Autor -Perspektive
Finn saß im Wohnzimmer, als die Frau von letzter Nacht hereinkam, um ihn zu treffen.
„Wie geht’s dir heute, großer Bruder? Hast du diese Irren loswerden können?“, fragte sie mit einem frechen Grinsen, während sie sich gegen die Wand lehnte.
Finn drehte sich zu ihr um, sein Gesichtsausdruck blieb undurchsichtig.
„Mia, was gibt’s? Und wie geht’s dem Mädchen, das du mich gezwungen hast mitzubringen?“, fragte er mit einem genervten Tonfall.
Mia verzog das Gesicht wie ein Kind, das beim Kekseklauen erwischt wurde.
„Bist du immer noch sauer deswegen? Ich finde, du solltest sie besser kennenlernen. Sie ist nicht so schlimm, wie du denkst.“
Finn atmete tief durch, der Frust spannte seine Kiefermuskeln an.
„Aber Tatsache ist nun mal: Sie ist eine Fremde. Klar, wir haben sie gestern Nacht gerettet – es war dunkel, sie war verzweifelt. Aber jetzt ist Morgen, und sie sollte längst wieder weg sein.“
Mia verschränkte die Arme und runzelte die Stirn.
„Ich habe mit ihr geredet, wirklich geredet. Und ich denke, sie ist eigentlich ein guter Mensch. Du brauchst dir keinen Stress machen. Sie ist auf der Flucht – von West- bis Ostdeutschland. Sie wurde von jemandem verraten, dem sie vertraut hat. Warum bist du so fest entschlossen, sie als Problem zu sehen?“
„Weil ich niemandem traue, der nicht zu mir gehört. Genau deshalb mochte ich es nie, dass du mir gefolgt bist“, fauchte Finn. „Und kaum tust du es, schleppst du eine völlig Fremde in unser Zuhause.“
Mia verdrehte die Augen und zischte verärgert.
„Ich frage mich, wo dein Gewissen geblieben ist. Früher warst du der Gute, der Beschützer. Du hast dich um Menschen gekümmert. Warum bist du plötzlich so verdammt kalt? Ich hasse diese Seite an dir“, murmelte sie und schüttelte den Kopf.
Gerade als sie sich abwenden wollte, bemerkte sie Bewegung in der Nähe der Treppe.
„Leah...“, rief sie erschrocken. Leah stand still, offensichtlich hatte sie einen Teil des Streits mitgehört.
Finn drehte sich um und schnaubte, als er sie sah.
„Du kennst sogar schon ihren Namen? Hat sie dir direkt ihre ganze Lebensgeschichte erzählt? Das ist ein bisschen zu vertraut, findest du nicht? Wirkt irgendwie falsch.“
Mia zögerte nicht. Sie schlug ihm kräftig auf die Schulter.
„Was zum Teufel!“, rief Finn und taumelte leicht zurück.
„Das hast du davon, wenn du so mit einer Frau redest, großer Bruder“, sagte Mia und rieb sich die Handfläche.
„Wäre es jemand anderes gewesen, hätte ich ihm den Kopf abschlagen lassen“, murmelte Finn kalt, doch Mia ignorierte ihn und wandte sich Leah zu.
„Geht’s dir etwas besser?“, fragte sie sanft.
Leah nickte leicht, ihre Augen wanderten zu Finn, der nur lachte und ihren Blick mied.
„Kann ich kurz mit dir sprechen, bitte?“, fragte sie leise, fast flehend.
Finn seufzte tief, schon jetzt genervt.
„Ich hab Dinge zu erledigen. Wir reden ein andermal. Mia hilft dir mit allem, was du brauchst – immerhin hast du beschlossen zu bleiben.“ Er griff nach seiner Tasche und warf sie sich über die Schulter.
„Ich habe nichts für Leute übrig, die glauben, mich oder meine Schwester ausnutzen zu können. Ich mag loyale Hunde. Du solltest besser einer von ihnen sein“, sagte er kalt und ging ohne einen weiteren Blick hinaus.
Leah blieb stehen, versuchte, den Stich seiner Worte zu schlucken.
„Warum ist er so kalt? Es klingt, als würde er mich hassen“, murmelte sie.
Mia kicherte leise und hakte sich bei Leah unter.
„Ich schwöre, das tut er nicht. Er ist nur übervorsichtig, besonders wenn es um die Menschen hier und um mich geht. Er hat hart gearbeitet, um sich in diesem Slum einen Namen zu machen. Ein kleiner Fehler kann alles ruinieren. Alle hier schauen zu ihm auf. Er versucht nicht, gemein zu sein – er hat einfach Angst, jemanden Falsches hereinzulassen. Gib ihm Zeit. Er wird schon auftauen, glaub mir.“
Leah nickte leicht, ihr Herz fühlte sich ein wenig leichter an.
Stunden vergingen. Als Finn am Abend zurückkam, müde und staubbedeckt, trat Leah wieder an ihn heran, am Eingang zum Flur.
„Bitte... hast du jetzt Zeit?“, fragte sie.
Finn schloss für einen Moment die Augen, offensichtlich nicht in Stimmung für ein tiefes Gespräch.
„Ich weiß, du magst mich nicht... oder vielleicht bin ich nur eine Fremde für dich“, sagte Leah schnell, bevor er sie abwimmeln konnte. „Aber die Tatsache, dass du mich gerettet hast und mir erlaubt hast, hierzubleiben… das bedeutet etwas. Du musstest das nicht tun, aber du hast es getan. Das zählt.“
Finn seufzte erneut und rieb sich die Stirn.
„Ich geb dir ein paar Minuten. Mach’s kurz“, sagte er, die Arme verschränkt.
Die Art, wie er sprach... wie alle ihm folgten... er war kein gewöhnlicher Kerl. Er war der Anführer hier. Der Beschützer. Vielleicht sogar noch mehr, dachte Leah.
Sie holte tief Luft, ihre Gedanken rasten, aber ihre Stimme war ruhig.
„Ich weiß, das klingt vielleicht seltsam, aber ich möchte einer deiner loyalen Hunde sein. Ich hab drüber nachgedacht… und die Wahrheit ist: Ich habe keinen anderen Ort, an den ich gehen kann. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie. Ich weiß, dieses Leben ist hart, aber ich will einfach überleben. Mir ist egal, welchen Job du mir gibst, solange ich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen habe. Ich mache alles.“
Sie hielt inne, suchte in seinem Gesicht nach einer Reaktion.
„Ich glaube nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Und ich verstehe deine Angst… aber ich bitte dich, mir eine Chance zu geben. Nur… einen Vertrauensvorschuss.“
Finn lachte trocken, schüttelte leicht den Kopf. Für einen Moment überlegte er, ob er sie annehmen sollte – sie wirkte so selbstsicher. Aber er hielt es nicht für eine gute Idee.
„Du glaubst wirklich, dass eine Frau wie du in einem Ort wie diesem etwas leisten kann? Du kannst nicht mal mit einer Waffe umgehen. Du redest vom Überleben – aber die Welt ist groß. Es gibt immer irgendwo einen anderen Ort.“
„Hör auf damit, Finn“, mischte sich Mia ein, die offenbar hinter der Wand gelauscht hatte. „Du siehst doch, dass sie verzweifelt ist. Sie verspricht Loyalität – und ich werde als ihre Zeugin stehen.“
Finn sah sie scharf an. „Und was, wenn sie nicht loyal ist, hmm? Weißt du, wie ich das letzte Mal geendet bin, als ich jemandem vertraut habe? Du kannst froh sein, dass dein Bruder noch lebt, Mia.“
Mias Lippen zitterten leicht, als sie die Augen senkte.
„Ich werde mit meinem Leben bezahlen“, sagte Leah plötzlich, ihre Stimme fest und klar.
Finn zog die Augenbrauen zusammen, überrascht.
„Wenn ich dich je verrate – töte mich stattdessen.“
Er sah sie an – wirklich an – dann wanderte sein Blick zu Mia. Die Stille zwischen ihnen war schwer. Selbst er hatte mit so einem Versprechen nicht gerechnet.
Er schnaubte leise und sagte:
„Ich sage nicht, dass ich dir vertraue. Aber ich gebe dir eine Chance. Mach, dass ich es nicht bereue.“