Kapitel 2-2

1241 Words
Das Trolldorf Nali und Pai landeten inmitten von kreisförmig angeordneten massiven Hütten mit Strohdach. Die kleine Gemeinschaft war vor ein paar Minuten offensichtlich noch sehr aktiv gewesen, aber die Trolle hatten ihre Arbeit unterbrochen, um ihre Ankunft zu beobachten. Sie ließ ihren Blick über die Gruppe schweifen. Sie waren um ein Vielfaches größer als sie selbst. „Kaiserin, was führt Euch in unser bescheidenes Dorf?“, fragte Zenma, die Älteste der Trollgemeinschaft und trat vor. Sie trug eine lange Tunika mit wunderschönen Stickereien und hatte einen langen, geschnitzten Stab bei sich. Nali verwandelte sich in ihre weichere Gestalt und begrüßte die Älteste. „Ich fürchte, es geht um eine höchst bedeutende Angelegenheit, Zenma“, sagte sie. Zenma blickte besorgt auf sie hinab. „Natürlich, Kaiserin. Bitte folgt mir“, erwiderte sie. „Pai, sieh dich im Dorf um. Wenn du etwas entdeckst, tu nichts“, mahnte sie leise. „Ja, Kaiserin“, antwortete Pai. Nali folgte Zenma zu einem zentralen Langhaus. Während sie die Stufen hinaufstieg, nahm sie die Umgebung in Augenschein. Zenma schritt durch die geöffneten Türen in das fröhliche Innere. Drei lange Tischreihen, von denen die meisten so hoch waren wie Nali, waren senkrecht zu einem vierten Tisch angeordnet, der vorne auf einer niedrigen Plattform stand. Während die Tische in der Mitte des Raumes mit Sitzbänken ausgestattet waren, befanden sich neben dem Tisch auf dem Podest einzelne Stühle. Zenma hielt inne und warf einen besorgten Blick auf die Bänke und Stühle, bevor sie wieder Nali ansah. Es war leicht zu erkennen, was die alte Trollfrau dachte. Nali schenkte Zenma ein beruhigendes Lächeln und bedeutete ihr, sich zu setzen. „Wenn du dich setzt, sind wir ein wenig mehr auf Augenhöhe“, schlug Nali vor. „Ja, danke, Kaiserin“, erwiderte Zenma mit einem Seufzer und ließ sich langsam auf die Bank sinken. „Ich fürchte, die Jahre holen mich langsam ein.“ „Wie geht es der Trollgemeinschaft? Braucht ihr etwas?“, erkundigte sich Nali höflich. Zenma lächelte sie an. „Den Trollen geht es gut, danke der Nachfrage, Kaiserin. Aber ich glaube, Euerem Besuch liegt ein dringenderes Anliegen zugrunde. Hat es etwas mit Elderberry und Dew zu tun? Die beiden haben den Seehirsch gefunden“, fragte die Älteste. Nali nickte. „Ja. Ich würde gerne mit ihnen sprechen, und ich glaube, da war noch ein dritter Troll. Wir haben einen weiteren Seehirsch entdeckt. Er wurde tödlich verwundet. Pai hat in der Nähe Trollspuren gesehen“, erklärte sie. „Mir war nicht bewusst, dass noch ein dritter unterwegs war“, antwortete Zenma. Die Trollälteste hob ihren Stab und ließ ihn zweimal hintereinander auf den harten Boden fallen. Sofort erschien eine Wache. „Finde Dew und Elderberry und sag ihnen, dass ich mit ihnen zu sprechen wünsche. Außerdem will ich, dass du herausfindest, wer in letzter Zeit sonst noch gejagt hat“, befahl Zenma. „Ja, Älteste“, antwortete die Wache und senkte den Kopf. Zenma richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nali. „Sind meine Trolle in Gefahr, Kaiserin?“, fragte Zenma leise. Nali streckte ihre Hand aus und legte sie auf Zenmas. Sie würde die Älteste der Trollgemeinschaft nicht anlügen. Die Hand der Trollfrau zitterte unter ihrer. „Unsere Insel ist in großer Gefahr. Ich glaube, die Außerirdischen, die die Meerhexe und die Zauberinsel angegriffen haben, sind jetzt auf der Insel der Monster. Die Trolle waren die ersten, die der Kreatur hier begegnet sind. Ich muss unbedingt mit ihnen sprechen“, erklärte sie. Zenma nickte. „Die Trolle werden alles tun, was ihr verlangt, Kaiserin.“ „Älteste, Dew und Elderberry sind hier“, verkündete die Wache. Nali verwandelte ihre Haut zurück in das steinerne Äußere eines Gargoyles, als sie sich zu den beiden Trollen umdrehte, die hereinkamen. Sie suchte in den Augen der beiden Trolle nach Anzeichen für die schwarzen, wirbelnden Schatten, die sie in Magnas Augen bemerkt hatte. Zwei klare blaue Augenpaare beobachteten sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Nervosität, dann senkte Dew den Kopf. „Ihr wolltet mit uns sprechen, Älteste?“, erkundigte sich Elderberry. „Nicht ich, sondern Kaiserin Nali“, antwortete Zenma mit einer Handbewegung. „Ihr habt den ersten Hirsch entdeckt, richtig?“, fragte Nali. „Ja, Kaiserin. Wir wollten in der Bucht fischen. Dew hat den Hirsch als Erster bemerkt. Er lag zappelnd in der Brandung. Wir haben noch nie einen Hirsch so weit im Norden gesehen und auch nicht so nah am Ufer. Dew spürte, dass mit ihm etwas nicht stimmte und riet uns, den Palast zu benachrichtigen“, antwortete Elderberry. Nali betrachtete Dew. Er war jung, und daran, wie er immer wieder auf den Boden schaute, erkannte sie, dass er schüchtern war. Sie trat näher an ihn heran, streckte sanft die Hand aus und berührte sein Kinn, um ihn dazu zu bringen, ihr in die Augen zu schauen. Als sie sah, dass seine Augen klar waren, war sie sich sicher, dass keine Gefahr von ihm ausging. „Was hast du gespürt, Dew?“, fragte Nali sanft. Dew sah Elderberry mit einem gequälten, fast flehenden Blick an. Nali unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. Sie wusste, dass Trolle Leuten gegenüber, die nicht ihrer Sippe angehörten, sehr verschlossen waren. Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Geheimnisse vor Außenstehenden zu haben, und so war sie dankbar, als Elderberry Dew mit einer Handbewegung zum Sprechen ermutigte. Dew sah sie mit einem Ausdruck der Resignation an. „Ich … ich … k-k-kann D-Dinge spüren, wie G-G-Gefahr. Der Hirsch hatte eine bl-blutrote Aura“, stotterte Dew. „Dew ist einer unserer begabtesten Trolle. Seine Fähigkeit, Gefahren zu erkennen, hat viele von uns vor Verletzungen oder dem Tod bewahrt“, fügte Zenma hinzu. Nali nickte. „Ein Stück weiter nördlich ist ein weiterer verletzter Hirsch aufgetaucht. Meine Wache hat Trollspuren entdeckt, die von ihm wegführten. War noch ein Troll bei euch?“, erkundigte sie sich. Elderberry runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein, es waren nur Dew und ich“, sagte er. Dew schüttelte den Kopf. „Ich habe … Med-Medjuline vorhin … im Wald gesehen“, antwortete er. Nali sah Zenma an. „Wo ist Medjuline?“, fragte sie. Zenma wollte gerade antworten, als Pai und ein weiterer Wächter das Langhaus betraten. Pai warf Nali einen scharfen Blick zu, um ihr zu verstehen zu geben, dass er etwas gefunden hatte. Die Wache machte eine tiefe Verbeugung, bevor er sich an seine Kaiserin und Zenma wandte. „Kaiserin, Älteste, Medjuline ist verschwunden. Ihre Eltern haben sie seit zwei Tagen nicht mehr gesehen“, sagte der Wächter. „Finde sie“, befahl Zenma und stand langsam auf. Doch Nali hob gebieterisch die Hand. „Nein, Pai und ich werden sie suchen. Es ist zu gefährlich, sich ihr zu nähern, bis wir sicher wissen, was passiert ist. Ich werde einige meiner Gargoyle-Wachen ins Dorf beordern, falls sie wieder auftaucht. Lasst niemanden in ihre Nähe. Ich kann das gar nicht oft genug betonen“, befahl Nali mit Nachdruck. „Wir werden Eurem Befehl Folge leisten, Kaiserin“, versicherte Zenma. „Wir werden morgen früh mit der Suche beginnen. Zenma, hast du eine Unterkunft, die du uns für heute Nacht zur Verffügung stellen könntest?“, fragte Nali. „Es wäre uns eine Ehre, Euch zu Gast zu haben, Kaiserin. Bitte folgt mir“, sagte Zenma.
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