4. Squire Dayton's Wohnung.-1

2056 Words
4. Squire Dayton's Wohnung.Als »Squire« oder »Doctor Dayton« (denn er wurde sowohl das eine wie das andere in Helena genannt) Jonathan Smart verließ und eine der äußersten Grenze des Städtchens zuführende Richtung einschlug, erreichte er bald darauf ein kleines, aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas, um das herum die gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren, um nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiß angestrichen, stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde. Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden, gemächlichen Ansehn seines Aeußern. Allerdings war es nicht prächtig und kostbar eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Möbel, die schneeweißen Vorhänge, die elastischen, mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten deutlich genug, daß hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichthum herrsche. Viele andere Kleinigkeiten – wie z.B. zierliche Nippesfiguren auf den kleinen Seitentischen, angefangene weibliche Arbeiten – der Nähtisch am linken Eckfenster mit dem sauber aus Korb geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, gossen dabei jenen Zauber über das stille wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prächtigste, zu verleihen im Stande ist. Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden, zum Sopha gerückten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige Theemaschine zischte und qualmte, und fröhliches Lachen tönte dem jetzt eben an die Hausthür pochenden Squire entgegen, der wunderbarer Weise einen gar ernsten, ja fast traurigen Blick zu den hell erleuchteten Fenstern hinauswarf. Da verstummte das Lachen plötzlich, oder ward wenigstens von den rauschenden Tönen eines deutschen Walzers übertäubt, den geübte Finger einem wohlklingenden, kräftig besaiteten Flügel entlockten. Mr. Dayton mußte auch wirklich zur Klingel seine Zuflucht nehmen, den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den so gern gehörten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verkünden. Einmal das Haus betreten, schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein Auge freier und fröhlicher. Er flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblicke bei den Seinen und von all' dem Lärmen und Jubel umgeben. »Endlich – endlich!« rief die Clavierspielerin, sprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Thür erschien, diesem entgegen. »Der gestrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen.« »Wirklich?« lächelte der Squire, während er die im Zimmer Befindlichen freundlich grüßte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Kuß auf die Stirn drückte, »hat mich meine kleine wilde Schwägerin heute einmal vermißt?« »Heute einmal,« lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller Kopfbewegung die langen dunkeln Locken aus der Stirn – »heute nur einmal? Ei, mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muß seiner unterthänigsten Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben könnte, sie fühlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine besondere Bewandtniß. – Hier wartet nun Mr. Lively schon eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres, fürchterliches Geheimniß auf dem Herzen, denn keine Silbe ist ihm in dieser ganzen gesegneten Stunde über die Lippen gekommen – auch Mrs. Breidelford –« »Bitte um Verzeihung, mein liebwerthestes Fräulein,« sagte die also Bezeichnete, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu nehmen, »keineswegs, denn ich glaube doch wirklich nicht, daß Sie sich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegentheil. – Ich kenne meine Schwäche, mein Fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sothorpe so schön sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein seliger Mann freilich – ein Engel von Geduld und Sanftmuth – behauptete immer das Gegentheil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, daß das gute Herz mir einreden wollte, ich spräche wirklich nicht zu viel? – Breidelford – sagte ich aber – Breidelford, versündige Dich nicht – ich weiß, wie ich bin – ja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich Dir auch nicht zu viel rede, so fühle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbessern.« »Eine Tasse Thee, beste Mrs. Breidelford,« unterbrach hier Mrs. Dayton den allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall – »bitte, langen Sie zu« – Adele aber, die augenblickliche Pause benutzend, warf sich wieder an's Clavier, und ein so rauschender Tanz dröhnte, von den starken Saiten wiederfibrirend, durch das Gemach, daß jede Fortsetzung von Mrs. Breidelford's begonnener Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde. »Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen?« frug Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war. »Der Mailrider? Nein, aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern ausrichten zu wollen,« sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem sich allem Anschein nach höchst unbehaglich befindenden jungen Mann hinüber. James Lively saß auch wirklich da, als ob er nicht Drei zählen könnte. Alle Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falschen Stelle. – Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, daß es weit, bis mitten in die Stube hineinragte, bald zog er die Füße fest unter dem Stuhle zusammen, faltete die Hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse. – Dann griff er mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte mit allem möglichen Eifer die Politur herunter zu kratzen, dann holte er mit der Linken das mächtige seidene Tuch aus der Tasche, um es gleich darauf wieder sorgfältig zurückzuschieben. Kurz, James befand sich so wohl, wie ein Hecht auf dem Sande oder ein Hase auf dem Eise, und wenn er auch manchmal den Blick scheu zu dem schönen, muntern Mädchen emporwarf, so durfte er doch nur dem Schelmenauge begegnen, als sich auch sein Antlitz in der prachtvollen Farbe eines gesottenen Hummers wieder niederbog. Dann, wie in einem wilden Fluchtversuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo früher sein Filz gestanden, den aber später, auf einen Wink Mr. Dayton's, die junge Mulattin weggenommen und hinten auf das Clavier gestellt hatte, und saß nun in voller Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glühenden Kohlen. James Lively war übrigens sonst keineswegs so verschämt und blöde. Im Walde aufgewachsen, gab es keinen besseren Jäger und Landmann im ganzen County als ihn. Muthig dabei bis zur Tollkühnheit, hatte er vor Kurzem erst den Einzelkampf mit einem Panther gewagt und gewonnen, und im Boxen die Besten überwunden. Aber im Walde mußte er auch sein, wenn er all' diese Fähigkeiten entwickeln sollte. In Damengesellschaft getraute er sich nicht den Mund zu öffnen, und wenn er auch – wie Mrs. Breidelford – vollkommen seine Schwäche kannte, so wäre es ihm dennoch nicht möglich gewesen, eine Scheu zu überwinden, die ihm Zunge und Glieder lähmte. So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit übrigens noch nie gezeigt. Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren höchsten Grad zu erreichen, als sich Squire Dayton in's Mittel schlug, auf den jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen »Gott zum Gruß, Mr. Lively – was macht der Vater und wie steht's daheim mit der Farm?« plötzlich wieder Muth und Selbstvertrauen in's Herz legte. Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimische, ihm bekannte Umgebung wirkten wie ein wohlthätiger Zauber auf den Waldbewohner. Er sprang auf, holte tief Athem, ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete, als ob ihm eben eine Centnerlast von der Brust gewälzt wäre: »Danke, Squire – Alle wohl – so ziemlich wenigstens – die braune Kuh wurde gestern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen – aber – ich hatte noch 'was Besonderes« – und er warf einen scheuen Seitenblick nach den Frauen, während wieder hohe Gluth sein Gesicht überflog – »ich – ich weiß nur nicht –« »Ist es etwas, was mich allein betrifft?« frug der Squire. »Bitte, junger Herr, geniren Sie sich nicht,« fiel hier, ohne weitere vorherige Warnung, Mrs. Breidelford wieder ein – »glauben Sie ja nicht, daß wir, weil wir Ladies sind, etwa ein Geheimniß nicht eben so sicher und gut bewahren könnten wie Männer. Im Gegentheil, Mr. Lively – gerade im Gegentheil. – Ich zum Beispiel weiß zwar, daß ich ein bischen viel rede, es ist nun einmal meine Schwäche, und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge gegeben? Was aber Geheimnisse anbetrifft, so hat da schon mein lieber seliger Breidelford immer gesagt, obgleich man sich eigentlich nicht selbst rühmen sollte, doch das liebe Herz liegt ja jetzt kalt und starr im Grabe – Louise, sagte er immer – Louise, Du bist zu verschwiegen, Du bist wahrhaftig zu verschwiegen. – Zehn Inquisitionen brächten Dir das nicht über die Zunge, was Du nicht hinüber haben wolltest – ich glaube, Du bissest sie Dir eher in Stücken – sagte Mr. Breidelford, aber –« Ein rauschendes Allegro von Adelens flüchtigen Fingern schnitt hier wiederum Mrs. Breidelford's Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens gesucht hatte, Squire Daytons Frage zu beantworten, gewann wenigstens Zeit, Athem zu holen. »Nein, Squire,« sagte er und schob, da er in diesem Augenblick gar nicht wußte, wohin er mit seinen Händen sollte, diese aus lauter Verzweiflung in die Taschen, aus denen er sie aber, das Unschickliche solchen Betragens wohl fühlend, so schnell wieder herausriß, als ob er heiße Kohlen darin gefunden hätte – »nein, Squire – Mutter meinte nur – Vater fügte – ob Sie und – und die Ladies dort nicht Lust hätten oder – so gut sein wollten, morgen ein bischen zu uns herauszukommen und – so lange Sie wollten und so lange es Ihnen bei uns gefiele, draußen zu bleiben. Mutter meinte –« Adele horchte hoch auf; Mrs. Breidelford aber, obgleich diese Einladung wohl keineswegs ihr gegolten hatte, nahm die Beantwortung schnell auf sich, und ohne einem der übrigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen, erhob sie sich ein wenig von ihrem Platze und rief, den jungen Mann dabei mit etwas niedergebogenem Kopfe und über die Brillengläser hin in's Auge fassend: »Oh, Mrs. Lively ist gar zu gütig, Sir, gar zu gütig, und wenn sich auch allerdings in jetziger Zeit, wo der Fluß wieder zu steigen anfängt und Waaren in Hülle und Fülle stromab kommen, die Geschäfte häufen, so müssen doch schon einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um seine Nachbarn aufzusuchen und mit ihnen im guten alten Einverständniß zu bleiben. – Mr. Breidelford hatte ganz Recht, wenn er sagte, Louise – sagte er, Du glaubst gar nicht, wie schön es ist, mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen – Verträglichkeit ist das halbe Leben. Nächste Woche, Montag spätestens, denk' ich mir das Vergnügen machen zu können, Mr. Lively; bitte, mich Ihrer Frau Mutter bestens zu empfehlen« – und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus, als ob sie nach der eben gehabten Anstrengung der Ruhe und Stärke bedürfe. Adele schien aber diesmal, aus lauter Erstaunen über Mrs. Breidelford's Bereitwilligkeit, ganz ihre musikalische Hülfe vergessen zu haben, und selbst James, obgleich er den Ruf kannte, dessen sich Mrs. Breidelford in Helena erfreute, stand ganz verstummt da und wußte kaum, ob er sie wirklich aus Versehen mit eingeladen habe oder nicht. War das Erstere übrigens geschehen, so half hier weiter nichts als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Was aber seine eigene Mutter dabei von Mrs. Breidelford hielt, hatte er – zu seinem Entsetzen fiel es ihm gerade jetzt wieder ein – erst an diesem Morgen gehört. Wie sie sich also zu Hause über den glücklich von ihm erlegten Bock freuen würden, ließ sich ungefähr denken. In aller Angst haftete sein Blick jetzt noch auf Mrs. Dayton's sanften Zügen, denn das andere schelmische, immer lachende Ding wagte er gar nicht anzusehen. Jene sagte denn auch freundlich: »Meinen besten Gruß an Ihre liebe Mutter, Sir, und wir würden sehen, es möglich zu machen. – Sie soll sich aber auch in Helena nicht so selten blicken lassen und einmal bei uns einkehren, wenn sie ihr Weg hierher führte. Doch kommen Sie, rücken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch und langen Sie zu – trinken Sie weiß? Hier – hier steht Alles – helfen Sie sich selbst. Wie geht es denn Ihrem Vater?«
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