Kapitel 1-1

1009 Words
KAPITEL 1 Die Insel der Monster: Heute Abrupt erwachte Asahi aus seiner Bewusstlosigkeit. Er runzelte die Stirn, als er über sich ein Blätterdach unbekannter Bäume sah und nicht wie erwartet den Himmel Oregons. Er krümmte seine Finger und stellte fest, dass er statt Sand weiches Moos berührte. Helle, fremdartige Farben erfüllten seine Sicht. Nachdem er die Umgebung inspiziert hatte, zwang er seinen Körper, sich zu bewegen. Schnell stellte Asahi jedoch fest, dass es nicht einfach war, sich aufzusetzen, da sich die Welt um ihn herum drehte. Er stützte seine Stirn auf die Knie, während schwarze Punkte an seinen Augen vorbeischwammen. Er atmete mehrmals tief durch, bis er sicher war, dass er nicht erneut ohnmächtig werden würde. Als er den Kopf hob und sich umschaute, dauerte es nicht lange, bis sich sein Verdacht bestätigte, dass er nicht mehr am Strand im Yachats State Park war – oder auf der Erde. „Ruth“, rief er leise. Er stieß sich vom Boden ab und schwankte, als ihm erneut schwindelig wurde. Er beugte sich vor, stützte die Hände auf seinen Oberschenkeln ab und wartete, bis der Schwindel nachließ. Erst nach mehreren Minuten tiefen Durchatmens konnte er sich wieder aufrichten. Der Zauberspruch hatte funktioniert. Er stand mitten in einem seltsamen Wald. Hohe Bäume, viele davon so groß wie die Redwoods und Sequoias auf der Erde, ragten über ihm empor. Im Gegensatz zu den Bäumen zu Hause hatten diese Bäume lange, spiralförmige Äste mit dunklen, blutroten Blättern, die nach oben wuchsen und sich in riesigen Abschnitten verzweigten. Ihre dunkelroten Stämme sahen aus, als hätten sich Dutzende von kleineren Bäumen im Laufe ihres Wachstums umeinander gewunden. Der Gesamteindruck war atemberaubend – und definitiv fremdartig. Er hatte es in die Welt der Sieben Königreiche geschafft. Allerdings schien Ruth nicht bei ihm zu sein. Magna, eine ehemalige Bewohnerin der Sieben Königreiche, hatte Ruth den Zauber gegeben, und sie hatte ihn ausgesprochen, aber es war unbestreitbar, dass Asahi allein hierstand. Blaue, grüne und gelbe Ranken hingen von den Bäumen, einige trugen Früchte. Er stolperte rückwärts, als er sah, wie ein kleines, haariges, bläulich-violettes Säugetier aus einem Loch im Stamm hervorkroch und mit zwei seiner sechs Gliedmaßen eine gelbe Frucht packte. Dann drehte sich das pelzige Wesen um und musterte ihn misstrauisch. Es blinzelte abwechselnd mit seinen sechs Augen, bevor es die Frucht näher an seine Brust heranführte. Das Tier wedelte mit seinem langen, dünnen Schwanz, der mit flauschigen violetten Haarbüscheln bedeckt war, und kehrte dann in seinen Unterschlupf zurück. Asahi lächelte, als er sich an den Namen des Säugetiers erinnerte. „Eine Purpurschwanz-Baummaus“, murmelte er. Er griff in die Seitentasche seiner schwarzen Cargohose und zog sein Tagebuch heraus. Es enthielt alle Informationen, die sein Großvater ihm im Laufe der Jahre weitergegeben hatte. Als er auf den Boden blickte, atmete er erleichtert auf, als er die schwarze Reisetasche sah, die er dabeigehabt hatte, bevor er hier gelandet war. Er war sich nicht sicher gewesen, ob sie die Reise überstehen würde. Er kniete sich hin und öffnete den Reißverschluss. Eine schnelle Bestandsaufnahme ergab, dass alles, was er eingepackt hatte, noch da war. Zuerst holte er seine 9-mm-Handfeuerwaffe und das Schulterholster heraus. Er schnallte sich das Holster um und vergewisserte sich, dass das Magazin voll und die Waffe gesichert war, bevor er sie in das Holster steckte und den Riemen schloss. Anschließend holte er einen weißen Plastikmüllsack heraus. In der Tüte befand sich der Dolch, den er vor sechsundzwanzig Jahren versteckt hatte und der noch immer in das schmutzige Geschirrtuch eingewickelt war. Er wickelte den Dolch aus und betrachtete ihn. Er sah noch genauso makellos aus wie an dem Tag, als er ihn versteckt hatte. Ein schnatterndes Geräusch lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Baum. Fast ein Dutzend der Purpurschwanz-Baummäuse labten sich dort gerade an den gelben Früchten. Wieder ließ er seinen Blick umherschweifen, um nach einem Zeichen von Ruth Ausschau zu halten. Er konnte keine Fußabdrücke entdecken. Selbst nach der kurzen Zeit, die er Ruth kannte, war er sich sicher, dass sie in der Nähe geblieben wäre, wenn sie hier wäre. Er behielt den Dolch in der Hand, stopfte das Tuch und die Plastiktüte wieder in die Reisetasche, schloss den Reißverschluss und stand auf. Das Wichtigste zuerst – er musste einen Unterschlupf finden, sich einen Überblick über die Umgebung verschaffen, und sich entscheiden, was er als Nächstes tun sollte. Wenn er recht hatte und es sich bei den Kreaturen im Baum um Purpurschwanz-Baummäuse handelte, dann war er auf der Insel der Monster. In seinem Tagebuch befand sich eine grobe Karte der Insel. Sein Großvater hatte das Königreich einmal besucht, sich allerdings nie weiter als in die Hauptstadt vorgewagt. Asahi bückte sich, hob die Reisetasche auf und zog sich den Gurt über den Kopf, sodass sie quer über seinem Körper hing. Aufgrund des Lichteinfalls der Sonne, die durch das obere Blätterdach schien, vermutete er, dass es kurz nach Mittag war. Er hatte also noch ein paar Stunden Zeit, um sich einen sicheren Platz für die Nacht zu suchen. Die Temperatur war zwar im Moment noch moderat, doch er vermutete, dass es kälter werden würde, wenn die Sonne unterging. „Ich denke, heute werden die Bäume als Nachtlager herhalten“, sinnierte er und schüttelte den Kopf, als er an die Kolonie der winzigen violetten Kreaturen dachte. Er schloss die Augen und lauschte aufmerksam den Geräuschen der Umgebung. Das Zwitschern der Vögel mischte sich mit dem Summen der Insekten und dem Geschnatter der Purpurschwanz-Baummäuse. Doch von rechts war noch ein anderes Geräusch zu hören – das Rauschen von Wasser. Asahi öffnete die Augen und drehte sich in diese Richtung. Wasser bedeutete einen Fluss oder See, der ihn entweder in ein Dorf oder an die Küste führen konnte. Er öffnete seinen Gürtel und schob das Ende durch die Schlaufe der Dolchscheide. Dann schloss er die Schnalle wieder und rollte seine Schultern nach hinten, um die Anspannung zu lösen, bevor er sich auf den Weg in die Richtung machte, aus der das Plätschern des Wassers kam. Wenn Ruth irgendwo in der Nähe war, hoffte er, dass sie das Gleiche tun würde.
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