Autor -Perspektive
Leah war nur kurz in ihre Wohnung zurückgekehrt, um ein paar wichtige Dinge zu holen. Sie hatte nicht vor, lange zu bleiben, also packte sie schnell das Nötigste zusammen. Während sie einige Dokumente durchging, behielt sie die Uhr im Blick. Und kaum war sie fertig, trat sie mit ihrer Tasche über der Schulter hinaus – und ihr Atem stockte.
Ein schwarzes Auto fuhr vor – viel zu schnell.
Ein kalter Stich durchzuckte ihren Magen.
Sie hatten sie gefunden.
„Schnappt sie!“, bellte eine Stimme aus dem Wageninneren.
Sie zögerte keine Sekunde.
Leah rannte los. Ihre Schritte hallten auf dem Beton, während sie zwischen den Gebäuden hindurchflitzte, das Herz hämmernd wie ein Kriegstrommel. Hinter ihr quietschten Reifen. Sie spürte, wie sich Schritte näherten. Sie fuhren nicht nur – sie verfolgten sie auch zu Fuß.
Panik stieg in ihr auf. Sie rannte an einem Supermarkt vorbei – und entdeckte einen abgestellten Roller.
Keine Zeit zum Nachdenken.
Sie sprang drauf, rief: „Tut mir leid!“ zu einem Mann, der gerade aus dem Laden kam. Der schaute sie fassungslos an – doch da war sie schon weg, trat den Roller an und raste los.
Doch sie gaben nicht auf.
Das Auto hinter ihr versuchte sie auszubremsen, während die anderen zu Fuß weiterjagten.
Sie drehte sich nicht um.
Atmete kaum.
Und sah das andere Auto nicht, das die Kreuzung passierte – zu spät.
Es krachte in ihre Seite. Die Welt drehte sich. Der Aufprall schleuderte sie und den Roller quer über die Straße. Metall und Knochen schlugen auf, Schreie erfüllten die Luft.
Ein plötzlicher Stau bildete sich. Das Verfolgerauto wurde vom Chaos gestoppt.
Leahs Kopf pochte. Ihre Knie waren aufgeschürft. Blut lief ihr die Schläfe hinab. Doch sie blieb nicht liegen.
Sie durfte nicht.
Mit zusammengebissenen Zähnen griff sie nach ihrer kleinen Tasche, rappelte sich auf, hinkte los – blutend, verletzt, aber rennend.
Sie musste überleben. Ihre Beine brannten, ihr Körper schrie – doch sie gab nicht auf. Schließlich erreichte sie den nächstgelegenen Bahnhof und eilte zum Schalter.
„Wohin fährt der Zug?“, fragte Leah keuchend.
„Ostdeutschland“, antwortete der Mitarbeiter.
Es war ihr egal. Hauptsache weg von hier. Sie bezahlte, betete, dass sie ihr nicht folgten. Als sie in den Zug einstieg, sah sie, wie dieselben Männer ebenfalls einstiegen.
Ein paar Stunden später erreichte der Zug sein Ziel. Leah stieg aus.
Sie blickte sich um...
Und jetzt?
Sie stand auf fremdem Boden, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollte. Als sie in ihre Tasche griff, bemerkte sie, dass sie kein Bargeld hatte. Ihre Augen suchten nach einem Geldautomaten. Vielleicht konnte sie etwas abheben.
Doch als sie ihre Karte einführte, sank ihr das Herz in die Hose.
Konto gesperrt.
Sie starrte ungläubig auf den Bildschirm.
Das war Sebastians Werk. Ganz sicher. Ihr Magen verkrampfte sich. Wie konnte sie nur so dumm sein? Sie hatte ihm vertraut – ihm alles erzählt. Er hatte alles von Anfang an geplant. Und nun lief alles nach seinem Plan.
Jetzt war sie vollkommen allein.
Kein Geld für ein Hotel. Keine Kleidung. Keine medizinische Hilfe. Nichts.
Also lief sie los. Einfach los.
Durch fremde Straßen, an Gleichgültigen vorbei, mit Schmerzen in jedem Glied und einer Leere in der Brust. Ihr Vater saß unschuldig im Gefängnis – und sie? Sie kämpfte ums Überleben. In der Kälte. Auf der Straße.
Hätte ihr jemand gesagt, dass ihr Leben einmal so aussehen würde – sie hätte gelacht. Vielleicht sogar widersprochen.
Aber es war alles so schnell passiert.
Nun saß sie unter einem einsamen Vordach, umklammerte sich selbst, während die Kälte in ihre Knochen kroch. Ihr Körper zitterte. Ihre Lippen bebten.
Sie war allein. Verloren. Zerbrochen.
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„Ich glaube, sie ist eine Feindin.“
Leahs Augen rissen auf, als sie die Stimme hörte. Ihr Herz raste, als sie sich aufrichtete. Eine Gruppe von Jungen stand um sie herum – und ein Mädchen war auch dabei. Einer der Jungen stach heraus, stand direkt neben dem Mädchen. Er war groß, breit gebaut und sein Gesicht war eiskalt und undurchschaubar. Sein Aussehen allein konnte jede Frau zum Innehalten bringen – doch der Blick in seinen Augen ließ Leahs Blut gefrieren.
Sie begann zu zittern.
„Ich bin keine Feindin“, flüsterte sie, ihre Stimme bebte vor Angst. Ihr Verstand raste. Von einem Albtraum in den nächsten.
„Finn, findest du nicht auch, sie sieht aus wie eine Spionin?“, fragte einer der Jungs und sah zu dem, der offenbar ihr Anführer war.
„Ich bin keine. Bitte… ich bin nur ein obdachloses Mädchen“, flehte Leah, ihre Stimme brach. Sie wagte es nicht, ihnen direkt in die Augen zu sehen. „Ich wollte niemandem schaden…“
Finn trat vor.
„Vielleicht hast du recht“, murmelte er düster und sah sie mit Misstrauen an. „Was, wenn diese Idioten endlich klüger geworden sind und jemanden geschickt haben, um mich auszuspionieren?“
Seine Stimme war kalt wie Eis. Er hockte sich vor sie, brachte sich auf ihre Augenhöhe. Leah zuckte zusammen, als er ihre Kinn packte und ihr Gesicht anhob.
Sie konnte das Zittern nicht unterdrücken.
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, flüsterte sie, Tränen stiegen ihr in die Augen. „Bitte… das ist ein Missverständnis. Ich wollte hier nur übernachten. Ich habe keinen anderen Ort.“
Ihre Stimme war kaum noch hörbar, voll Verzweiflung. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in flachen Atemzügen, während sie auf das wartete, was als Nächstes kommen würde.
„Finn, vielleicht haben wir sie wirklich falsch eingeschätzt“, sagte das Mädchen leise und trat näher. „Sie sieht nicht aus wie eine Spionin. Sie blutet, ist voller Angst – wenn sie eine Spionin wäre, hätte sie sich doch einen besseren Zugang gesucht, so wie deine Ex damals.“
Finns Kiefer spannte sich an. Seine Augen ruhten weiter misstrauisch auf Leah. „Wir können niemandem trauen“, sagte er kalt. „Was, wenn das ihre neue Taktik ist? Sie wissen, dass wir nachts Patrouille machen. Was, wenn das hier eine Falle ist?“
Das Mädchen lachte leise. „Ich versteh’s ja. Du bist vorsichtig – immer. Aber ehrlich… siehst du nicht den Unterschied zwischen Verzweiflung und Training? Sie ist verletzt, zittert, bricht fast zusammen. Sie braucht Hilfe.“
Finns Blick wurde schmal. „Und was, wenn du dich irrst? Was, wenn sie doch eine Spionin ist?“
„Dann übernehme ich die volle Verantwortung“, sagte das Mädchen fest. „Aber bitte… lass uns ihr helfen. Mein Gefühl sagt mir, dass sie nicht ist, wofür du sie hältst.“
Finn seufzte. „Gut. Dann überprüf sie. Wenn irgendetwas Verdächtiges dabei ist, greifen wir ein – sofort.“
Er stand auf und drehte sich um, ging ein paar Schritte weg, während das Mädchen sich Leah zuwandte.
„Keine Angst“, flüsterte sie sanft, hockte sich zu ihr hin, durchsuchte ihre Tasche, tastete ihre Kleidung ab und sah dann auf.
„Nichts Gefährliches. Nur ein paar Dokumente, ein Laptop, ein Stift und ein kaputtes Handy.“
Finn drehte sich leicht um. „Gut. Dann lass sie. Lass sie schlafen.“
„Im Ernst?“ rief das Mädchen ihm hinterher, fassungslos. „Finn, hast du dein Herz komplett verkauft? Wie kannst du so grausam sein? Wenn wir sie hierlassen, stirbt sie womöglich! Du weißt, wie gefährlich dieses Viertel nachts ist!“
Finn blieb stehen. „Verdammt… gut! Aber sie ist jetzt dein Problem. Wenn etwas passiert – deine Verantwortung.“
Mit einem tiefen Seufzen und einer Handbewegung fügte er hinzu: „Bringt sie nach Hause. Stellt sicher, dass sie in Sicherheit ist. Holt einen Arzt, der ihre Wunden versorgt.“
Das Mädchen lächelte sanft… sie wollte Leah beim Aufstehen helfen, doch Leah stöhnte vor Schmerz auf.
„Ich glaube, sie hat wirklich starke Schmerzen. Jemand soll ihr helfen“, sagte das Mädchen besorgt.
In diesem Moment – ein Schuss.
Ein scharfer Knall durchbrach die Nacht.
Alle erstarrten.
„Schüsse“, murmelte einer der Männer, zog sofort seine Waffe.
Finns Gesicht wurde hart. „Absichert den Bereich! Sofort!“, befahl er mit schneidender Stimme.
Ohne zu zögern, rannten die Männer in alle Richtungen, verschwanden im Schatten.
„Ich bringe sie heim“, sagte Finn, seine Stimme jetzt leiser, fast widerwillig, während er Leah ansah, die noch immer zitternd am Boden lag.
Das Mädchen sah ihn überrascht an. „Du?“
Finn antwortete nicht. Er ging einfach auf Leah zu, zog seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schultern.
„Komm“, sagte er ruhig, sein Blick traf ihren. „Du bist hier nicht sicher.“