Ein unbarmherziger Sog riss an ihrer Seele, zog sie in einen wirbelnden Strudel aus Nichts. Die Welt um sie herum löste sich auf, jeder Halt schien zu schwinden.
Als die eisgrauen Augen des schwarzen Wolfs kleiner wurden, als der Abstand zwischen ihnen unaufhaltsam wuchs, spürte sie einen Schrei in sich aufsteigen. Wut, Frustration, unermessliches Leid – all das entwich ihren Lippen, formte einen Namen, der ihr entfuhr wie ein letzter Atemzug: Remus.
Warum durfte sie nicht bei ihm bleiben? Was wollten die Geister ihr denn noch alles nehmen?
Doch sie hatte keine Kontrolle über ihre Gestalt, die von den Kräften des Jenseits unbarmherzig davongerissen wurde.
Bald darauf bildeten sich Szenen vor ihr ab, die sich unscharf vor dem Nebel des Vergessens abzeichneten. Wie ein endloser Film in Zeitraffer zog ihr Leben vor ihrem inneren Auge vorbei – ein unbarmherziger Strudel aus Licht und Schatten. Ein Kinderlachen. Der Duft von feuchtem Moos. Ein Blitz von roten Haaren.
Der Schmerz wich einem seltsamen, tauben Gefühl, als die Welt um sie herum zu verschwimmen begann. Was war real? Was war Erinnerung?
Ihr Zuhause zeichnete sich vor ihr ab. Das erste Bild, das Bestand zu haben schien und nach und nach an Substanz gewann. Wie ein Fokus, der sich einstellte, wurde der helle Backstein des Herrenhauses vor ihr scharf, gefolgt von den runden Türmen, die wie wachsame Augen in den Himmel ragten.
Das Herrenhaus war das Zentrum einer abgelegenen Gemeinde, verborgen in einem ausgedehnten Waldgebiet, weit entfernt von den nächsten menschlichen Siedlungen im Norden und Osten.
Im Westen grenzte das Revier der Schattenfänge an das Gebiet der Stahlklauen, mit denen der Clan friedliche Beziehungen pflegte – eine seltene Stabilität in der Region.
Doch der Süden des Reviers wurde von erfahrenen Spähern überwacht, da dort die Grenzen zu den Zwielichthexen im Südwesten und zum Reich der Vampirfürsten im Südosten verliefen. Dieses finstere Reich, regiert von Herzog Licas, war geprägt von Intrigen gegen die Rudel – ein Versuch, ihre Macht zu brechen, die er in einem offenen Krieg nie hätte überwinden können.
Jinx bekam in ihrer Jugend von diesen politischen Verwicklungen kaum etwas mit.
Ihre früheste Kindheit verbrachte sie abgeschottet in dem riesigen Herrenhaus des Clans. Mit seinen zwei Stockwerken, einem großzügigen Dachgeschoss und einem unterirdischen Kellergewölbe bot es genügend Platz für die Familien des Alphas und der ranghöchsten Mitglieder der Schattenfänge.
Als Tochter des Betas genoss Jinx das Privileg, in diesem luxuriösen Anwesen zu leben, statt wie niedere Rudelmitglieder harte Arbeit in bescheidenen Hütten zu verrichten. Dennoch sah sie sich immer wieder am Fenster ihres Kinderzimmers stehen und blickte sehnsüchtig hinaus auf die Kinder, die am Bach spielten. Die Schreie der spielenden Kinder drangen durch die Fenster zu ihr und schienen sie zu verspotten – ein bittersüßer Klang, der sie noch stärker an die Grenzen ihres eigenen, vorbestimmten Lebens erinnerte.
Von Geburt an war sie zu etwas Höherem bestimmt – eine Wahrheit, die ihre Eltern ihr unaufhörlich einbläuten und die sich wie eine schwere Kette um sie legte. An ihrem achtzehnten Geburtstag sollte sie die Bindung mit Valerian, dem Sohn von Alpha Fulvius, eingehen und zur Luna des Rudels aufsteigen – eine Zukunft, die keine Abweichung zuließ und ihr keine eigene Wahl ließ.
Während ihr Vater, Beta Ascan stets an der Seite des Alphas blieb, kümmerte sich ihre Mutter Merula um den jungen Valerian. Dessen Mutter, die Luna des Rudels, war bei einem Überfall abtrünniger Werwölfe auf das Krankenhaus getötet worden – dasselbe Krankenhaus, in dem Jinx zur Welt gekommen war.
Die Erwachsenen schwiegen beharrlich über dieses Tabuthema, doch die Kinder hatten genug Gerüchte aufgeschnappt, um zu erkennen, dass ihr Anführer seinen Kampfgeist verloren hatte. Seit dem Verlust seiner Gefährtin war Valerians Vater nur noch ein Schatten seines früheren Selbst. Der Tod seiner Partnerin hatte ihm alles genommen: seinen Kampfgeist, seine Stärke und den Respekt des Rudels, der ihm zusehends entglitt.
Valerian. Der Sohn des Alphas schien mit seinen roten Haaren und grünen Augen die düsteren Fluchten des Herrenhauses zu erhellen. Ihre Erinnerungen an ihn waren wie bunte Gemälde, begleitet von hellem Kindergelächter – der Einzige, der den Knoten der Einsamkeit in ihrer Brust je gelöst hatte. Betrat er einen Raum, schien Licht selbst die finstersten Winkel des Hauses zu durchfluten, und die Schwere wich von Jinx' Schultern.
In ihrer Kindheit durchstreiften sie gemeinsam die Villa, erforschten jede verstaubte Ecke und wagten sich sogar hinab in die finsteren Kellergewölbe, das geheimnisvolle Reich der Rudelältesten. Dort regierte Durante, ihr Anführer, bekannt für seine Gabe der Prophezeiung. Fasziniert lauschten die Kinder seinen murmelnden Meditationen, als er von den Geistern Dinge empfing, die ihre Vorstellungskraft überstiegen, und spürten die uralte Magie, die den Ort erfüllte.
Als die Jahre vergingen, schlichen sich die beiden unzertrennlichen Wölfe immer öfter nach draußen, bis ihre Eltern schließlich aufgaben, sie im Haus halten zu wollen. Immerhin sahen sie es nicht ungern, dass Valerian ihr bei diesen Ausflügen stets zur Seite stand. Diese Jahre schienen wie ein endloser Sommer, erfüllt von der unbeschwerten Freiheit der Jugend.
Nur Milo, ihr Leibwächter, der wie ein Schatten über sie wachte, trübte diese Freude ein wenig. Für Jinx war er wie eine störende Leine, die sie an ihre gleichgültigen Eltern band, eine ständige Erinnerung an die Pflichten, die sie lieber vergessen hätte. Doch in den Momenten mit Valerian verschwanden all diese Gedanken – ebenso wie die Schatten des Herrenhauses und seine drückenden Verpflichtungen. In seiner Nähe erkannte Jinx nicht nur ihren treuesten Gefährten, sondern auch ihren Seelenpartner.
Es geschah in einer Sommernacht.
Während ihre Freunde kehrtmachten, ließen der Vollmond und die Freiheit Jinx und Valerian nicht los. Sie rannten weiter, immer tiefer ins Gebiet der Menschen, viel zu weit für die Vorstellung ihrer Eltern. Eine Woche lang folgten sie dem Ruf der Wildnis, bis sie schließlich eine Steilküste im Norden erreichten, wo die Wellen sich an weißen Kalksteinklippen brachen.
Am Horizont ging die Sonne auf. Jinx spürte die Wärme der ersten Strahlen auf ihrer Haut und ließ ihre Wolfsform hinter sich, die Verwandlung ein sanftes Fließen, das sie nackt der aufsteigenden Sonne preisgab.
Sie stand am Rand der Klippe, genoss die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer schweißbedeckten Haut.
Hinter sich spürte sie plötzlich eine vertraute Hitze. Valerian näherte sich ihr gemächlich und fast zögerlich, jeder seiner Schritte schien von tiefer Ehrfurcht getragen.
„Wie wunderschön du bist“, sagte er leise. „Eigentlich wusste ich das immer, aber gerade fühlt es sich an, als würde ich dich zum ersten Mal sehen.“
Mit einem sanften Lächeln drehte sich Jinx zu ihm um – ihrem zukünftigen Gefährten, ihrem Alpha. Als ihre Körper sich schließlich vereinten, fühlte sie, wie das Schicksal für einen flüchtigen Moment voller Gnade war.
Plötzlich wurde die Erinnerung von einem jähen Schmerz zerstört. Wie gerne wäre sie in dieser Vergangenheit verweilt, hätte sich an diesem friedvollen Moment festgeklammert, doch ihre Vergangenheit riss sie unbarmherzig weiter, wie ein reißender Strom, dem sie nicht entkommen konnte. Das Fegefeuer zerrte ungeduldig an ihrer Seele und zwang sie, die Qualen erneut zu durchleben, die ihr Leben in nur wenigen Monaten zerstört hatten.
Die Überraschung war groß, als Aurelia an Jinx' bedeutsamstem Tag, dem Höhepunkt ihrer Freude, plötzlich in ihr Leben trat. Das Bindungsritual, das Jinx zur Luna der Schattenfänge erhob, war gerade beendet, als Aurelia, die längst verloren geglaubte Tochter, unerwartet den Festsaal betrat.
Kurz darauf veränderte sich die Haltung der ranghöheren Rudelmitglieder drastisch. Ihre Blicke wurden kühl und argwöhnisch, jedes Mal, wenn Jinx an ihnen vorbeiging, als hätte sich eine unsichtbare Distanz zwischen sie und den Rest des Rudels gelegt.
Die frischgebackene Luna war so sehr in ihre Pläne vertieft, die sie für den Tag vorbereitet hatte, an dem Valerian und sie das Rudel führen würden, dass ihr die subtilen Veränderungen in ihrer Umgebung gänzlich entgingen.
Jinx brannte darauf, die starren Strukturen endlich aufzubrechen – jene, die es rangniederen Wölfen trotz ihrer Leistungen unmöglich machten, aufzusteigen und Zugang zum Zirkel des Alphas zu erhalten. Für sie sollte nicht die Abstammung, sondern die Taten den Wert eines Lykaners bestimmen. Was gab einem mehr Bedeutung als dem anderen? Jeder, der zum Wohl des Rudels beitrug, verdiente den gleichen Lohn.
Valerian wies ihre Ideen indes ohne Zögern zurück. Er hielt sie für nichts weiter als naive Träumereien, die die harte Realität verkannten. Für ihn brauchte ein Rudel keine idealistischen Visionen, sondern einen starken Anführer, der es gegen die Gefahren der Welt verteidigen konnte. „Oder glaubst du wirklich, dass du als Luna das Rudel besser führen könntest als ich?", fragte Valerian mit einem lässigen Lächeln. Doch der Hauch von Überheblichkeit in seiner Stimme ließ Jinx erstarren, als hätte er ihr direkt ins Herz getroffen.
Dass Valerian ihre Ansichten so wenig ernst nahm, traf Jinx bis ins Mark. Es zeigte ihr, wie unüberbrückbar ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit auseinanderlagen. Valerian und sie hatten sich stets so nahegestanden; nie wäre sie davon ausgegangen, dass ihre Weltanschauungen sich so sehr voneinander unterschieden.
Verzweifelt versuchte sie, Valerian von ihren Ideen zu überzeugen. Die nächtlichen Diskussionen wurden immer hitziger, ein schwelendes Feuer, das ihre Nähe langsam verzehrte. Schließlich begann Valerian, sich zurückzuziehen – wie ein Schatten, der ihr Licht mied.
Das unheilvolle Geflüster um sie wurde mit der Zeit so laut, dass selbst die junge Luna nicht länger übersehen konnte, dass etwas nicht stimmte. Eine kalte Ahnung kroch ihr in die Glieder.
Immer wieder glaubte sie, Worte aufzuschnappen.
„…nicht mehr lange…“
„…sie ahnt nichts…“
„…was, wenn er sich entscheidet?“
Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Doch wann immer sie die Leute darauf ansprach, begegnete man ihr nur mit ausweichenden Ausflüchten, während hinter ihrem Rücken das Getuschel unvermindert weiterging—wie ein unsichtbares Netz, das sich zuzog.
Verunsichert und ohne andere Optionen wandte sich Jinx schließlich an Valerian. Doch auch er wich ihren Fragen aus, seine Antworten glatt und undurchdringlich.
„Mach dir nicht so viele Gedanken“, meinte er ruhig, seine Stimme klang beiläufig. „Du bist die Luna des Rudels. Solange ich der Alpha bin, wird niemand es wagen, dir etwas anzutun.“
Seine Antwort ließ ihre Verzweiflung nur wachsen, wie ein dunkler Fleck, der sich in ihrer Seele ausbreitete.
Warum, fragte sie sich, sollte ihr überhaupt jemand etwas antun?
Erst jetzt fiel es Jinx wie Schuppen von den Augen. Nur Aurelia konnte der Grund für diese Veränderungen sein. Nach deren Erscheinen war das kühle, ablehnende Verhalten ihrer Zieheltern—Ascan und Merula—nicht mehr verwunderlich. Sie waren nie über den Verlust ihrer wahren Tochter hinweggekommen, die damals bei dem Angriff auf das Krankenhaus entführt worden war.
War das Aurelias Ziel? Wollte sie Jinx als Luna verdrängen? Nein, das würde ihr niemals gelingen. Dazu stand sie Valerian viel zu nahe. Oder war Aurelias Plan weitreichender? Hatte sie vor, Valerian durch einen anderen Alpha zu ersetzen?
Doch bei dem Gedanken daran, wie Valerian in letzter Zeit nach jedem Streit das gemeinsame Schlafzimmer verließ, um die Nächte woanders zu verbringen, stockte ihr der Atem.
Ein stechender Schmerz durchbohrte ihr Herz, als sich der Gedanke einschlich: Was, wenn Aurelia den Alpha längst für sich gewonnen hatte?
Kurz entschlossen beschloss Jinx, Aurelia zur Rede zu stellen. Eine kalte Wut trieb sie durch die Flure, bis sie vor ihrem alten Zimmer inne hielt.
Ein fremdes Mädchen lag in ihrem einst vertrauten Bett—ein Eindringling in ihrer ehemals sicheren Welt.
Es war früh am Morgen; sicher würde Aurelia noch dort sein, und Jinx könnte mit ihr unter vier Augen sprechen.
„Warte.“
Eine raue Stimme hielt sie auf.
Überrascht drehte sich Jinx um und blickte in Milos dunkelbraune Augen.
Es war seltsam, wie wenig sie ihn sonst sprechen hörte. Doch nun durchbrach seine Stimme die Stille wie ein Donnerschlag.
„Geh nicht hinein“, warnte er eindringlich.
Im selben Moment öffnete sich die Tür am Ende des Ganges.
Milo verschmolz lautlos mit den Schatten, sein Gesicht nahm einen kalten, unbeteiligten Ausdruck an, als hätte ihr Gespräch nie stattgefunden.
Stattdessen trat Durante, der Älteste, vor sie.
Ein kühles Lächeln spielte um seine Lippen—zu ruhig, zu abwartend.
„Luna, welch Ehre, dich hier anzutreffen.“ Seine Stimme klang glatt, aber unter der Oberfläche lauerte etwas Dunkles.
Er hielt inne, ließ seine Finger langsam über das Holz der Tür gleiten, als würde er Jinx mit einer stummen Drohung in die Falle locken.
„Geh nur hinein. Ich habe noch ein Wörtchen mit unserem Milo hier zu reden.“
Jinx zuckte innerlich zurück.
Sie wollte das, was nun folgte, niemals wieder erleben.
Doch das Fegefeuer zwang sie erbarmungslos, die Ereignisse dieses Tages erneut zu durchleben—ohne die Möglichkeit, etwas anders zu machen oder die Augen vor der kommenden Demütigung zu verschließen.
Ihr Geist kämpfte verzweifelt dagegen an, doch sie konnte ihre Vergangenheit nicht aufhalten.
Wie ein stummer Zuschauer folgte ihr altes Ich der unwiderstehlichen Strömung durch diese Tür.