Ich konnte mich nicht daran erinnern, die Große Halle verlassen zu haben.
Ich erinnerte mich an Schmerzen. An Stein, der sich in meine Handflächen bohrte. An Stimmen, die zu einem Rauschen verschwammen. Und dann verschlang die Dunkelheit alles.
Ich erwachte in der Kälte.
Nicht in der stillen, sanften Kälte der Morgendämmerung, sondern in der brutalen Kälte, die in die Knochen kriecht und sich weigert, wieder zu verschwinden. Schnee drückte gegen meine Wange. Ich schlug die Augen auf und sah die Welt in Fragmenten vor mir.
Eiserne Tore.
Fackeln.
Nacht.
Ich befand mich außerhalb der Grenzen von Frostmoon.
Ein Wachmann stand ein paar Meter entfernt, die Arme verschränkt, das Gesicht angespannt vor Unbehagen, das er nicht zu verbergen versuchte.
„Sie ist wach“, rief er.
Meine Kehle brannte, als ich versuchte zu sprechen. „Warum bin ich ... hier?“
Die Antwort kam, bevor er den Mund öffnen konnte.
„Weil du nicht mehr zu Frostmoon gehörst.“
Kaels Stimme.
Ich zwang mich, mich aufzurichten, während Übelkeit mich überkam und erneut Schmerzen in meiner Brust aufflammten. Die Verbindung war verschwunden, aber die Wunde, die sie hinterlassen hatte, pochte wie etwas Lebendiges.
Kael stand knapp hinter der Grenze, sein Umhang flatterte im Wind. Er sah unberührt aus. Unversehrt. Als hätte er mir nicht gerade etwas Heiliges entrissen.
„Du bist verbannt“, sagte er mit tonloser Stimme. „Mit sofortiger Wirkung.“
Meine Finger krallten sich in den Schnee. „Ich habe nicht um diese Verbindung gebeten.“
„Nein“, stimmte er zu. „Aber du bist ihr Fehler.“
Jedes Wort traf mit chirurgischer Präzision.
„Du wirst heute Nacht gehen“, fuhr er fort. „Wenn du jemals wieder in der Nähe des Frostmond-Territoriums gesehen wirst, wirst du getötet.“
Ich lachte schwach. Das Geräusch überraschte uns beide. „Du hättest mich einfach drinnen sterben lassen können.“
Sein Blick huschte zu meinem Gesicht. Etwas Dunkles huschte über seine Augen, dann verschwand es wieder.
„Ich habe darüber nachgedacht.“
Der Wachmann bewegte sich unruhig.
Kael wandte sich ab. „Gib ihr Vorräte. Genug für einen Tag. Nicht mehr.“
Einen Tag.
Für einen Wolf ohne Rudel. Ohne Rang. Ohne Territorium.
Der Wachmann ließ ein kleines Bündel vor meinen Füßen fallen. Ein Laib Brot. Eine Wasserflasche. Ein dünner Umhang, der roch, als wäre er aus Pflichtgefühl und nicht aus Freundlichkeit aus dem Lager geholt worden.
Kael hielt inne, den Rücken immer noch zu mir gewandt. „Du solltest dankbar sein. Andere wären nicht so gnädig gewesen.“
Gnädig.
Er ging weg.
Die Tore schlugen hinter ihm zu.
Das Geräusch hallte wie ein endgültiges Urteil durch die Bäume.
Ich saß lange da und starrte auf die geschlossenen Tore. Ich wartete darauf, dass etwas mich endgültig zerbrechen würde.
Es kam nichts.
Stattdessen verkrampfte sich mein Magen heftig.
Ich krümmte mich vor Schmerzen und keuchte, als eine scharfe Welle der Übelkeit mich überrollte. Mein Blick verschwamm. Kalter Schweiß brach mir aus.
„Nein“, flüsterte ich.
Eine weitere Welle traf mich. Stärker. Anders als der Schmerz der Bindung. Tiefer. Intensiver.
Ich presste meine Hand auf meinen Bauch und schnappte nach Luft, als sich etwas Unbekanntes unter meiner Haut regte.
Wärme.
Keine Macht. Keine Dominanz.
Leben.
Die Erkenntnis traf mich mit erschreckender Klarheit.
Ich war schwanger.
Mit seinem Kind.
Dem Erben des Alpha-Königs.
Ich starrte auf mich selbst hinunter, der Schock betäubte sogar den Schmerz. Die Verbindung war erst vor wenigen Stunden zerbrochen. Der Zeitpunkt war unmöglich, würden die Ältesten sagen. Aber ich wusste, was ich fühlte. Die Gewissheit hatte sich in meinen Knochen festgesetzt, schwer und unbestreitbar.
Ein leises, instinktives Verlangen stieg in meiner Brust auf.
Beschützen.
Tränen liefen mir über das Gesicht und gefroren auf meiner Haut. Nicht wegen der Ablehnung. Nicht einmal wegen der Verbannung.
Sondern wegen des Kindes, das in mir heranwuchs und in dem Moment, als Kael sich abwandte, zum Tode verurteilt worden war.
Ich zwang mich aufzustehen.
Jeder Schritt weg von Frostmoon fühlte sich an, als würde ich in ein offenes Grab gehen. Der Wald jenseits der Grenze war dicht und dunkel, die Wildnis, die die Wölfe aus gutem Grund mieden. Schurken. Uralte Bestien. Keine Gesetze.
Perfekt.
Wenn ich sterben würde, dann nicht kniend.
Die Stunden vergingen in einem Wirbel aus Schmerz und hartnäckiger Bewegung. Mein Körper schrie nach Ruhe, aber die Angst trieb mich weiter. Je tiefer ich vordrang, desto stiller wurde die Welt. Keine Rudelgerüche. Keine Sicherheit.
Nur Stille.
Dann veränderte sich der Schmerz.
Hitze breitete sich in meiner Brust aus, schnell und wild. Ich sank auf die Knie und krallte mich in den Schnee, während etwas in mir schreiend erwachte.
Nicht die Verbindung.
Etwas Älteres.
Der Boden bebte.
Bäume ächzten, als würden sie sich unter unsichtbarem Druck beugen. Mein Atem ging stoßweise, während Kraft durch meine Adern strömte, heftig und unkontrollierbar.
„Was passiert mit mir?“, schrie ich.
Die Antwort kam aus dem Nichts und von überall her zugleich.
Du wurdest versiegelt.
Die Stimme war uralt. Weiblich. Furchterregend.
Mein Blick wurde weiß.
Eine Qual, wie ich sie noch nie erlebt hatte, durchfuhr mich, als sich meine Knochen verschoben, nicht zu einem Wolf, sondern zu etwas viel Größerem. Viel Schlimmerem. Die Luft selbst schien zurückzuweichen.
Ich schrie erneut und umklammerte verzweifelt meinen Bauch. „Nicht mein Kind. Bitte. Tu meinem Kind nichts.“
Die Kraft zögerte.
Dann umhüllte sie meinen Schoß wie ein Schutzschild.
Da spürte ich es deutlich. Die Wahrheit.
Die Verbindung war kein Fehler gewesen.
Kael hatte das Falsche abgelehnt.
Der Schnee unter mir schmolz zu Dampf.
Und weit entfernt, tief im Gebiet der Frostmonde, sank Kael Frostbane auf ein Knie, umklammerte seine Brust, während ein Brüllen, das nicht von ihm stammte, das Land erschütterte.
Etwas war erwacht.
Und es trug sein Blut in sich.