Kapitel 1: Das Gewicht von Sterling
Die Luft im Sitzungssaal von Sterling & Co. war schwer vom Geruch nach poliertem Holz und alten Träumen. Chloe Sterling saß in ihrem besten Kostüm am Tisch und versuchte, ruhig zu wirken. Innerlich war sie völlig durcheinander. Zwanzig Paar Augen ruhten auf ihr und verfolgten jede ihrer Bewegungen. Es waren Menschen, die miterlebt hatten, wie sie sich von einer Praktikantin zur Chefin des Unternehmens entwickelt hatte.
Eleanor Vance, ihre rechte Hand, ergriff das Wort. „Wir haben alles versucht, Chloe. Uns gehen die Optionen aus.“ Ihre Stimme klang fest. Chloe konnte die Angst in ihren Augen sehen. Auf dem Bildschirm hinter ihnen boten die Finanzzahlen des Unternehmens einen beängstigenden Anblick. Sie verloren Geld. Schnell. Der Schatten von Julian Thornes Unternehmen, Vanguard Acquisitions, schwebte bedrohlich über ihnen und wartete darauf, sich auf sie zu stürzen.
Chloe wusste, was sie zu tun hatte. „Thornes Angebot ist eine Beleidigung“, sagte sie mit fester Stimme. „Er will uns zerstören, nicht uns helfen.“ Die Anwesenden im Raum begannen zu murmeln. Sterling & Co. war mehr als nur ein Unternehmen. Es war ein Teil der Geschichte New Yorks und des familiären Erbes von Chloe.
Eines der Vorstandsmitglieder, Mr. Henderson, meldete sich zu Wort. „Thornes Plan ist klar. Er drückt unseren Wert und wartet darauf, dass wir aufgeben.“ Chloe wusste das bereits. Sie hatte schlaflose Nächte damit verbracht, über Thornes Schachzüge nachzudenken und zu versuchen, seinen nächsten Schritt zu erraten.
Eleanor fuhr fort: „Wir haben einen kurzfristigen Kredit bekommen, aber das ist nur eine vorübergehende Lösung. Wir brauchen eine Lösung, und zwar schnell.“ Chloe stand auf. Sie ging zum Fenster und blickte auf die Lichter der Stadt. Sie fühlte sich, als würde sie in ihren Verantwortlichkeiten versinken. Sie hatte dieses Unternehmen von ihrem Großvater geerbt. Nun stand es kurz vor dem Zusammenbruch.
Herr Henderson sagte: „Wir haben eine Option, Chloe. Eine Fusion mit einem anderen Unternehmen.“ Chloe drehte sich um – ein Funken Hoffnung keimte in ihrem Herzen auf. „Wer?“, fragte sie.
Eleanor drückte auf einen Knopf. Der Bildschirm wechselte und zeigte ein neues Firmenlogo. Innovate Global. Chloes Herz sank. Das war das Unternehmen von Liam Maxwell, dem Mann, der ihr vor Jahren das Herz gebrochen hatte.
Die Luft entwich ihren Lungen. Sie fühlte sich, als hätte man ihr in den Magen geboxt. Liam Maxwell war genau der, mit dem sie verhandeln wollte. Sie wusste, dass sie um ihres Unternehmens willen stark sein musste. Sie rief die Nummer von Innovate Global an, und nach wenigen Minuten war Liams Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören.
„Chloe Sterling“, sagte er mit distanzierter Stimme. „Was kann ich für Sie tun?“ Chloe zwang sich, ruhig zu klingen. „Liam, wir müssen über die Fusion sprechen. Ihre Bedingungen.“
Es folgte eine Pause. Dann sprach Liam. „Meine Bedingungen sind klar, Chloe. Wir gehen ein Risiko ein, wenn wir mit Ihrem Unternehmen fusionieren. Wir müssen sicherstellen, dass es sich lohnt.“ Chloe konnte sich eine scharfe Erwiderung nicht verkneifen: „Und das macht dir Spaß, nicht wahr? Du genießt es, dass ich verzweifelt bin.“
Liams Stimme senkte sich zu einem ernsten Ton. „Vielleicht … Mein Fokus liegt auf der Zukunft von Innovate Global … nun möglicherweise Sterling & Co.“ Chloe bat ihn, ihr einen formellen Vorschlag zu schicken, und er willigte ein. Eine Stunde später landete das Dokument in ihrem Posteingang.
Als sie die Seiten überflog, weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Versteckt im Vertrag stand eine Bedingung, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie und Liam mussten innerhalb von dreißig Tagen nach Unterzeichnung des Fusionsvertrags heiraten und mindestens drei Jahre lang verheiratet bleiben. Chloe kam es vor, als wäre sie in einem Albtraum gefangen. Der Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte, bestimmte nun ihre Zukunft. Sie hatte keine andere Wahl, als zu gehorchen.
Chloe las es noch einmal. Dann las sie es noch einmal. Die Worte verschwammen vor ihren Augen, wurden dann aber wieder klar, und das tat ihr weh, wegen dem, was sie aussagten. Sie spürte, wie ein Lachen in ihr aufstieg. Es war kein fröhliches Lachen. Es war, als wäre sie verrückt. Vielleicht konnte sie einfach nicht glauben, was sie da las. Liam Maxwell heiraten? Ihren Verlobten, den Mann, der ihr das Herz gebrochen und sie verlassen hatte – und nun wollte er sie im Rahmen eines Geschäftsdeals heiraten?
Das Telefon begann zu klingeln. Es war Eleanor, die sie anrief.
„Chloe“, sagte Eleanor. Sie klang wirklich aufgebracht. „Der Antrag ist da. Hast du Abschnitt 3 gelesen?“
Chloe blickte zu dem Bild ihres Großvaters auf. Er starrte sie mit einem Gesichtsausdruck an, als würde er sich über sie lustig machen. Sie spürte, wie die Last des Familienunternehmens Sterling und ihr eigenes gebrochenes Herz in diesem Moment auf ihr lasteten.
„Ich habe es gelesen“, sagte Chloe leise. Das Telefon glitt ihr aus den Fingern. „Oh Gott, Eleanor, ich habe es gelesen.“