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Die Sünden des Wächters

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Vor zehn Jahren schwor Dante Vance, der unangefochtene Don des Vance-Syndikats, seinem sterbenden Mentor einen Eid: Er würde Alexis Vance um jeden Preis beschützen und dafür sorgen, dass ihre Hände vom Blut seiner Welt unberührt blieben. Er versteckte sie in goldenen Käfigen und ermöglichte ihr ein ruhiges, unbeschwertes Leben fernab seines blutigen Imperiums.Alexis wuchs in seinem Schatten auf, nach außen hin gehorsam, während sie heimlich ihr eigenes Imperium aufbaute – als Geheimdienstmaklerin, bekannt nur unter dem Namen „The Viper“. Als ein interner Putsch Dantes Syndikat zu zerstören droht, ist Dante bereit, alles zu opfern, um sie zu beschützen. Doch Alexis hat es satt, die hilflose Dame zu spielen. Um den Mann zu retten, der sie ihr ganzes Leben lang beschützt hat, muss sie ihre dunkle Seite offenbaren – und riskieren, dass er das Monster hasst, das er versehentlich geschaffen hat.

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Kapitel 1: Mitternachtskonvoi
Der Regen über Manhattan fiel nicht so sehr, als dass er in heftigen Strömen gegen die raumhohen Glasfronten prasselte, und drei Stockwerke tiefer, in den Gewölben des Vance-Anwesens, drang bereits dasselbe Chaos herauf. Dante Vance stand ganz regungslos am Rand seines Mahagoni-Schreibtisches; sein anthrazitfarbener Anzug saß perfekt, konnte jedoch die Anspannung in seinen Schultern nicht verbergen. Mit sechsunddreißig Jahren führte er ein Imperium, das auf Blut und stillen Drohungen aufgebaut war, doch heute Nacht schmeckte die Luft nach Kupfer und Ozon – etwas stimmte nicht, und das konnte er nicht ignorieren. Unten räumten seine Männer die Überreste eines Killerkommandos auf, das es irgendwie geschafft hatte, die Sicherheitszone zu durchbrechen. Das hätte eigentlich nicht möglich sein dürfen. Jemand aus den eigenen Reihen hatte die Codes verraten. Die schweren Messingtüren klickten auf, und Alexis trat ein, flankiert von zwei Wachen, die noch nervöser wirkten als sie selbst. Sie trug eine cremefarbene Seidenbluse und eine dunkle Hose, das Haar locker hochgesteckt, sodass man den Verlauf ihres Halses sehen konnte. Für jeden anderen sah sie aus wie das unschuldige Mädchen, das gerade aus der Gefahr gerettet worden war. Dantes Blick huschte zuerst über sie, um nach Verletzungen zu suchen, und als er keine fand, verwandelte sich die kalte Wut in seiner Brust in etwas Schlimmeres – eine Besitzgier, die sich anfühlte, als könnte sie sie beide ersticken. „Lasst uns allein“, sagte er, ohne die Wachen anzusehen. „Don Vance, die Absperrung ist noch nicht vollständig …“ „Raus.“ Das Wort leerte den Raum innerhalb von drei Sekunden. Die Türen schlossen sich hinter ihnen und schlossen die beiden ein. Er ging mit vier langen Schritten auf sie zu und blieb so nah stehen, dass er den schwachen Duft von Regen und Jasmin auf ihrer Haut wahrnehmen konnte. Seine Hand hob sich und umfasste ihr Kinn, wobei sein Daumen über ihren Wangenknochen strich, als müsse er sich vergewissern, dass sie echt war. „Hat dich einer von ihnen angefasst?“ Seine Stimme war leise, mit rauen Untertönen. Alexis zuckte nicht zusammen. Sie sah ihm unverwandt in die Augen. „Nein, Dante. Die Wachen haben mich in dem Moment weggebracht, als der Alarm losging.“ „Gut“, hauchte er, den Kiefer immer noch angespannt. „Denn wenn du heute Nacht geblutet hättest, hätte ich diese Stadt noch vor Sonnenaufgang niedergebrannt.“ Er ließ seine Hand sinken und schenkte sich zwei Fingerbreit Whiskey ein, den er nicht zu trinken gedachte; er hielt das Glas einfach nur fest, bis seine Knöchel weiß wurden. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagte er und wandte sich wieder ihr zu. „Du hättest hier unsichtbar sein sollen. In Sicherheit.“ Alexis betrachtete die Linie seiner Schultern. Vor zehn Jahren, nachdem ihr Vater getötet worden war, hatte Dante am Grab geschworen, dass er ihre Hände rein halten würde. Also hatte er sie in goldene Käfige gesperrt – Eliteschulen, abgelegene Anwesen – und sich eingeredet, sie sei eine stille Botanikerin, die nicht wissen müsse, wie schmutzig die Welt sein konnte. „Ich bin in Sicherheit“, sagte sie leise und trat einen Schritt näher. „Du bist derjenige, der unten in einem Raum voller Blut steht.“ Er drehte sich ruckartig zu ihr um. „Mach dir darüber keine Gedanken. Deine einzige Aufgabe ist es, dich davon fernzuhalten. Ich habe geschworen, dich zu beschützen, Alexis. Nicht nur dein Leben, sondern auch deinen Seelenfrieden. Du gehörst nicht in den Schlamm, wo wir anderen sind.“ Das Wort „Gelübde“ traf sie wie ein Schlag. „Bin ich das alles, was ich für dich bin?“, fragte sie leise. „Eine Last, die du geerbt hast? Das Vermächtnis eines Geistes, das du bewachen musst?“ Bevor sie nachdenken konnte, war er schon in ihrer Nähe, so nah, dass die Luft zwischen ihnen elektrisiert schien. „Du weißt verdammt gut, dass du mehr bist als das.“ „Dann hör auf, mich wie eine Geisel zu behandeln!“ Die Frustration brach schließlich aus ihr heraus. „Ich bin keine Zwölf mehr. Ich sehe, wie das Syndikat zerfällt. Ich sehe, wie Julian dich ansieht, wenn du nicht hinschaust. Das Imperium blutet von innen aus, und du bist so damit beschäftigt, mich in eine Glasbox zu stecken, dass du das Messer in deinem Rücken nicht bemerkst.“ Er kniff die Augen zusammen. Jahrelang hatte er seine Gefühle für sie verdrängt, denn sie zu begehren, kam ihm wie ein Verrat an dem Versprechen vor, das er gegeben hatte. „Du wirst nicht so über meine Familie reden“, warnte er mit leiser werdender Stimme. „Und du wirst mir keine Vorträge darüber halten, wie ich mein Syndikat zu führen habe. Julian kennt seinen Platz.“ „Er kennt deine Schwäche“, entgegnete Alexis, während ihr Puls wie wild pochte. „Und im Moment glaubt er, dass ich das bin.“ Dante beugte sich vor, bis sein Atem ihre Lippen streifte. „Du bist meine einzige Schwäche. Deshalb wirst du bis Mitternacht verlegt.“ Ihr Herz setzte einen Schlag aus. „Wohin?“ „In den Norden des Staates. In die Anlage. Keine Besucher, keine externen Telefonverbindungen, bewachte Umzäunung. Du bleibst dort, bis ich herausgefunden habe, wer das angeordnet hat.“ „Nein“, sagte sie entschlossen. „Ich verstecke mich nicht im Wald, während du in eine Falle läufst.“ „Das ist keine Bitte, Alexis.“ Seine Hand glitt zu ihrem Nacken und zog sie so nah an sich heran, dass sie spüren konnte, wie schnell sein Herz schlug. „Ich werde dich beschützen, selbst wenn ich dich ans Bett ketten muss. Hast du das verstanden?“ Sie blickte zu ihm auf, hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, wie erdrückend sein Schutz war, und dem, wie sehr er sie aus der Fassung brachte. Er hatte keine Ahnung, dass sie die letzten drei Jahre damit verbracht hatte, direkt unter seiner Nase „The Viper“ aufzubauen – das gefürchtetste Schattennetzwerk der Unterwelt. Wenn er sie ohne ihre Server in den Norden schicken würde, würde Dante völlig blind in Julians Putsch gehen. „Dante, bitte“, flüsterte sie und ließ die Verletzlichkeit, die er erwartete, in ihre Stimme schlüpfen. „Stoß mich heute Nacht nicht weg. Nicht nach all dem.“ Für einen Moment verlor er die Beherrschung. Sein Daumen streifte ihren Hals und spürte, wie ihr Puls schneller schlug. Dann zwang er sich, einen Schritt zurückzutreten. „Ich stoße dich nicht weg“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich halte dich am Leben.“ Er nahm das gesicherte Telefon in die Hand. „Der Transport ist in zehn Minuten da. Geh packen.“ Alexis hielt seinen Blick einen Moment zu lange fest. „Du glaubst, du rettest mich, Dante. Du hast keine Ahnung, wozu ich fähig bin, um dich am Leben zu halten.“ Er drehte sich nicht um. „Zehn Minuten.“ Sie ging hinaus, vorbei an den Wachen, ihr Gesicht ruhig und unbewegt. Oben schloss sie ihre Tür ab, zog das Botanikbuch aus dem Regal und lauschte dem leisen Klicken, als sich die Wand öffnete. Im Inneren befand sich das Versteck von „The Viper“: Monitore, Uplinks, Störsender – alles summte im blauen Licht zum Leben. „Bericht“, sagte sie ins Headset, ihre Stimme jeglicher Unschuld beraubt. „Der Einbruch sollte Dante nicht töten“, antwortete die Stimme. „Es war ein Test. Julian hat ihn genehmigt. Er hat den Morettis mitgeteilt, dass die Ablenkung funktioniert hat – du wirst heute Nacht in den Norden gebracht. Er hat ihnen die Route und die Codes gegeben. Sie sind nicht hinter Dante her. Sie sind hinter dem Transport her. Er will, dass du unterwegs stirbst.“ Ihr Blick wanderte zum blinkenden GPS auf dem Bildschirm. Der Konvoi bog bereits ein. Ihr Handy vibrierte. Der Konvoi ist bereit. Komm sofort nach unten. Alexis zog ein taktisches Messer und ein Wegwerfhandy aus der Schublade unter ihrem Schreibtisch. „Benachrichtige mein Team“, sagte sie leise. „Die Viper wird heute Nacht aktiv.“

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