Kapitel 1: Kalter Kaffee und gebrochene Versprechen
Devlins Sicht
Vier lange Jahre stand ich als Luna an der Seite von Alpha Jason Heath und gab alles für das Rote Mond-Rudel. Ich kümmerte mich um das Wohl des Rudels, pflegte verletzte Krieger, half Familien in Not, schlichtete Streitigkeiten und stand meinem Gefährten zur Seite. Ich war Jason und dem Rudel treu ergeben.
Ich wusste, welche Familien Unterstützung brauchten und welche Mitglieder sich keine Medikamente leisten konnten, und sorgte stillschweigend dafür, dass sie Hilfe erhielten. Ich hatte dieses Rudel zu meinem Zuhause gemacht, doch viele taten sich immer noch schwer, mich als Luna zu respektieren. Mein Wolf war nie erwacht. Nicht mit achtzehn, nicht während der mondhellen Erwachen, niemals.
In einer Welt, in der Macht von Zähnen und Klauen bestimmt wurde, war ich wolfslos. Ich lernte, dass es seine eigene Art von Urteil gab, eine wolfslose Luna zu sein. Manche beugten sich, weil Jason ihr Alpha war, nicht weil sie glaubten, dass ich Loyalität verdiente.
Ich ertrug es, weil Jason mich einst glauben ließ, dass all das keine Rolle spielte. Er versicherte mir, dass mein Wolfsverlust weder meinen Wert noch seine Gefühle für mich veränderte.
Heute Abend, als ich ein Tablett mit Honigtee zu seinem Arbeitszimmer trug, dachte ich an nichts davon. Ich dachte an meinen Gefährten. Er war in letzter Zeit distanziert gewesen, immer beschäftigt mit Patrouillen, Notfällen und Ratssitzungen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich für ihn da war. Was auch immer ihn bedrückte, er musste es nicht allein tragen. Vielleicht war er müde. Vielleicht wurde der Druck des Alphas zu groß. Vielleicht hatte ich mir die wachsende Distanz zwischen uns nur eingebildet. Ich wollte es glauben. Ich wollte glauben, dass er mich noch immer so ansah wie bei unserer ersten Begegnung.
Der Flur war still, als ich näher kam. Ich stieß die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen. Jason war nicht allein. Chloe, meine Stiefschwester, lehnte über seinem Schreibtisch. Ihre perfekt manikürten Finger lagen in seinem Hemdkragen und zogen ihn träge näher an sich.
Jason rührte sich nicht, um ihre Hände wegzunehmen. Er wich nicht zurück und bat sie nicht aufzuhören. Sein Blick ruhte auf ihr, mit einer rohen Zärtlichkeit, die er mir schon lange nicht mehr gezeigt hatte. Für ein paar Sekunden war ich wie gelähmt. Ich stand da und versuchte zu begreifen, was ich sah. Dann wurden meine Finger taub. Das Tablett glitt mir aus den Händen und krachte auf den Boden. Die Tassen zersprangen, und der Tee ergoss sich über die Fliesen.
Der Lärm zerstörte den Moment, der zwischen ihnen gewesen war. Jasons Kopf schnellte zu mir herum. Chloe drehte sich ebenfalls um.
Der Duft ihres Parfums wirkte plötzlich erdrückend. Ich war wie erstarrt. Chloe war die Letzte, die ich hier erwartet hätte, geschweige denn, dass sie Jason so berührte. Mein Blick wanderte von ihren Händen zu Jasons Gesicht.
Ich wartete auf ein Zeichen, das mich eines Besseren belehren könnte, aber es kam nichts. In seinem Gesichtsausdruck war weder Verwirrung noch Schuld zu sehen. Ich sah nur Verärgerung, Wut darüber, dass ich sie dabei erwischt hatte. „Jason?“, fragte ich leiser, als ich beabsichtigt hatte.
Beide starrten mich an. Chloe wirkte nicht überrascht. Im Gegenteil, ihr triumphierendes Grinsen verriet mir, dass sie sich fast freute, dass ich sie gesehen hatte. „Devlin“, sagte Jason kühl.
„Was macht sie denn hier?“, fragte ich Chloe, meine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Lass die Finger von meiner Gefährtin!“
„Pass auf deinen Ton auf!“, zischte Jason sofort und stellte sich schützend vor sie.
Die Bewegung schmerzte mehr, als ich erwartet hatte. Er ergriff Partei für sie gegen mich. „Wir haben wichtige Angelegenheiten des Rudels besprochen.“
„Um Mitternacht?“, fragte ich und trat vor, meine Stimme zitterte trotz meiner Bemühungen, sie zu beherrschen. „Und während sie dich überall anfasst?“
Chloe stieß einen leisen, spöttischen Seufzer aus, als sie hinter Jason hervortrat.
„Devlin, beruhig dich. Deine Gefährtin steht unter enormem Druck, ein so großes Rudel anzuführen.“ Sie neigte den Kopf, ihr Lächeln konnte die Beleidigung in ihrer Stimme kaum verbergen.
„Aber ich erwarte ohnehin nicht, dass du die Anforderungen an eine Alpha-Gefährtin verstehst.“
Ihre Herablassung traf mich wie ein Schlag und erinnerte mich daran, dass sie nie geglaubt hatte, ich gehöre an Jasons Seite. Chloes Groll gegen mich hatte nicht erst mit Jason begonnen. Er war schon seit unserer Kindheit da. Sie hasste es, wie viel Aufmerksamkeit mir mein Vater schenkte, besonders wenn sie das Gefühl hatte, ich bekäme Dinge, die sie selbst wollte.
Mir fiel auf, wie sie ihn immer beobachtete, wenn er mich lobte oder mir etwas gab, was sie wollte. Als Jason mich zu seiner Gefährtin wählte, wurde ihre jahrelange Eifersucht nur noch schlimmer.
Sie lächelte während unserer Paarungszeremonie und tat so, als freue sie sich für uns. Aber ich sah die Dunkelheit in ihren Augen. Ich werde es nie vergessen. „Geh beiseite, Chloe!“, fuhr ich sie an.
„Jetzt reicht’s, Devlin!“, Jasons Stimme hallte mit der Autorität eines Alphas wider und ließ die Luft im Raum zum Schneiden d**k werden. Ich wäre beinahe zusammengebrochen. Jason setzte seine Alpha-Aura nur selten ein, außer in extremen Situationen. Doch in diesem Moment verteidigte er mich nicht. Wie konnte er zulassen, dass sie mich so demütigte? Mein Herz brach tausendfach.
„Chloe ist auf meine Einladung hier. Du machst hier ein Theater wegen einer Nichtigkeit. Geh jetzt und leg dich schlafen.“
Ich starrte ihn an und spürte den stechenden Schmerz seiner Zurückweisung.
Die Stille war unerträglich. Ich wollte, dass er alles zurücknahm. Ich wollte, dass er mich ansah und begriff, was er getan hatte. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Chloe zu. „Lass die Dienstmädchen den Dreck in meinem Büro wegräumen und schließ die Balkontür ab, bevor du schlafen gehst“, fügte er kalt hinzu und drehte mir den Rücken zu, um Chloe wieder anzusehen.
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und wandte mich ab. Ich weigerte mich zu weinen. Ich hatte mir geschworen, niemals vor ihnen eine Träne zu vergießen. Mit geraden Schultern ging ich den Flur entlang, obwohl sich jeder Schritt schwerer anfühlte als der vorherige.
Als ich die Treppe erreichte, drangen die gedämpften Stimmen von Jasons Eltern aus dem Wohnzimmer zu mir. Sie sprachen Französisch. Das war ihr bevorzugtes Mittel zur Ausgrenzung. Jahrelang hatte ich es ignoriert, doch heute Abend lauschte ich aufmerksam und fing Bruchstücke ihres Gesprächs auf. „Unfähig …“, spottete Isabelle mit scharfer Stimme.
„Ein nutzloser Mond …“ „Jason wird ihn bald ersetzen“, erwiderte Charles kühl.
„Das Tier braucht eine wahre Linie, keinen ziellosen Irren.“
Ich verstand nicht jedes Wort, aber genug. Kennst du dieses unangenehme Gefühl, wenn jemand in einer anderen Sprache eine abfällige Bemerkung über dich macht, du aber irgendwie weißt, dass er von dir spricht?
Das war's. Mein Instinkt hatte mich nicht getäuscht. An ihrem Tonfall, meinem Namen, der Verachtung in ihrer Stimme und einem Wort, das ich schon viel zu oft gehört hatte, wusste ich es.
„Inutile.“ Nutzlos.
Meine Finger umklammerten das Geländer fester. Sie sprachen offen über meine Ablösung in meinem eigenen Haus und versteckten sich hinter einer Sprache, die sie für zu dumm hielten, um sie zu verstehen. Sie hatten mich verspottet, weil sie annahmen, ich würde sie nie verstehen – vielleicht war das mein Fehler gewesen.
In diesem Moment beschloss ich, dass es genug war. Ich stürmte die Treppe hoch in unser Schlafzimmer, schnappte mir mein Handy und lud mir Französisch für Anfänger herunter. Ich setzte meine Kopfhörer ein und klickte auf die erste Lektion. Der Bildschirm leuchtete auf, als die Lektion lud. Ich wiederholte die Wörter leise und zwang mich, sie mir einzuprägen. Ich verstand noch nicht alles. Aber ich war fest entschlossen zu lernen.
Sie hielten Französisch für ihren undurchdringlichen Schutzschild. Ich schwor mir: Ich würde diese Sprache zu meiner Waffe machen. Und wenn es soweit war, konnten sie sich nicht länger hinter geflüsterten Gesprächen und eleganten Lächeln verstecken. Ich wusste noch nicht genau, was sie planten, aber ich würde es herausfinden. Sie hatten eine Grenze überschritten, indem sie mich so behandelten, und ich würde nicht länger schweigend zusehen, wie sie entschieden, was in meinem Haus geschehen sollte.
Eine Stunde später betrat Jason den Raum. Er sah mich nicht an. Er ging direkt ins Badezimmer, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Als die Dusche lief, durchströmte mich plötzlich eine tiefe Wärme, die mich erstarren ließ. Es fühlte sich uralt und lebendig an. Das Gefühl breitete sich in meinen Adern aus, jagte mir Schauer über den Körper und raubte mir den Atem. Es war nicht schmerzhaft, aber intensiv, fast so, als wäre etwas tief in mir Verborgenes plötzlich erwacht.
Ich glaubte, etwas gehört zu haben. Es war keine Stimme, kein Geräusch, nur eine Präsenz, die die Luft um mich herum erfüllte. Etwas Uraltes, Erwachtes.
„Was war das?“
Ich legte meine Handfläche auf meine Brust und spürte, wie die Wärme langsam unter meiner Haut nachließ. Verwirrt runzelte ich die Stirn und blickte auf die Stelle.
Ich hatte keine Ahnung, was mir gerade widerfahren war. Doch während ich da saß und meine Hand auf meine Brust presste, ließ mich ein Gedanke nicht los. Jasons Verrat hatte etwas in mir ausgelöst, das ich nie zuvor verstanden hatte.