihr mitginget,« sagte der junge Mann zögernd, »Ihr quält Euch hier und –« »Ich bin gefaßt, wenn Ihr kommt, Tom. – Thut mir die Liebe und ruft sie.« Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und schritt dem Flußufer zu. Edgeworth kniete an dem Fuße der Eiche, die Jahre lang ihre Arme schützend über die Ueberreste seines Kindes ausgebreitet hatte, nieder und lag ernst und still im brünstigen Gebet, bis er die Schritte der vom Boote Kommenden hörte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen. Tom hatte die Männer schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell bekannt gemacht, und ernst und schweigend begannen sie an der engen Gruft zu arbeiten, die des unglücklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann legten sie sorgsam die gesammelten Ueberreste hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher eben so still und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boote hinunter. »Hallo!« rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen langen Haare wild um die Schläfe hängend, entgegen, »Bärenfleisch! Verdamm' meine Augen, wenn das nicht der vernünftigste Streich ist, den unser alter Capitain in langer Zeit ausgeführt hat. – Macht aber schnell, Burschen, daß wir von hier fort kommen, wir versäumen die schöne Zeit und das Wasser fällt mit jeder Secunde.« »Wir gehen noch einmal hinauf,« sagte der Eine von ihnen. »Was zum Henker ist nun noch oben?« »Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.« »Narren seid Ihr,« zürnte der Steuermann, »wie sollen wir nachher kochen?« »In Vincennes können wir andere bekommen,« sagte Tom, »schaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrüget.« »Ich bin zum Steuern gemiethet und nicht zum Steineschleppen,« brummte der Lange, indem er sich ruhig auf's Verdeck streckte. »Unsinn genug, daß Ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufrührt; die wären auch ohne Euch verfault.« Die Männer antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie aber das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langsam den Platz, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram vertieft stand, verlassen. Da fuhr dieser aus seinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Büchse, rief dem Hunde und ging mit festen, sicheren Schritten voran dem Boote zu. Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des unbehülflichen Fahrzeugs, mit deren Hülfe es in die eigentliche Strömung hinausgeschoben wurde. Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einförmige Bahn. Wie es aber nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre »Finnen« (wie die langen Ruder solcher Boote genannt sind) an Deck und streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus, die ersten Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen, die jetzt eben in all' ihrer schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte. Edgeworth aber saß, mit dem Hunde zwischen seinen Knieen, am hintern Rande des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verschwimmenden Bäumen zurück, die das Grab seines Kindes überschatteten.
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