KAPITEL 1
ARIA
Der Klang der Schulglocke hallte scharf und endgültig durch das Klassenzimmer, doch Professor Thorne war noch nicht fertig.
Er drehte sich von der Tafel um, den Marker noch in der Hand, und sprach in seinem präzisen, abgehackten Tonfall.
„Und genau so entsteht Wasser aus der Mischung. Gibt es Fragen?“
Eine Weile herrschte Schweigen. Niemand wagte, die Hand zu heben. Selbst die Schüler, die sonst gern im Mittelpunkt standen, senkten den Blick, um seine Geduld nicht auf die Probe zu stellen.
„Gut“, sagte er mit einem kurzen Nicken. Er setzte die Kappe auf den Marker, ordnete seine Notizen und entließ uns.
Stühle kratzten über den Boden, als viele aufstanden und ihre Rucksäcke schlossen. Stimmen schwollen zu einem vielstimmigen Murmeln an, während alle zur Tür drängten, über Formeln schimpften und über Wochenendpläne lachten.
Ich blieb sitzen, bis der Raum fast leer war. Nach zwei Jahren an der Nightvale Academy war meine Routine dieselbe geblieben: Ich ging als Letzte, lief leise und vermied Aufmerksamkeit.
Pause bedeutete für mich Bibliothek. Nach der Schule hieß es Nachhilfe geben. Ich sorgte dafür, dass es kaum Überraschungen oder Highschool-Drama in meinem Leben gab.
Als sich die Menge lichtete, schob ich mein Notizbuch in die Tasche und machte mich auf den Weg den Flur hinunter, während ich langsam an dem Shortbread knabberte, das meine Mutter mir am Morgen eingepackt hatte. Ein Schluck Wasser, und ich wäre in der Bibliothek – so verschwendete ich keine Zeit.
„Aria! Warte!“
Jennys Stimme riss mich aus meinen Gedanken – hell und voller Energie. Ich drehte mich um und sah sie joggend auf mich zukommen, ihr blonder Pferdeschwanz hüpfte, ihre Wangen waren gerötet.
Ich seufzte – halb aus Gewohnheit, halb aus Resignation – und verlangsamte meinen Schritt. Sie war meine beste Freundin, wenn man berücksichtigte, dass sie die Einzige war, mit der ich überhaupt sprach.
„Du musst nicht rennen“, murmelte ich und ließ sie neben mir gehen.
„Du läufst, als würdest du für einen Marathon trainieren“, neckte sie und rang nach Atem. „Eines Tages lasse ich dich einfach verschwinden und schaue, wohin du in jeder Pause gehst.“
Ich umklammerte meine Tasche fester. „Du weißt genau, wohin ich gehe.“
„In die Bibliothek“, sagte sie trocken, als wäre das die offensichtlichste Antwort der Welt. „Wird dir das nie langweilig, den ganzen Tag auf Bücher zu starren?“
Ich warf ihr einen Blick zu. „Wird dir das nie langweilig, den ganzen Tag auf Jungs zu starren?“
Sie keuchte gespielt und legte eine Hand auf ihre Brust. „Gemein.“ Dann grinste sie. „Aber fair… Nur – nicht alles im Leben muss so ernst sein. Aria, du bist siebzehn, nicht siebzig.“
„Ich mag Ruhe. Außerdem gebe ich Nachhilfe nach der Schule. Wie soll ich etwas beibringen, wenn ich selbst nichts weiß?“ sagte ich ruhig.
„Du magst das Verstecken“, konterte sie und stupste mich in den Arm. „Großer Unterschied.“
Meine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie. Sie hatte nicht unrecht.
Jennys Blick wurde weicher, ihr Spott wich echter Sorge. „Hör zu, am Freitag ist Cassie Davenports Party. Alle reden schon darüber. Du könntest mit mir hingehen.“
„Kein Interesse“, antwortete ich sofort.
„Du hast nie Interesse!“ stöhnte sie. „Du musst ja nicht lange bleiben. Zeig dich einfach mal. Rede mit jemandem, der nicht ich bin. Bitte?“
Ich blieb an den Spinden stehen und schenkte ihr ein schwaches Lächeln, das meine Augen nicht erreichte. „Jenny, du bist die einzige Freundin, die ich brauche.“
Ihr Lächeln verblasste fast tragisch – bis mein Handy in meiner Tasche vibrierte. Ich zog es heraus, rechnete mit einer Nachricht zur Nachhilfe, aber leider war es etwas anderes.
Aaron. Mein Freund aus der Ferne, seit der Oberstufe. In letzter Zeit war er distanziert, kalt. Mein Brustkorb zog sich zusammen, als hätte jemand eine Faust darum gelegt.
Jenny beugte sich neugierig vor. „Ooooh, der Loverboy?“
Ich drehte das Handy weg. „Nenn ihn nicht so.“
„Er ist dein Freund! Ihr seid schon ewig zusammen.“
„Zwei Jahre“, flüsterte ich leise. „Und… Fernbeziehung.“
Jenny hob die Augenbrauen. „Was in Highschool-Zeitrechnung praktisch ewig bedeutet.“
Ich antwortete nicht. Mein Blick blieb an den Worten auf dem Bildschirm hängen – Unglaube und Schmerz schnürten mir die Kehle zu:
> Du hast immer noch nicht getan, worum ich dich gebeten habe. Ich glaube, das funktioniert nicht mehr. Vielleicht sollten wir einfach Schluss machen.
Die Welt kippte. Mein Magen zog sich zusammen. Meine Hände zitterten. Keine Worte kamen über meine Lippen.
Jennys Ausdruck veränderte sich. „Aria? Was ist los?“
Ich schluckte hart, Tränen brannten in meinen Augen. „Er… er macht Schluss mit mir.“
Ihre Augen wurden groß. „Was? Nein. Das würde er nie—“
Bevor ich antworten konnte, schnappte sie mir das Handy aus der Hand. Ihre Augen flogen über den Bildschirm.
„Moment…“ sagte sie langsam, ihr Tonfall wurde ernst. „Er bittet dich, etwas zu tun?“
Ich riss danach. „Gib es zurück!“
Sie blinzelte verwirrt. „Aria…“
Ich riss es ihr aus der Hand und presste es an meine Brust. „Nichts. Das geht dich nichts an“, sagte ich scharf.
Jenny legte den Kopf schief, ihre Neugier mischte sich mit Besorgnis. „Okay… aber was auch immer es ist… Du liebst ihn, oder? Dann… wirst du tun, was er will. So sind Mädchen nun mal, wenn sie Jungs mögen.“
Sie lachte leise. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich alles für Damian getan habe.“
Ich presste die Lippen zusammen, mein Hals eng, mein Magen verkrampft. „Es ist nicht so einfach…“ murmelte ich und wich ihrem Blick aus.
Jenny zuckte mit den Schultern. „Ich sag ja nur. Du bist immer so… ernst. Manchmal muss man einem Jungen zeigen, dass man ihn mag.“
Mein Herz hämmerte. Jeder Teil von mir schrie, es nicht zu tun – aber ich liebte Aaron.
Der Rest des Tages kroch dahin. Ich schaffte es kaum durch die Stunden, mein Kopf voller Angst und Zweifel. Ich schrieb der Nachhilfegruppe, dass heute niemand kommen sollte. Ich konnte niemandem, nicht einmal mir selbst, ins Gesicht sehen.
Zuhause angekommen, kreisten meine Gedanken noch immer um das, was passiert war.
Aaron – nach allem, was wir durchgemacht hatten – war bereit, zwei Jahre wegen Bildern wegzuwerfen. Das Haus war still. Mum war noch bei der Arbeit.
Ich hob den Ersatzschlüssel unter der Fußmatte hervor und öffnete die Tür. Auf dem Esstisch stand schon das Mittagessen, der Duft warm und einladend – doch ich konnte nicht essen. Mein Magen war ein Knoten.
„Wie sollte ich essen, wenn Aaron davon sprach, mich zu verlassen?“
Ich ging direkt in mein Zimmer, die Hände zitterten, als ich die Tür schloss. Mein Herz schlug so laut, dass es wehtat. Ich wählte Aarons Nummer – wieder und wieder –, jedes Mal mit denselben Worten im Kopf, still betend, dass er bleiben würde, wenn ich nur das Richtige sagte.
Beim gefühlt hundertsten Versuch klickte die Leitung.
„Schick mir, was ich verlangt habe“, sagte er – seine Stimme kalt, leer.
Ich erstarrte, krallte mich an das Telefon, tat für einen Moment so, als wüsste ich nicht, was er meinte. „Was?“ flüsterte ich.
„Du weißt genau, was ich meine.“ Seine Stimme wurde scharf wie ein Messer. „Nacktbilder, Aria. Ich will deinen Körper sehen. Du bist doch meine Freundin, oder?“
Mein Magen sackte ab, meine Knie gaben nach. Übelkeit stieg in mir auf. „Aaron… nein…“ hauchte ich, kaum hörbar.
„Wenn du mich liebst“, sagte er langsam, jedes Wort ein Schnitt, „dann tust du es. Sonst ist es aus. Für immer.“
Die Leitung wurde tot. Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Ich starrte auf das schwarze Display. Meine Hände zitterten. Mein Hals brannte.
Langsam zog ich mich aus, meine Hände bebten. Ein Teil von mir schrie, ich solle aufhören – doch Jennys Worte hallten in meinem Kopf: Manchmal muss man einem Jungen zeigen, dass man ihn mag.
Und Aarons Stimme folgte: Wenn du es nicht tust, war’s das.
Mein Herz pochte, mein Hals brannte. Ich stellte mich vor den Spiegel, Tränen in den Augen, und machte Bilder, auf die ich niemals stolz sein würde. Jeder Klick der Kamera fühlte sich an, als würde ein Stück von mir zerbrechen – aber ich tat es trotzdem.
Zitternd drückte ich schließlich auf „Senden“.
Einen Moment lang lag ich einfach nur da. Ich wusste nicht, worauf ich wartete – ich lag einfach still.
Dann durchbrach der leise Ton einer Benachrichtigung die Stille.
Ich griff nach meinem Handy, mein Herz raste, in der Erwartung, Aarons Namen auf dem Bildschirm zu sehen. Doch als mein Blick auf den Namen fiel, wich alle Farbe aus meinem Gesicht.
Die Nachricht war an Adrian Cole gegangen.
Mein Brustkorb zog sich zusammen, mein Magen fiel ins Bodenlose. Ich starrte auf den Bildschirm, atemlos, und hoffte verzweifelt, mich zu täuschen.
„Nein…“ Das Wort entwich meinen Lippen – brüchig, schwach –, aber die Wahrheit blieb unerbittlich. Meine Hände zitterten unkontrolliert. Ich wollte das Handy werfen, zerstören, alles ungeschehen machen – doch die leuchtenden Buchstaben blieben, grausam klar.
Ich hatte die Bilder an Adrian geschickt. Den Goldjungen von Nightvale.
Tränen verschleierten meine Sicht, die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Verzweifelt versuchte ich, die Nachricht zu löschen, meine Finger stolperten über den Bildschirm, während ich betete, dass ich den Fehler rückgängig machen könnte.
Doch dann… erschienen drei Punkte.
Adrian schreibt…
Mein Atem stockte. Mein ganzer Körper versteifte sich. Panik griff nach mir. Ich konnte nicht wegsehen. Und gerade als meine Finger über der Löschtaste zitterten, wurde der Bildschirm schwarz.
Mein Akku war leer.
Ich saß reglos in der Stille, die folgte – das Herz voller Angst – und stellte mir vor, welche Antwort Adrian gerade schrieb, während ich in das dunkle, tote Display starrte.
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