KAPITEL 3
Asahi kniete hinter einem Baum und sah, wie ein vorbeilaufendes Trollmädchen stolperte und stöhnte. Sie fasste sich an den Kopf und schüttelte ihn, als ob sie Schmerzen hätte. Dann wirbelte sie unerwartet herum und rannte mit dem Kopf voran gegen einen Baum. Asahi hielt sich mit einer Hand an dem Baumstamm fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als der Boden bebte.
Ungläubig sah er zu, wie sie sich in einem schwindelerregenden Kreis drehte, bevor ihre Augen in ihrem Kopf zurückrollten. Mit einem markerschütternden Aufprall fiel sie rückwärts um. Irgendetwas stimmte definitiv nicht mit ihr. Er stand langsam auf, blieb aber im Verborgenen. Er war froh über seine Vorsicht, als er einen Moment später sah, wie sich der bewusstlose Körper des Trollmädchens plötzlich nach oben wölbte und eine schwarze, flüssige Masse aus ihrem Mund sickerte.
Die Masse verdichtete sich und wurde immer größer, bis sie etwa die Größe eines englischen Mastiffs von der Erde hatte. Der flüssige Klumpen drehte und wendete sich, als wäre er auf der Suche nach einem anderen Lebewesen, das er bewohnen könnte. Ein unbehaglicher Schauer durchlief Asahi, als sich die teerartige Masse plötzlich in seine Richtung drehte. Er erstarrte.
Etwas Großes, das über ihm vorbeizog, warf einen Schatten auf den Boden, und er blickte nach oben. Durch das dichte Blätterdach sah er zwei Kreaturen über sich hinwegfliegen. Plötzlich stieß der Klumpen einen Schrei aus, wirbelte herum und verschwand in der entgegengesetzten Richtung im Wald.
Ihm stockte der Atem, als er die feinen ebenholzfarbenen Züge der Frau sah. Ihre Haut war wie eine glänzende Rüstung, als wäre sie eine wunderschöne Statue aus reinstem schwarzen Marmor. Sie landete anmutig und vollkommen geräuschlos.
Asahi betrachtete die Frau, die das bewusstlose Trollmädchen vorsichtig umkreiste. Die Augen der Frau hatten die Farbe von dunkelbraunem Goldstein und das schimmernde Licht darin weckte in ihm den Wunsch, für immer in ihre goldene Iris zu blicken. Ihr Gesicht war herzförmig mit hohen Wangenknochen, einer langen, geraden Nase und vollen, üppigen Lippen. Sie war schlank, hatte kleine Brüste und eine gebieterische Haltung, die von Macht und Selbstvertrauen zeugte.
Sie kniete sich neben das Trollmädchen und berührte vorsichtig den großen Knoten auf ihrer Stirn, bevor sie nacheinander ihre Augenlider hob. Dann erhob sich die Marmorfrau und schaute sich stirnrunzelnd um.
„Pai, siehst du etwas?“, rief sie.
„Sieht so aus, als gäbe es frische Schäden an den Farnen im Nordwesten“, antwortete der Hippogreif. „Was ist mit Medjuline?“
Der Troll stöhnte leise auf und die Frau wich zurück. Asahi erstarrte, als er das leise schmerzerfüllte Wimmern hörte. Er beobachtete, wie sich ein Schwert in der Hand der Frau materialisierte. Das Trollmädchen rollte sich stöhnend auf die Seite und fasste sich mit einer großen, zitternden Hand mit dicken, schmutzigen Nägeln an den Kopf. Die elegante geflügelte Frau machte einen Schritt auf den weiblichen Troll zu, der sich nun schwerfällig aufsetzte.
„Medjuline“, sagte die Frau mit sanfter, beruhigender Stimme.
„Helft mir, bitte. Lasst … lasst nicht zu, dass es wieder Besitz von mir ergreift“, stieß Medjuline mit zittriger Stimme hervor.
„Wer hat Besitz von dir ergriffen?“, fragte die Frau wieder mit sanfter Stimme.
Medjuline setzte sich auf und sah sich mit großen, angsterfüllten Augen um. Ihr Blick fiel auf die Frau, die mit dem gezogenen Schwert vor ihr stand. Wieder hob Medjuline eine zitternde Hand an ihre Stirn.
„Die Kreatur, die … die aus … Der Hirsch … ist explodiert … Da war ein schwarzer Klumpen …“, rief Medjuline aus, und ihre Stimme wurde lauter, als die Angst sie erneut überkam. „Er hat mich gewürgt und ich konnte ihn nicht loswerden!“
Mitleid durchflutete Asahi, als das Trollmädchen zu weinen begann. An ihren Gesichtszügen und der Art, wie sie sprach, war zu erkennen, dass sie noch jung war. Sie betrachtete ihre Hände und rieb sie aneinander, bevor sie ihr dunkelrotes Haar zurückschob, als wolle sie sicherstellen, dass keine Rückstände der schwarzen Substanz zurückgeblieben waren. Schluchzend schaukelte sie hin und her.
„Wo ist der Außerirdische hin, Medjuline? Es ist wichtig, dass ich ihn finde, bevor er noch jemandem Schaden zufügen kann“, sagte das schöne Wesen.
Medjuline wischte sich mit ihren schmutzigen Händen über das Gesicht und hinterließ Schlieren aus Schmutz auf ihrer dunkelbraunen Haut. Sie sah die Marmorfrau an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich weiß es nicht. Er hat mir wehgetan – in meinem Kopf. Ich musste dafür sorgen, dass es aufhört. Ich wollte, dass er aus mir herauskommt. Ich … ich bin gegen einen Baum gelaufen. Ich spüre ihn nicht mehr in mir, aber mein Kopf tut immer noch weh“, gestand Medjuline.
Die Frau ließ ihr Schwert sinken und trat einen Schritt vor.
„Nali!“, knurrte der Hippogreif im Baum besorgt.
Nalis Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Es war kein amüsiertes Lächeln. Es war ein gefährliches, erwartungsvolles Lächeln – als würde sie nur darauf warten, dass jemand oder etwas sie angriff. Sie legte ihre Hand auf den Arm des jungen Trollmädchens und musterte sie eingehend. Einige angespannte Sekunden verstrichen, bevor sie so leise flüsterte, dass Asahi nicht verstehen konnte, was sie sagte.
Er holte erschrocken Luft, als die Marmorfrau sich plötzlich in eine Version ihrer selbst verwandelte, die weicher, wärmer und noch umwerfender war. Ihre glatte, hellbraune Haut schimmerte im Sonnenlicht, das durch das Blätterdach drang, sie hatte die Farbe von cremiger Milchschokolade. Ihr langes schwarzes Haar, das ihr in dichten Locken über die Schultern fiel, erinnerte ihn an die Frauen im alten Kreta.
„Pai, der Außerirdische hat Medjulines Körper verlassen. Du kannst herunterkommen“, antwortete sie.
Medjuline schniefte, während Tränen über ihre schmutzigen Wangen liefen. Ihre Augen waren jetzt mit Staunen statt mit Angst gefüllt. Sie streckte der Frau eine Hand entgegen.
Asahi zügelte sein Unbehagen. Er hatte gesehen, wie der flüssige Parasit Medjulines Körper verlassen hatte, und diese mächtige Frau war sich sicher, dass nichts davon zurückgeblieben war. Dennoch machte ihn die schreckliche Natur dessen, was er gesehen hatte, nervös. Sicherlich würde er noch tagelang Alpträume von diesem Parasiten haben.
„Nali“, mahnte Pai erneut, „der Außerirdische hat noch nie einen lebenden Wirt verlassen – nicht ohne weitaus größere Gewaltanwendung als einen Schlag auf den Kopf.“
Nalis Miene wurde weicher, als sie ihren besorgten Begleiter ansah. „Ich habe keine Ahnung, warum es diesmal anders ist, aber der Außerirdische ist weg, Pai. Da bin ich mir sicher – und Medjuline ist verletzt und verängstigt. Bitte komm runter.“
Nali drückte Medjulines Hand und sah ihr beruhigend in die Augen.
„Kaiserin, ich … Diese Kreatur will uns schaden“, schluchzte Medjuline.
„Das werde ich verhindern. Pai, bring Medjuline zurück in ihr Dorf. Sorg dafür, dass das Gebiet von ausreichend Wachen gesichert wird, falls der Außerirdische versucht, zurückzukommen“, befahl Nali.
Der Hippogreif landete und scharrte verärgert mit den Füßen auf dem Boden. Er schüttelte den Kopf. „Nali, bitte sag mir, dass du nicht vorhast, diese Kreatur allein zu jagen“, zischte Pai bestürzt.
Asahi schmunzelte amüsiert, als die Frau namens Nali die Augen verdrehte, bevor sie nickte. Seine Belustigung schlug in Besorgnis um, als Nali dem Troll beim Aufstehen half und Medjuline schwankte. Sie war doppelt so groß wie die Frau, die sie zu stützen versuchte. Dem Hippogreif muss es genauso gehen, denn er knurrte leise und stemmte sich gegen das Trollmädchen, das sich auf ihn stützte.
„Sie kann nicht allein zurückgehen, Pai. Sie ist verletzt und erschüttert von dem, was ihr widerfahren ist. Bring sie ins Dorf zurück. Nachdem du dich vergewissert hast, dass sie in Sicherheit ist und das Dorf nicht in Gefahr ist, kannst du zu mir zurückkommen“, antwortete Nali schließlich.
„Das gefällt mir nicht“, schnauzte Pai.
„Ich habe nicht gefragt, ob es dir gefällt“, erwiderte sie mit einem leicht bissigen Unterton.
Asahis Augen verengten sich. Diese Frau war es gewohnt, Befehle zu erteilen. Er musterte ihre Gesichtszüge und erstarrte, als er plötzlich zwei und zwei zusammenzählte und begriff, wen er da vor sich hatte. Sie war Nali, die Kaiserin der Monster. Er hätte nie erwartet, dass sie so jung war – oder so schön.