Kapitel 2
Analises Perspektive
Ich hatte seit über drei Jahren nicht mit Holden Vaughn gesprochen. Seit ich unsere arrangierte Ehe, die unsere Eltern eingefädelt hatten, abgesagt hatte. Ich wollte eigentlich nicht mehr mit ihm sprechen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließe. Er wusste nicht, warum das so war. Aber soweit es mich betraf, musste er es auch nicht unbedingt erfahren. Wenn er damals tatsächlich über uns nachgedacht oder sich überhaupt um mich gekümmert hätte, hätte er es herausfinden können. Aber ihn damit zu konfrontieren, würde die Freundschaft zwischen ihm und meinem Bruder zerstören. Ich hatte nicht gewusst, dass Holden überhaupt wieder in der Stadt war. Er hatte mir einen Gefallen getan. Denn Roger hätte mich völlig überrumpelt, wenn er mir dieses Video nicht geschickt hätte.
Sobald ich mich beruhigt hatte, nahm ich mir mein Handy. Mein erster Anruf ging an meine beste Freundin, Gwen Simpson. „Was gibt's, Ana? Wir haben uns doch gerade erst bei unserem wöchentlichen Treffen gesehen? Hast du vergessen, mir etwas zu erzählen?“, fragte Gwen amüsiert.
„Ich werde dir morgen meine neueste Sammlung von Schmuckdesigns vorbeibringen. Gleich am Montagmorgen musst du sie bitte für meine Firma urheberrechtlich eintragen lassen. Ich werde Roger nicht erlauben, seine schmutzigen Finger daran zu bekommen“, antwortete ich.
„Ich dachte, du würdest Roger die Entwürfe für seine erbärmliche kleine Firma überlassen?“, erwiderte Gwen. Mir entging nicht, wie spöttisch sie Rogers Namen aussprach.
„Ich habe es mir anders überlegt. Und die Hochzeit ist abgesagt! Ich werde meine Anteile verkaufen und seine Firma einen langsamen, qualvollen und auch teuren Tod sterben lassen. Das ist es, was er verdient“, sagte ich fest entschlossen.
„Was hat er denn getan?“, fragte Gwen. Ich konnte hören, dass sie bereits wütend auf ihn war.
„Da ich dafür gesorgt habe, dass seine Firma nun reibungslos läuft, ist Sasha plötzlich zurück. Er will ihr meine Position geben und sie zur Leiterin der Designabteilung machen. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie meine Designs benutzt, um ihren eigenen Ruf zu verbessern. Das wird nicht passieren! Sie kann Roger gerne haben. Ich bezweifle jedoch, dass sie ihn noch will, wenn er am Boden ist. Sie ist schließlich nur zurückgekommen, weil er jetzt Erfolg hat. Er denkt, sie liebt ihn, aber das ist jetzt sein Problem. Von nun an werde ich nur noch bei Fashion Forward arbeiten. Ich weigere mich, jemandem zu helfen, der lügt und betrügt“, sagte ich, wobei meine Stimme zu brechen begann. Ich hätte mir wahrscheinlich vorhin etwas Zeit zum Weinen nehmen sollen, anstatt sofort meine nächsten Schritte zu planen. Aber ich wollte einfach direkt am Montag durchstarten.
„Ich komme sofort vorbei, Ana! Ich möchte nicht, dass du heute Nacht allein bist. Wir veranstalten einfach eine Übernachtungsparty. Wie damals, als wir noch Kinder waren“, bestand Gwen darauf.
„Nein, mir geht es wirklich gut. Ich habe es gerade erst erfahren, deshalb bin ich so aufgebracht. Ich muss erst einmal um die Beziehung trauern, denn für mich war sie echt. Auch wenn er nie wirklich etwas für mich empfunden hat, so habe ich ihn doch geliebt. Ich dachte, dass er mich mochte und dass daraus eines Tages auch bei ihm Liebe entstehen würde. Ich nehme an, ich habe mich in vielen Dingen geirrt. Ich habe jetzt eine Woche Zeit, um alles zu erledigen, was nötig ist. Anscheinend nimmt Roger sie für ihre Flitterwochen mit nach Paris. Oh, aber das ist noch gar nicht das Beste, Gwen! Sasha ist auch noch schwanger! Und laut ihnen ist es sogar Rogers Baby“, erzählte ich. Als ich ihr schockiertes Keuchen hörte, begannen meine Tränen zu fließen.
„Ich mochte dieses kleine Arschloch noch nie! Du verdienst einen so viel besseren Mann, Ana. Ich habe nie verstanden, warum du Holden letztendlich doch nicht wolltest. Ich erinnere mich noch gut daran, wie verliebt du in ihn gewesen warst. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder mit ihm zusammenzukommen“, schlug Gwen vor.
„Niemals! Ich würde ihm niemals eine Chance geben. Er hat mir vielleicht heute Abend geholfen, indem er mir das Video geschickt hat, aber ich kann ihm nicht vertrauen. Nicht mehr“, schaffte ich es, zu antworten.
„Ich bin in zwanzig Minuten bei dir! Ich möchte unbedingt dieses Video sehen. Also, Holden ist wieder in der Stadt?“, fragte Gwen.
„Ja, anscheinend ist er zurück. Er war zumindest derjenige, der mir das Video geschickt hat“, antwortete ich.
Wir legten auf und ich versuchte, meine Emotionen zu sammeln. Gwen wohnte nur zehn Minuten von mir entfernt, also war ich mir sicher, dass sie innerhalb von zwanzig Minuten hier sein würde. Sie brauchte ja nur eine Übernachtungstasche. Ich brauchte ein Trostessen und ich hatte nicht vor zu kochen. Also bestellte ich eine Pizza für mich und eine für Gwen. Sie würde in vierzig Minuten hier sein. Das war gerade genug Zeit, um zu duschen, Gwen zu begrüßen und ihr zu zeigen, wie dieser Mistkerl mir angetan hatte. Ich musste mir das Video selbst noch einmal ansehen.
Ich duschte schnell und zog mir meinen bequemsten Schlafanzug sowie ein weiches Paar Socken an. Ich brauchte jetzt so viel Komfort, wie ich nur kriegen konnte. Ich trocknete meine Haare, bevor ich in die Küche ging, um nach einem Getränk zu suchen. Ich schaute kurz auf den Wein, griff dann aber nach einer Flasche Wasser. Ich war jetzt auf einer Mission. Operation „Verbrannte Erde“ würde nun gleich beginnen. Also brauchte ich einen klaren Kopf für meine Pläne. Ich fühlte mich nicht schlecht wegen der Dinge, die ich Roger antun würde. Wenn er ehrlich zu mir gewesen wäre, anstatt sich bereit zu erklären, mich zu heiraten, wären wir gar nicht erst in diese Situation geraten. Aber als er der Verlobung zugestimmt hatte, war Sasha nicht in der Stadt gewesen. Ich vermutete, dass sie eine bedeutende Rolle in dieser Sache spielte.
Wenn diese Schlampe dachte, dass sie meine Designs stehlen konnte, dann machte sie sich definitiv Illusionen. Roger konnte sie ihr auch nicht mehr geben. Ich nahm mein Handy, um einen weiteren wichtigen Anruf zu tätigen. Ich hatte mit Roger nie über meine Eltern gesprochen. Er dachte, dass ich durch den Tod meiner Eltern an mein Geld gekommen war. Ich hatte ihm nie die Wahrheit gesagt. Laut meiner Biografie war ich eine Waise, also hatte sie einander nie vorgestellt. Sie wussten aber, wer er war. Und weil ich glücklich war, waren sie es auch. Das war jetzt aber nicht mehr der Fall!
Eigentlich kannte er meine Eltern aber dennoch. Denn jeder kannte die Familie Caldwell. Das war ja auch der Grund, warum ich sie ihm nie hatte vorstellen können. Meine Tarnung wäre sofort aufgeflogen. Ich war so dankbar, dass Holden mir einen Hinweis gegeben hatte. Ich hätte es gehasst, meine Jungfräulichkeit an einen Mann wie Roger zu verlieren. Ich war eine ziemliche Spätzünderin. Denn ich war die meiste Zeit meiner Teenager- und Erwachsenenjahre übergewichtig und völlig auf mein Studium konzentriert gewesen. Für mich waren nur mein Studium und das Geschäft, das ich im letzten Studienjahr gegründet hatte, wichtig gewesen. Ich war damit also auch ständig beschäftigt gewesen.
Fashion Forward, meine Firma, war mir auch jetzt noch sehr wichtig. Ich hatte viel Zeit damit verbracht, mein Studium abzuschließen und meine Modemarke aufzubauen. Ich war die Inhaberin, aber ich hatte Gwen zu meiner Geschäftsführerin ernannt. Meine andere beste Freundin, Emily Thomas, war unser Hauptmodel. Ich fand jetzt, dass der Name der Firma ein wenig unreif klang. Aber als ich ihn mir ausgedacht hatte, war ich schließlich erst achtzehn gewesen. Mittlerweile war ich siebenundzwanzig und meine Firma war relativ bekannt und hatte einen guten Ruf. Daher war es nun auch einfach zu spät, ihn noch zu ändern. Abgesehen vom Namen war ich sehr stolz auf mein Unternehmen.
Emily trug unsere Kleidung, modelte für die Handtaschen- und Schmuckwerbung und sogar für unsere Schuhkollektion. In den letzten anderthalb Jahren war ich beschäftigter denn je gewesen und hatte währenddessen über fünfundzwanzig Kilo abgenommen. Ich war ziemlich glücklich darüber und fühlte mich jetzt wohl in meiner Haut. Viel mehr als je zuvor. Meine Eltern hatten mich immer geliebt und unterstützt. Mein älterer Bruder, Seth Caldwell, war auch immer einer meiner größten Unterstützer gewesen. Unabhängig von meinem Gewicht hatten sie mich immer geliebt. Sie waren auch unglaublich stolz auf meine Leistungen.
Ich trug immer noch lockere Kleidung, sodass niemand bei der Arbeit meinen Gewichtsverlust bemerkt hatte. Meine Familie und meine beiden besten Freundinnen waren die Einzigen, die es bemerkt hatten. Ich war ziemlich beschäftigt damit, mein eigenes Unternehmen zu führen und Roger beim Wachstum seines Unternehmens zu helfen. Die Planung meiner Hochzeit war zusätzlich zu allem anderen auch eine überwältigende Aufgabe gewesen. Ich hatte vor zwei Monaten sogar einen Zusammenbruch erlitten, als Roger sich gerade im Ausland aufgehalten hatte. Gwen und Emily hatten mich an jenem Tag, ins Krankenhaus bringen müssen. Ich war stark dehydriert und mein Blutzucker war sehr niedrig gewesen. Danach hatte ich drei Tage lang im Krankenhaus bleiben müssen.
Ich hätte eigentlich damals schon erkennen sollen, was für ein Arschloch Roger tatsächlich war. Er war von seiner Reise zurückgekommen, bei der ich mir nun sicher war, dass sie nur dazu gedient hatte, sich mit Sasha zu treffen. Dann hatte er mich angeschrien, weil ich die Arbeit verpasst hatte. Er hatte gesehen, dass ich blass gewesen war. Aber Dixon hatte ihm erzählt, dass ich mich auf der Arbeit krankgemeldet hatte, während er weg gewesen war. Ich erinnerte mich noch ganz genau an den Streit, den wir an jenem Tag darüber geführt hatten. Dixon hatte natürlich voll hinter Roger gestanden und ihn auch noch dazu ermutigt, sich mit mir zu streiten.
„Elizabeth, du kannst dich nicht einfach krankmelden, wann immer du willst! Du musst hier sein, wenn ich nicht hier sein kann! Was hast du dir nur dabei gedacht?“, hatte Roger mich angeschrien.
Ich hatte meine volle Gesichtsfarbe noch nicht zurückerlangt gehabt und hatte sehr blass ausgesehen. Wenn ich ihm auch nur irgendetwas bedeutet hätte, hätte er das auch bemerkt. Ich hatte meine Arbeit in Rogers Firma, die Juwelier Cook hieß, immer sehr gewissenhaft ausgeführt. Sonst hätte ich mich schließlich damals nicht gezwungen, in die Firma zu gehen, nur einen Tag nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. „Wo warst du überhaupt, Roger? Du hast keinen Urlaub genommen. Du hast mich nicht benachrichtigt, dass du überhaupt eine Reise machst. Ich hatte einen medizinischen Notfall! Es lag nicht in meiner Hand. Du warst nicht geschäftlich unterwegs, also warum warst du nicht hier?“, hatte ich ihn wütend gefragt.
Ich hatte mich an jenem Tag nicht gut genug gefühlt, um ihn auch noch zu verhätscheln. Er war sehr überrascht über meine Reaktion gewesen. Ich hatte alle Investoren für die Firma gewonnen und wir hatten keine Meetings im Ausland geplant. Als ich ihn gefragt hatte, wo er gewesen war und was er getan hatte, hatte sich sein Ton komplett geändert. Er hatte plötzlich besorgt gewirkt. Dann hatte er zu Dixon gesagt, dass er damit aufhören sollte, Probleme zwischen uns zu verursachen. Wenn es mir nicht so schlecht gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich bemerkt, dass etwas nicht gestimmt hatte. Jetzt, wo ich darüber nachdachte, musste ich fast darüber lachen. Ich war eigentlich zu klug, um auf seine Lügen reinzufallen, und doch hatte er mich hintergangen.
Ich nahm das Handy und rief meine Mutter an. Meine Eltern mussten wissen, was passiert war. Sie würden sofort damit beginnen, die notwendigen Anrufe zu tätigen. Sie hatten Rogers Geschäft stillschweigend durch ihre Investitionen unterstützt. Sie würden nun ihren Geschäftspartnern sagen, dass sie den Juwelier Cook künftig nicht mehr unterstützen würden. Auch ihre Freunde würden daraufhin alle ihre Investitionen zurückziehen. Danach war es nur eine Frage der Zeit, bis das Unternehmen bankrott gehen würde.
Das Problem war, dass sich mein Hals zusammenzog, sobald meine Mutter, Alicia, den Hörer abnahm und ich ihre Stimme hörte. Ich fing an zu weinen, trotz all meiner Anstrengungen, es nicht zu tun. Ich konnte sie mit mir sprechen hören. Ich konnte meinen Vater im Hintergrund hören, aber ich konnte nicht sprechen. Ich hörte meine Mutter sagen: „Wir sind in zehn Minuten da, Schatz! Halte durch, wir kommen!“
Ich weinte unter der Dusche. Ich dachte, ich hätte genug geweint. Ich dachte, ich würde von nun an nur noch Wut empfinden. Aber ich hatte falsch gelegen. Die Stimme meiner Mutter zu hören, brachte all den Schmerz zurück, den er mir zugefügt hatte. Ich weinte um den Verlust der Beziehung, die ich für echt gehalten hatte. Ich hatte gedacht, dass ich ihm etwas bedeuten würde. Nicht nur wegen meines Talents, sondern wegen allem, was ich für ihn getan hatte.
Er hatte mit mir geflirtet. Er hatte mich gut behandelt. Ich hatte gewusst, dass er sich noch nicht in mich verliebt hatte, aber ich hatte gehofft, dass er mit der Zeit anfangen würde, mich zu lieben. Ich war immer diejenige gewesen, die sich Mühe gegeben hatte, während er nicht einmal das Mindeste für mich hatte tun können. Ich hatte gedacht, er wäre ein guter Mann. Jetzt erkannte ich ihn als das, was er wirklich war: Er war jemand, der mich jahrelang ausgenutzt hatte. Aber wenn er dachte, dass er mich ausnutzen und damit durchkommen konnte, dann hatte er sich getäuscht.