Kapitel 1
Jeder wusste, dass dieser Abend über die Zukunft des Frostmoon-Rudels entscheiden würde.
Nur wussten sie nicht, dass er meine Zukunft zerstören würde.
Die Große Halle war erfüllt von Fackelschein und Spannung. Alphas aus benachbarten Territorien standen an den Steinwänden, ihre Wölfe drängten sich gegen meine, bis mir die Haut kribbelte. Die Luft roch nach Macht, Dominanz und bedeutenden Blutlinien.
Nichts davon betraf mich.
Ich stand mit den anderen Omegas und Dienern hinten in der Halle, den Kopf gesenkt, die Hände vor meinem abgetragenen Kleid fest verschränkt. Ich hatte den Boden geschrubbt, bis meine Finger rissig waren, nur um heute Abend hier sein zu dürfen. Die Paarungszeremonie des Alpha-Königs war nicht für Wölfe wie mich gedacht.
Ich sollte nicht einmal einen Wolf haben.
„Steh gerade.“
Das scharfe Flüstern kam von Mara, der obersten Dienerin. Sie stieß mich an der Schulter, als sie vorbeiging. „Blamier uns nicht.“
Als ob meine bloße Existenz nicht schon peinlich genug wäre.
Vorne im Saal stand Alpha-König Kael Frostbane auf dem erhöhten Podest, massiv und unbeweglich in seiner schwarzen Zeremonienrüstung. Er lächelte nicht. Das tat er nie. Allein seine Anwesenheit zwang die Wölfe, ihre Köpfe zu senken.
Rücksichtslos. Unbeeindruckt. Unantastbar.
Das war Kael Frostbane. Der stärkste Alpha, der je gelebt hatte. Der König, den der Rat fürchtete und dem er gehorchte.
Der Mann, den das Schicksal nicht bemerken durfte.
Die Trommel erklang einmal. Sofort kehrte Stille ein.
„Die Zeremonie beginnt“, verkündete der Älteste.
Kaels Blick schweifte berechnend und kalt durch den Saal. Mächtige Wölfinnen traten nacheinander vor, Töchter edler Rudel, deren Wölfe unter ihrer Haut strampelten. Jede hoffte, ausgewählt zu werden. Jede hätte alles gegeben, um an seiner Seite zu stehen.
Ich hielt meinen Blick auf den Boden gerichtet.
Da geschah es.
Schmerz explodierte in meiner Brust.
Nicht scharf. Nicht plötzlich.
Tief. Verzehrend. Als hätte sich etwas Uraltes um mein Herz gewickelt und festgezogen.
Ich schnappte nach Luft und taumelte zurück, meine Brust umklammernd. Die Welt kippte. Hitze durchflutete meine Adern, so intensiv, dass meine Sicht verschwamm.
Nein. Nein, nein, nein.
Auf der anderen Seite des Saals erstarrte Kael.
Sein Kopf schnappte mit tödlicher Präzision zu mir herum. Die Fackeln flammten heftig auf und reagierten auf seinen Kraftanstieg.
Unsere Blicke trafen sich.
Die Verbindung wurde hergestellt.
Da spürte ich ihn. Seine Präsenz. Seine Wut. Seine überwältigende Dominanz, die wie eine Flutwelle über mich hereinbrach.
Partner.
Das Wort brannte sich in mein Gedächtnis ein.
In der Halle brach ein Raunen aus. Flüstern verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
„Die Verbindung –“
„Mit ihr?“
„Dieser Omega?“
Ich schüttelte den Kopf und wich zurück, während mir die Angst die Kehle zuschnürte. Das musste ein Irrtum sein. Ich war ohne Wolf. Ohne Rang. Vergessen.
Kael stieg von der Tribüne herunter.
Jeder Schritt auf mich zu war ein Todesurteil.
Die Halle teilte sich instinktiv für ihn. Die Wölfe senkten ihre Köpfe. Niemand sprach.
Er blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen.
Aus der Nähe war er noch schlimmer. Seine Macht drückte gegen meine Haut, bis meine Knie zitterten. Seine Augen waren eiskalt, unlesbar.
Ekel huschte über sein Gesicht.
„Du“, sagte er.
Ein einziges Wort. Wie ein Urteil.
Ich sank auf die Knie, bevor mir bewusst wurde, dass ich mich bewegte. „Mein Alpha“, flüsterte ich mit brüchiger Stimme.
Die Verbindung schrie nach Verbindung. Nach Sicherheit. Nach ihm.
Kaels Kiefer spannte sich an.
„Das ist unmöglich“, sagte er kalt. „Du hast keinen Wolf.“
Der Älteste zögerte. „Die Verbindung ist nicht ...“
„Ich lehne sie ab.“
Die Worte trafen mich härter als der Schmerz in meiner Brust.
Die Halle brach in Tumult aus.
„Ich, Kael Frostbane, Alpha-König von Frostmoon, lehne Liora ohne Rang als meine Gefährtin ab.“
Die Bindung zerbrach.
Ich schrie.
Qualvolle Schmerzen durchfuhren mich, weißglühend und gnadenlos. Es fühlte sich an, als würde meine Seele von innen heraus zerreißen. Ich brach nach vorne zusammen, meine Hände kratzten hilflos über den Steinboden.
Ich hörte mein eigenes Schluchzen in der Ferne. Ich spürte Blut auf meiner Lippe, wo ich zu fest zugestoßen hatte.
Kael trat zurück, als wäre ich etwas Ekelhaftes.
„Sie würde meinen Thron entehren“, sagte er laut, damit alle es hören konnten. „Dieses Rudel wird nicht von Schwäche angeführt werden.“
Der Älteste wirkte erschüttert. „Alpha, die Konsequenzen ...“
„Ich werde sie tragen“, sagte Kael. „Entfernt sie.“
Hände packten mich. Grob. Ungeduldig.
Ich hob ein letztes Mal den Kopf.
Kael wandte sich bereits ab.
Als die Wachen mich aus der Halle zerrten, verspürte ich ein neues Gefühl tief in meinem Bauch. Warm. Beschützend. Erschreckend zerbrechlich.
Instinktiv legte ich eine Hand darauf.
Und wusste es.
Die Verbindung mochte unterbrochen sein.
Aber sie hatte bereits etwas hinterlassen.