Kapitel 1: Die Reise nach Norden
Ashvale brannte hinter ihr, und niemand in der Kutsche hatte den Anstand, es laut auszusprechen.
Rhoswen Vesper hielt den Blick trotzdem auf das Fenster gerichtet und beobachtete, wie der schwarze Rauch von dem aufstieg, was einst die östlichen Kornspeicher gewesen waren, und wie ihr Königreich schrumpfte, bis es in eine einzige Scheibe verzerrten Glases passte. Vor drei Wochen hatte jener Kornspeicher noch sechs Dörfer ernährt. Nun war er Asche, und sie fuhr in einer Kutsche mit dem Wappen von Thornreave davon, in einem Kleid, das irgendein Fremder für sie ausgesucht hatte, auf dem Weg, den Mann zu heiraten, der angeblich die Feuer hatte legen lassen.
Sie weinte nicht. Das hatte sie sich heute Morgen im Spiegel versprochen, mit festem Kiefer und trockenen Augen, und sie war entschlossen, wenigstens ein Versprechen an diesem Tag zu halten.
Stattdessen fanden ihre Finger den kleinen Eisenring an ihrem Hals. Den ihrer Mutter, versteckt unter dem Kragen ihres Kleides, wo ihn kein Hofmeister beschlagnahmen konnte, weil er für den Anlass unpassend sei.
Sie drehte ihn zweimal zwischen den Fingern.
„Du würdest mir sagen, ich soll aufhören zu zittern, Mutter“, flüsterte sie. „Du würdest sagen, eine Vesper zittert nicht vor Fremden.“
Niemand hatte ihr je gesagt, warum ihre Mutter gestorben war. Fieber, behaupteten die Ärzte, als Rhoswen sechs Jahre alt und zu klein gewesen war, um zu wissen, dass erwachsene Männer mit derselben ruhigen Stimme logen, die sie auch für die Wahrheit benutzten. Ihr Vater hatte die Geschichte in sechzehn Jahren kein einziges Mal korrigiert. Mit zwölf hatte sie aufgehört zu fragen, nicht weil sie aufgehört hatte sich zu wundern, sondern weil der Anblick von Vaters sorgfältig leer werdendem Gesicht schlimmer war als das Nichtwissen.
Sie ließ den Ring wieder unter den Kragen gleiten und zwang sich, den Wachen zuzuhören. Alles war besser als ihre eigenen Gedanken an diesem Tag.
„…gesagt, der letzte Arzt, der ihn behandelt hat, hat zwei Finger verloren, nur weil er bei einem Anfall zu nahe stand“, murmelte einer von ihnen leise zum anderen. Die beiden kauerten sich in der Kutsche zusammen wie Jungen, die sich Gespenstergeschichten erzählten. „Dornen schossen direkt durch die Dielen und nahmen ihm die Hand, bevor er schreien konnte.“
„Das ist eine Geschichte für Kinder, Berrin.“
„Ist sie das? Dann erklär mal, warum jeder Hof im Reich ihn den Dunklen Prinzen nennt und keiner von ihnen scherzt, wenn er das sagt.“
Rhoswen wandte sich nicht vom Fenster ab, aber sie hörte jetzt zu. Fluch. Dornen. Ein Anfall deutet auf Wiederholung hin, nicht auf ein einzelnes Ereignis. Wenn das Leiden andauert, dokumentiert es jemand. Jemand dokumentiert immer Macht, auch verfluchte Macht.
„Mein Herr Prinz wird der Prinzessin nichts antun“, sagte der ältere Wächter schließlich, rauer, als bereue er, das Gespräch überhaupt begonnen zu haben. „Was auch immer er ist, er ist kein Narr. Sie ist die letzte Klausel der Kapitulation. Ashvale brennt bis auf den Grund nieder, wenn er sie auch nur einen blauen Fleck zufügt.“
Tröstlich, dachte Rhoswen. Meine Sicherheit ist eine Vertragsklausel. Wie beruhigend.
Sie hätte fast gelacht. Aber sie tat es nicht. Eine Vesper lacht auch nicht bei ihrem eigenen Leichenzug.
Die Kutsche ruckte, und die ganze Welt draußen vor dem Fenster veränderte sich.
Einen Moment noch waren die Hügel das gewöhnliche Grünbraun des späten Herbstes, und im nächsten Moment wich die Farbe aus allem. Die Bäume hier wuchsen falsch, schwarzstämmig und in Winkeln geneigt, die kein Wind erklären konnte. Die Luft, die durch die Fensternähte drang, wurde kalt genug, um zu beißen.
„Wir haben überschritten“, murmelte Berrin, und zum ersten Mal an diesem Tag klang er nicht, als erzähle er eine Geschichte. Er klang wie ein Mann, der sich bekreuzigte.
Rhoswen setzte sich gerader hin. „In was genau überschritten?“
Keiner der Wächter antwortete ihr. Das sagte ihr mehr als die Farbe der Bäume.
Die Kutsche verlangsamte und hielt an. Kein Befehl, kein Horn. Einfach ein plötzlicher Halt mitten auf einer Straße, die in beide Richtungen leer war.
„Warum halten wir?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht, meine Dame“, rief der Kutscher zurück.
Sie griff selbst nach dem Türgriff. Berrins Hand schoss heraus, um sie aufzuhalten. „Meine Dame, warten Sie…“
Aber sie öffnete die Tür bereits, blickte schon hinaus in den Nebel, der aus dem Nichts herangerollt war, d**k und grau und mit dem leichten Geruch von etwas Verbranntem.
Eine Gestalt stand allein auf der Straße vor ihnen. Keine Banner. Kein Gefolge. Keine Kolonne von Wachen, die sich um ihn formierte, wie es das Protokoll für eine königliche Übergabe dieser Größenordnung verlangte. Rhoswen hatte die zeremoniellen Anforderungen des Vertrags selbst auswendig gelernt, zwölf Seiten Pomp, die aus einer Kriegsbeute einen geehrten Gast machen sollten statt Fracht. Nichts davon war hier. Nur ein Mann, der im Nebel am Rand einer Straße stand, die in ein Königreich führte, das die Farbe verlassen hatte, und wartete.
Auf sie wartete.
„Steigen Sie wieder ein, meine Dame“, sagte Berrin, und diesmal war in seiner Stimme keine Geschichte mehr. Nur Angst, blank und unverhüllt.
Rhoswen rührte sich nicht.
Kein Prinz schickt sich selbst, um seine eigene Braut abzuholen. Nicht, es sei denn, er will etwas von dem Treffen, das hundert Zeugen unmöglich machen würden.
Die Gestalt im Nebel rief nicht. Winkte sie nicht heran. Er stand einfach da, geduldig, still, und beobachtete die Kutsche.
Zum ersten Mal, seit der Rauch von Ashvale hinter ihr verschwunden war, spürte Rhoswen Vesper, wie sich etwas Kälteres als Trauer in ihr Rückgrat legte.
Nicht genau Angst.
Wiedererkennen. Die besondere, prickelnde Gewissheit, dass das, was am Ende dieser Straße auf sie wartete, auf sie gewartet hatte. Speziell auf sie. Nicht auf ein Symbol, nicht auf eine Vertragsklausel, nicht auf „die Prinzessin von Ashvale“. Schon weit länger als drei Wochen.
„Meine Dame“, sagte Berrin erneut, jetzt dringend, und griff nach ihrem Ärmel. „Bitte.“
Sie stieg trotzdem aus der Kutsche.
Der Nebel schlang sich um ihre Knöchel, kalt genug, um durch die dünne Seide ihrer Reiseschuhe zu stechen, und irgendwo hinter ihr hörte sie den Kutscher ein Gebet unter dem Atem zischen. Vor ihr hatte sich die Gestalt keinen Zentimeter bewegt. Sie konnte jetzt mehr erkennen. Groß, dunkelhaarig, ein Mantel in der Farbe alten Blutes im grauen Licht, und an seinem Hals, gerade über dem Kragen sichtbar, etwas, das fast aussah wie schwarz gewordene Adern unter der Haut.
Dornen schossen direkt durch die Dielen.
Sie blieb zehn Schritte vor ihm stehen. Was auch immer sie erwartet hatte, Grausamkeit oder Hunger oder die blanke Bedrohlichkeit eines Monsters mit einer Krone, war nicht das, was ihr entgegenblickte.
Er sah müde aus. Müde auf eine Weise, die nichts mit der Uhrzeit zu tun hatte.
„Prinzessin Vesper“, sagte er, und seine Stimme war leiser, als sie sich gewappnet hatte, leiser, als irgendeine der Wächtergeschichten sie auf etwas vorbereitet hatte, das sie ein Monster nannten. „Sie sind früher, als ich erwartet habe.“
„Sie sind nicht, wen ich erwartet habe“, antwortete sie, bevor sie sich zurückhalten konnte, bevor die Diplomatie ihren Mund einholte. „Mein Herr Prinz, man hat mir gesagt, es gäbe eine Ehrenwache. Eine Zeremonie. Nicht…“ Sie deutete auf die leere Straße, die fehlenden Banner, den Nebel, der die Welt von allen Seiten verschluckte. „Dies.“
Etwas huschte über sein Gesicht und verschwand, bevor es sich vollständig formen konnte. „Es sollte eine Zeremonie geben“, sagte er. „Ich habe mich dagegen entschieden.“
„Warum?“
„Weil alles, was der Hof Ihnen bei dieser Zeremonie erzählt hätte“, sagte er, und seine Augen ließen die ihren nicht ein einziges Wort lang los, „eine Lüge gewesen wäre. Und ich habe beschlossen, Prinzessin, dass Sie wenigstens eine Wahrheit verdienen, bevor Sie jemals durch meine Tore gehen.“
Rhoswens Herz pochte inzwischen so heftig, dass sie sicher war, er könne es in der Stille zwischen ihnen hören. „Und welche Wahrheit ist das, mein Herr?“
Er antwortete nicht sofort. Der Nebel verschob sich zwischen ihnen, dicht genug, um seine Umrisse zu verwischen, und einen seltsamen, schwebenden Moment lang dachte sie, er würde es gar nicht sagen. Dass ihm der Mut versagen würde, so wie jedem anderen Mann in ihrem Leben der Mut versagt hatte, sobald die Wahrheit unbequem wurde.
Aber er tat es nicht.
„Der Krieg“, sagte Kaelan Thornreave, „war von Anfang an nie meiner. Er wurde inszeniert, Prinzessin. Jede Schlacht. Jede Vertragsklausel. Alles davon, für genau einen Zweck erbaut.“
Der Nebel drängte dichter heran, und irgendwo hinter ihr hörte sie Berrins scharfes Einatmen.
„Für welchen Zweck erbaut?“ fragte Rhoswen, obwohl ein kleiner, kalter Teil von ihr bereits ahnte, dass ihr die Antwort ganz und gar nicht gefallen würde.
Kaelan Thornreave sah sie an und ließ einen langsamen Atemzug entweichen. „Sie“, sagte er. „Es war immer Sie.“