Chapter 1

1648 Words

Die falsche Kollision Der Wintermorgen in Stonebridge biss durch jede Kleidungsschicht, eine scharfe, unerbittliche Kälte, die an der Haut derjenigen zu kratzen schien, die sich draußen befanden. Skye Emerson stapfte über das fast verlassene Schulgelände, während sie sich dem Schultor näherte, ihr Atem in kleinen Wolken ausstoßend, die sich in der frostigen Luft auflösten, während sie vor Kälte zitterte. Ihre behandschuhten Hände umklammerten ein abgenutztes Skizzenbuch, dessen Ränder von monatelangem Gebrauch ausgefranst waren, während ein dicker Wollschal hoch um ihren Hals geschlungen war und ihr Kinn streifte. Ihr dunkelbraunes Haar lugte unter einer gestrickten Mütze hervor, Strähnen fingen die schwachen, fallenden Schneeflocken ein, während sie sich bewegte. Die meisten Schüler waren noch nicht angekommen. Ihr Ziel war einfach: unbemerkt hineinschlüpfen als neue Schülerin. Sie war nur eine weitere Schattenfigur in den Gängen der Stonebridge High. Sie war erst seit einer Woche an der Schule und hatte es bisher geschafft, unauffällig zu bleiben, ihre Anwesenheit kaum wahrgenommen zwischen den Cliquen und dem Chaos des Highschool-Lebens. Nach dem Verlust ihres älteren Bruders bei einem tragischen Autounfall vor Jahren hatte Skye gelernt, den Kopf gesenkt zu halten, um Trauer, Schule und ein zerrüttetes Zuhause zu bewältigen. Sie fühlte sich stets wie eine Nebenfigur in ihrem eigenen Leben, nicht zuletzt, weil sie bei ihrer Tante und ihrer Cousine Maya lebte. Das Leben mit ihnen war erträglich. Der Hauptkorridor der Schule erstreckte sich vor ihr. Als sie das Gebäude erreichte, trat sie ein. Spinde säumten die Wände, ihre verblasste rote Farbe an manchen Stellen abgeplatzt, und die schwache Stimme eines Staubsaugers eines Hausmeisters hallte aus einem entfernten Flur wider, als plötzlich die Stimme ihrer Cousine Maya sie aus ihrem unsichtbaren Zustand riss. „Skye“, rief Maya. Skye drehte sich um und sah Maya auf sich zulaufen. „Gut, dass du früh da bist. Tut mir leid, dass ich nicht auf dich warten konnte. Mein Team hat mich gebeten, früher hier zu sein.“ Der Ausdruck in ihren Augen zeigte echte Entschuldigung, während Skye innerlich besorgt war, dass Maya schnell sprechen sollte, damit sie gehen konnte, bevor mehr Schüler kamen. Skye fühlte sich in Gesellschaft von Menschen immer unwohl. „Schon okay“, antwortete Skye mit einem kurzen Lächeln. „Ich gehe jetzt in die Cafeteria. Wir sehen uns bald“, fügte Maya hinzu. Das war eine Erleichterung für Skye. Skye nickte, und just als Maya einen Schritt machte, um zu gehen, hielt sie inne und rief Skye erneut. „Warte.“ Skye drehte sich um. „Wenn du etwas brauchst oder dich irgendwie unwohl fühlst, lass es mich bitte wissen“, bat Maya, und Skye antwortete: „In Ordnung.“ Dann sah sie Maya gehen. Die Einsamkeit war für Skye in Ordnung, sie bevorzugte es so. Ihre Sneakers quietschten leise auf dem Boden, als sie ihren Schritt beschleunigte, begierig, den sicheren Hafen des Klassenzimmers zu erreichen, bevor die Morgenglocke läutete, als plötzlich ein scharfes Echo schwerer Schritte die Stille vom Eingang um die Ecke brach, lauter und näher mit jedem Schritt. Skye hatte kaum Zeit, über ihre Schulter zu blicken, bevor eine massive Kraft mit ihr zusammenstieß und ihr den Atem aus den Lungen schlug. Ihr Skizzenbuch flog aus ihren Armen, Seiten ihres Buches flatterten zu Boden, und sie stolperte rückwärts, fing sich mit einem metallischen Klirren an einem Spind ab. Schmerz schoss durch ihre Schulter, aber der Schock stach mehr. Sie blinzelte, ihr Herz raste, und sah einen riesigen Jungen über sich stehen. Sie waren versehentlich zusammengestoßen. Er war groß, breitschultrig, mit einer dunkelblauen Sporttasche, die lässig über einem Arm hing. Sein dunkles Haar war zerzaust, an den Rändern feucht, als wäre er gerade aus der Kälte gekommen, und sein Kiefer war angespannt. Kalte grüne Augen fixierten ihre, verengten sich leicht, als er einen Fluch murmelte. „Bist du blind?“ fuhr er sie an. Skyes Magen zog sich zusammen, als sie ihn erkannte. Es war Knox Callahan, der unhöfliche und arrogante Frauenschwarm der Stonebridge High, Kapitän des Eishockeyteams und von einer Popularität, die die Leute wie das Rote Meer teilte, wenn er vorbeiging. Seine Präsenz füllte den Flur, gebieterisch und kompromisslos. Skye fand keine Worte. Eigentlich sollte er sich entschuldigen, nicht sie. „Pass auf“, schnauzte er, seine Stimme schneidend, Ärger tropfte aus jedem Wort. Er warf keinen Blick auf die verstreuten Skizzen zu seinen Füßen oder die Seiten ihres Buches, deren Bleistiftlinien auf dem Linoleum verschmiert waren. Stattdessen richtete er den Träger seiner Sporttasche und ging davon. Skyes Wangen brannten, eine Mischung aus Verlegenheit und Ärger flammte in ihrer Brust auf. „Tut mir leid“, murmelte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern, aber er war bereits unterwegs, seine langen Schritte trugen ihn den Flur hinunter. Er sah nicht zurück, würdigte ihre Worte nicht. Der schwache Duft seines Parfums hing in der Luft, vermischt mit der Kälte, die an seiner Jacke klebte. Sie kniete nieder, um ihre Skizzen zu sammeln, und hob auch ihr Bild auf. Es war eine Zeichnung eines windgepeitschten Baums, an dem sie Stunden gearbeitet hatte, nun an der Ecke zerknittert, und sie glättete es sorgfältig, den arroganten Idioten ignorierend, der sich nie entschuldigte. Als sie stand, war Knox verschwunden, der Flur wieder leer. Skyes Schultern sackten, das Gewicht der Begegnung lastete auf ihr. Genau das hasste sie: bemerkt zu werden, gesehen zu werden, besonders von jemandem wie ihm. Drei Jahre lang hatte sie an ihrer alten Schule die Kunst der Unsichtbarkeit perfektioniert, sich mit ihrem Skizzenbuch und ruhigen Auftreten in den Hintergrund gefügt. Stonebridge sollte ein Neuanfang sein, ein Ort, um diese Unsichtbarkeit zu bewahren. Doch ein falscher Schritt, eine ungeschickte Kollision, und sie war direkt in den Weg von Knox Callahan geraten, dem menschlichen Äquivalent eines Scheinwerfers. Sie erreichte das Klassenzimmer, als die Glocke läutete, und schlüpfte auf einen Platz hinten. Das Klassenzimmer war bereits mit Schülern gefüllt, der Lehrerpult mit Papieren und einer angeschlagenen Tasse übersät. Skye verstaute ihr Skizzenbuch in ihrem Rucksack, ihre Finger kribbelten noch von der Kälte und der Erinnerung an Knox’ scharfe Worte. Sie versuchte, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, aber ihr Geist spielte den Moment immer wieder durch: seine grünen Augen, kalt und abweisend, die Art, wie seine Stimme durch die Luft schnitt, ließ sie sich unsicher fühlen. Maya hatte ihn zuvor erwähnt, Klatsch über den Starspieler des Eishockeyteams verstreut, arrogant, unantastbar, stets von einer Schar Mädchen umgeben. Skye hatte kein Interesse an solchen Leuten. Zu laut, zu allem, was sie nicht war. Der Vormittag zog sich hin, jede Stunde verschwamm in die nächste, bis eine Notiz vom Sekretariat kam, überbracht von einem gelangweilt wirkenden Junior. Skyes Name war auf das gefaltete Papier gekritzelt, und ihr Magen zog sich zusammen, als sie die Vorladung ins Büro von Direktorin Graves las. Sie sammelte ihre Sachen, ihr Geist raste. Hatte sie etwas falsch gemacht? Irgendwelche Unterlagen für ihren Wechsel vergessen? Der Flur fühlte sich diesmal länger an, die Wände rückten näher, als sie sich der Bürotür mit dem mattierten Glas näherte, das mit dem Wappen der Schule verziert war. Drinnen war die Luft wärmer. Direktorin Graves saß hinter ihrem Schreibtisch, ihr graues Haar zu einem ordentlichen Dutt gebunden, ihr Lächeln einladend. „Skye, komm rein, setz dich“, sagte sie mit sirupsüßer Begeisterung. Skye zögerte, ihr Blick wanderte zu der Gestalt, die im Stuhl gegenüber der Direktorin lümmelte. Knox Callahan. Seine langen Beine waren ausgestreckt, ein Knöchel über den anderen gelegt, und seine Arme waren über der Brust verschränkt. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Augen huschten zu ihr, scharf und abschätzend, bevor sie zum Schreibtisch zurückkehrten. Skyes Magen machte einen Satz. Was machte er hier? Sie setzte sich steif, ihren Rucksack auf dem Schoß. Direktorin Graves lehnte sich vor, ihre Hände über einem Manila-Ordner gefaltet. „Ich habe aufregende Neuigkeiten für euch beide“, begann sie, ihr Lächeln wurde breiter. „Die diesjährige Valentinstags-Spendenaktion ist eines unserer größten Ereignisse, und wir haben euch beide ausgewählt, sie zu leiten. Ihr werdet zusammenarbeiten, um das gesamte Projekt zu planen und umzusetzen.“ Skyes Atem stockte, ihre Finger krallten sich in die Riemen ihres Rucksacks. Eine Spendenaktion leiten? Mit ihm? Sie warf Knox einen Blick zu, erwartete irgendeine Reaktion. Vielleicht Wut, Ärger, irgendetwas, aber er saß einfach da, sein Kiefer angespannt, sein kalter Blick auf die Direktorin gerichtet und dann auf sie. „Es ist eine wunderbare Gelegenheit“, fuhr Graves fort, ohne die Spannung im Raum zu bemerken. „Ihr werdet die Veranstaltungen organisieren, das Budget verwalten und sicherstellen, dass alles reibungslos läuft. Skye, deine künstlerischen Talente sind perfekt für die Dekorationen, und Knox, deine Führungsqualitäten im Eishockeyteam machen dich ideal, um die Schule zu mobilisieren.“ Skyes Mund wurde trocken, ihr fehlten die Worte. Künstlerische Talente? Sie hatte kaum jemandem ihre Skizzen gezeigt, geschweige denn sich freiwillig für eine schulweite Veranstaltung gemeldet. Nur die Direktorin wusste, dass sie sehr gut zeichnen konnte. Und Knox? Er sah nicht aus, als würde er etwas anderes mobilisieren als sein eigenes Ego. Skye öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Graves schob den Ordner über den Tisch, bevor sie sprechen konnte. „Hier ist der Vertrag“, sagte die Direktorin. „Er beschreibt eure Aufgaben. Schaut ihn euch an, und wenn ihr beide einverstanden seid, könnt ihr heute unterschreiben. Es ist eine Entscheidung der Schule.“ Skyes Hände zitterten leicht, unbemerkt, als sie den Ordner öffnete, das formelle Dokument starrte sie an wie eine Falle. Sie konnte Knox’ Augen auf sich spüren, ruhig, als würde er sie abschätzen. Sein Ausdruck war undurchdringlich, aber in seinem Blick lag etwas, das sagte, er wisse bereits, dass sie das bereuen würde. Ihr Stift schwebte über der Unterschriftszeile, das Gewicht des Moments lastete auf ihr. Sie wollte das nicht, wollte ihn nicht, wollte nichts davon. Aber das erwartungsvolle Lächeln der Direktorin und Knox’ stille Herausforderung ließen ihr keinen Raum, sich zurückzuziehen. Der Stift zitterte in ihrer Hand, die leere Zeile wartete auf ihre Unterschrift.
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