Kapitel 3
Analises Perspektive
Ein Klopfen ertönte an meiner Tür und als ich sie öffnete, sah ich Gwen und Emily dort stehen. Sie sahen aus, als wollten sie Roger eine Abreibung verpassen.
„Also, Gwen hat mir erzählt, dass dieses Arschloch Sasha geheiratet hat! Was hat er sich nur dabei gedacht?“, fragte Emily, während sie ihre Übernachtungstasche unter meinem Computertisch abstellte.
„Ich erzähle es euch gleich, wenn alle da sind“, brachte ich heraus. Sie wussten, dass ich geweint hatte. Denn es war offensichtlich. Meine Augen waren rot und geschwollen. Außerdem hatte ich noch Tränen im Gesicht, die ich versucht hatte wegzuwischen.
„Alle?“, fragte Gwen.
Erneut ertönte ein Klopfen an der Tür, noch bevor ich antworten konnte. Ich schaute durch den Türspion und sah meine Mutter vor der Tür stehen. Mein Vater hatte sie wahrscheinlich draußen vor dem Haus abgesetzt. „Hey, Mama!“, sagte ich, als ich die Tür öffnete.
Sie umarmte mich, bevor ich zurücktreten konnte, um sie in mein Apartment zu lassen. Ich ließ sie mich umarmen, atmete ihren Duft ein und erinnerte mich daran, dass ich aus einer Reihe starker Frauen stamme. Ich brauchte sie heute Abend. Morgen würde ich dann meinen Plan verfeinern. Aber ich wusste, dass ich sie heute hier bei mir haben musste. Ich fühlte mich ein wenig schlecht, weil ich Seth nichts davon erzählt hatte. Aber wenn ich es täte, würde er Roger sofort aufsuchen und ihn verprügeln. Davon war ich überzeugt. Im Moment konnte ich allerdings noch nicht zulassen, dass sie herausfinden würden, dass ich bereits wusste, was sie vorhatten.
Ein weiteres Klopfen ertönte an der Tür. Ich öffnete sie und sah meinen Vater dort stehen. Der Pizzalieferant war gerade gegangen. Die Pizzen waren schnell angekommen und ich wünschte, ich hätte mehr als zwei Pizzen bestellt. Aber ich hatte sowieso keinen Hunger mehr. Ich war viel zu wütend, um zu essen.
Sobald mein Vater die Tür geschlossen hatte, fragte er: „Also gut, was hat dieser kleine Wurm getan? Er war eh nie gut genug für dich, Ana. Ich weiß, dass du ihn mochtest, aber du musst lernen, Menschen besser zu lesen. Ich wusste von dem Moment an, als ich ihn das erste Mal sah, dass er kein Talent hatte. Du hast mehr Talent in deinem kleinen Finger als er in seinem ganzen Körper. Du hast ihn nie gebraucht, Schatz! Er brauchte dich. Wenn du ihm nicht geholfen hättest, hätte er seine Firma nie an die Börse bringen können. Hoffentlich hast du meine Anweisungen befolgt. Er hat wirklich schon genug von deiner Zeit verschwendet. Was soll ich tun?“
Ich umarmte ihn fest. Allein zu hören, wie sehr er mich unterstützte, half dabei, das Gewicht auf meiner Brust zu lindern. Ich fühlte mich, als hätte ich sie enttäuscht. Ich war schließlich bereits siebenundzwanzig und wusste, dass sie beide Enkelkinder wollten. Außerdem war uns allen klar, dass Seth nicht bereit war, sesshaft zu werden. In dieser Hinsicht war er genau wie Holden. Beide waren bereit, mit jeder Frau zu schlafen, die sie wollte. Ganz egal, wie abscheulich die Person tatsächlich war.
Ich war erleichtert, dass ich nicht mehr weinen musste. „Ich werde euch jetzt ein Video zeigen, das Holden mir geschickt hat. So kann ich euch schneller auf den neuesten Stand bringen“, erklärte ich.
Ich bat meine Eltern, sich zu setzen, bevor ich hinter das Sofa trat, um mich zwischen Emily und Gwen zu stellen. Ich hatte gehofft, dass es dieses Mal einfacher werden würde, das Video anzusehen. Aber ich vermutete, dass dem nicht so sein würde. Ich sah distanziert zu, wie es diesmal viel schneller ablief. Denn ich musste das Video nicht wie beim ersten Mal mehrfach pausieren. Ich hatte das wahrscheinlich getan, um mich innerlich zu stärken und auf den Schmerz vorzubereiten, von dem ich wusste, dass er kommen würde. Als das Video endete, startete mein Vater das Video sofort erneut. Ich konnte die Wut spüren, die in Wellen von ihm ausstrahlte. Er war extrem wütend und meine Mutter ebenso. Als es das zweite Mal endete, herrschte Stille im Raum.
„Dieser Bastard! Er hat dein Talent und dein Geld genutzt, um sein Geschäft auszubauen. Und jetzt hintergeht er dich und will versuchen, dir alles wegzunehmen?“ Gwens ungläubige Stimme wurde mit jedem Wort lauter.
„Du darfst ihm das nicht durchgehen lassen, Ana! Bitte sag mir, dass du einen Plan hast. Ich helfe dir gerne, wo ich kann“, sagte Emily fest entschlossen.
„Ich habe einen Plan und werde ihn am Montag in die Tat umsetzen. Gwen wird meine Designs in meinem Namen und im Namen meines Unternehmens registrieren lassen, da wir sie bei Fashion Forward einsetzen werden. Ich bin eigentlich froh, dass Rogers Firma an der Börse notiert ist. Denn das wird den Verkauf meiner Anteile erheblich erleichtern. Sie sollten sich ziemlich schnell verkaufen lassen, da das Unternehmen derzeit ja noch gut läuft. Wenn ich dann weg bin, wird das natürlich nicht mehr der Fall sein. Roger nimmt Sasha nächste Woche auf eine Hochzeitsreise nach Paris mit und ich werde am nächsten Freitag meine Kündigung einreichen. Ich muss dem Unternehmen nicht zu viel Vorlaufzeit geben. Ich möchte nicht, dass Roger zu früh zurückkommt. Mein Unternehmen läuft sehr gut. Ich werde meine Anteile an seiner Firma verkaufen, bevor er überhaupt merkt, dass es Probleme gibt. Keine Sorge, Papa. Ich habe getan, was du und Mama mir geraten habt. Ich bin froh, dass ihr mich gewarnt habt. Sonst hätte ich viel verloren“, antwortete ich.
„Dieser herzlose Mistkerl! Er sollte eigentlich dich nach Paris auf deine Hochzeitsreise mitnehmen“, erwiderte Gwen mit Gift in der Stimme.
Gwen war meine beste Freundin. Sie stand immer hinter mir und ich wusste, dass ich ihr mein Leben anvertrauen konnte. Egal was passieren würde, sie hatte immer nur mein Bestes im Sinn. Sie hatte mein Unternehmen all die Jahre mit Integrität geführt. Mein Vater hatte zuvor darauf geachtet, bis wir unser Studium abgeschlossen hatten. Er hatte einen Verantwortlichen eingestellt, bis Gwen sich sicher gefühlt hatte. Ich hätte damals schon auf Gwen hören sollen. Seit ihrem ersten Treffen hatte sie Roger schon nicht über den Weg getraut. Ich hatte mich einfach nur von seinem guten Aussehen blenden lassen.
Mit achtundzwanzig Jahren war er der älteste Sohn seiner Familie. Er war in seinem letzten Studienjahr, als wir uns kennenlernten. Er war gutaussehend, hatte markante Gesichtszüge, blonde Haare und blaue Augen, in die ich mich sofort verliebte. Ich hatte mich immer übergewichtig gefühlt, besonders in Gruppen. Aber Roger hatte so getan, als ob er mich so akzeptierte. Er hatte seinen Charme spielen lassen und ich war sofort darauf hereingefallen. Ich hatte mir immer jemanden gewünscht, der stolz darauf war, mit mir gesehen zu werden. Und er hatte mir dieses Gefühl gegeben, zumindest am Anfang.
Jetzt konnte ich die Vergangenheit allerdings klarer bewerten. Er hatte mich einfach gebraucht. Mein Professor hatte in meinem letzten Studienjahr erwähnt, dass er Roger erzählt hatte, was für eine talentierte Designerin ich war. So war ich auf sein Radar gekommen. Roger hatte mich danach aktiv verfolgt. Aber nicht weil er mich mochte, sondern weil er wusste, dass ich ihn mochte. Diese Tatsache hatte er dann schamlos ausgenutzt. Er war ein gutaussehender Mann, aber als ich mir nun das Video erneut angesehen hatte, konnte ich endlich die offensichtlichen Mängel erkennen. Sein schwaches Kinn, seine schmalen Lippen und vor allem seine Fähigkeit, mir direkt ins Gesicht zu lügen und es wie die Wahrheit klingen zu lassen.
Ich war eine kluge Person. Ich hätte realisieren sollen, was er tat. Aber ich war so glücklich, dass jemand, den ich attraktiv fand, mich auch attraktiv fand. Es hatte mich die bittere Wahrheit ausblenden lassen. Ich hatte gedacht, dass ich endlich den Mann gefunden hatte, der mich für den Rest meines Lebens lieben und sich um mich kümmern würde. Selbst vor zwei Jahren, als er begann, sich von mir zurückzuziehen, hatte ich sein Verhalten immer noch entschuldigt. Seine Freunde hatten mich nie respektiert, aber Roger hatte ihnen auch nie gesagt, dass sie aufhören sollten, mich zu beleidigen. Durch ihr Verhalten hatten sie mich von ihren Treffen ferngehalten, da ich es nicht mochte, mit ihnen abzuhängen. Sie waren auch heute noch genauso widerlich wie er.
Ich hatte meine eigenen Designs schon immer geschützt. Jegliche Urheberrechte hatte ich unter meinem Namen eintragen lassen. Ich erlaubte Rogers Firma lediglich, meine Designs zu verwenden. Jetzt hatte ich meine Meinung zu diesem Thema natürlich geändert. Ich würde ihnen nicht mehr erlauben, sie noch weiterhin zu verwenden. Ich würde jetzt die besten Designs in meinem eigenen Unternehmen verwenden. Da Sasha ja unbedingt die Designabteilung leiten wollte, würde ich sie das machen lassen. Was auch immer sie sich einfallen lassen würde, könnten sie dann in Zukunft gern verwenden. Ich würde immer die Designs besitzen, die mein Team in der Designabteilung entwickelt hatte. Ich hatte den Mitarbeitern in Rogers Firma Vorschläge zur Verbesserung ihrer Designs gemacht und auch dann und wann mit Tipps und Tricks geholfen. Diese Zeiten waren nun vorbei. Von nun an würde ich mich ausschließlich darauf konzentrieren, mein Unternehmen zu vergrößern.
„Ich werde den Juwelier Cook in den Boden stampfen. Ich weiß, dass Rogers Vater, Scott, in letzter Zeit daran interessiert war, einen Anteil am Unternehmen zu erwerben. Ich werde ihm das gerne ermöglichen, indem ich ihm meine Unternehmensanteile anbieten werde. Ich glaube, Scott wird die Gelegenheit nur zu gerne ergreifen, weil er glauben wird, dass ihm eine lukrative Gelegenheit einfach so in den Schoß fällt“, sagte ich mit einem Lächeln.
„Das tut mir alles so leid für dich, Schatz. Keiner von uns mochte Roger jemals! Aber du weißt, dass du die arrangierte Ehe mit Holden immer noch in Betracht ziehen kannst. Er sorgt sich offensichtlich um dich, sonst hätte er dir das Video nicht geschickt, um dich zu warnen“, sagte meine Mutter.
„Nein!“, erwiderte ich scharf. Ich musste mich zwingen, mich zu beruhigen. Dann sprach ich sanfter zu ihr: „Es tut mir leid, Mama. Aber mir wurde gerade das Herz gebrochen. Außerdem will ich nicht mit Holden zusammen sein. Ich werde ihn nicht zwingen, die Vereinbarung zwischen den Familien einzuhalten. Es tut mir leid, aber zwischen Holden und mir wird es nicht funktionieren. Es gab einen Grund, warum ich ihn aus meinem Leben ausgeschlossen habe. Er respektiert mich nicht und das Wissen darum macht es mir unmöglich, ihn zu heiraten. Es gibt keinen Grund, ihn dazu zu drängen, jene Vereinbarung einzuhalten. Ich kenne bereits seine Meinung zu dem Thema.“
Ich sah das Stirnrunzeln auf den Gesichtern meiner Eltern. Das war neu für sie. Ich hatte nie jemandem erzählt, was passiert war, aber ich wollte jetzt auch nicht detaillierter darauf eingehen. Ich hatte Holden einst verehrt. Ich hatte zu ihm aufgeschaut und ihn bewundert. Ich wusste, dass ich gerade vielleicht zu viel erzählt hatte, weil ich so aufgebracht war. Aber ich konnte meine Worte jetzt auch nicht mehr zurücknehmen. Holden hatte seine Entscheidung getroffen und ich würde sie respektieren. Es sollte ausreichen, dass ich meine Familie vor dem, was passiert war, geschützt hatte. Es hätte unsere Familien auseinandergerissen. Er wäre nicht mehr Seths bester Freund gewesen, wenn das herausgekommen wäre.
Unsere Familien waren mein ganzes Leben lang eng befreundet gewesen. Ich hatte meist Ausreden gefunden, um nicht an ihren Dinnerpartys teilnehmen zu müssen. Als Holden dann vor fünf Jahren die Stadt verließ, wurde alles viel einfacher. Ich begann, wieder bei Veranstaltungen aufzutauchen, nachdem er nicht mehr da war. Es sei denn, ich wusste, dass er in der Stadt war. Meine Eltern und Seth waren damals natürlich misstrauisch, aber ich hatte mein Verhalten immer damit entschuldigt, dass ich zu beschäftigt war. Ich war ja auch wirklich beschäftigt. Ich hatte quasi zwei Unternehmen selbst geführt, während Roger keine Ahnung hatte, was er eigentlich tat. Wir hatten beide einen Abschluss in Betriebswirtschaft, aber er war dennoch fast völlig ahnungslos.
Außerdem hatte ich in den letzten acht Monaten auch noch zusätzlich unsere Hochzeit geplant. Komplett ohne seine Hilfe. Sie hatten meine Ausreden immer widerspruchslos akzeptiert, aber es auch nicht gemocht. Ich wusste, dass sie besorgt waren, aber sie beließen es dann meist einfach dabei. Ich dachte, sie waren sich alle bewusst, dass ihnen die Sache, wenn sie ihr tatsächlich auf den Grund gehen würden, heftig um die Ohren fliegen könnte. Außerdem wussten sie, dass ich keine Flausen im Kopf hatte und sie mir vertrauen konnten. Ich hatte gedacht, dass ich alles im Griff hatte. Aber offensichtlich hatte ich keine Ahnung gehabt, wenn es um Roger ging. War ich so darauf fokussiert gewesen, Holden zu ersetzen, dass ich bereit gewesen war, mich für den Rest meines Lebens mit einem viel schlechteren Mann zufrieden zu geben? Ich war mir nicht sicher. Aber ich wusste, dass ich von nun an nur noch für mich selbst leben würde.
„Deine Mutter und ich werden dir helfen, Ana. Ich werde niemals zulassen, dass jemand dich verletzt, ohne dafür die Konsequenzen tragen zu müssen“, sagte mein Vater. Ich wusste, dass er damit auch Holden meinte. Aber im Moment war ich einfach nur voller Dankbarkeit. Ich konnte immer auf die Liebe und Unterstützung meiner Eltern zählen. Denn ich wusste in meinem Herzen, dass dies viel mehr war, als ich alleine bewältigen konnte. Also war ich froh über ihre Hilfe. Es war nun an der Zeit, allen zu zeigen, wer ich wirklich war!