Kapitel 1: Wohin mich das Laufen geführt hat
Der Regen fiel nicht so sehr, als dass er vielmehr in der Luft von Port Clara schwebte, d**k und feucht wie eine nasse Wolldecke.
Kate Winslet stand auf der Veranda des baufälligen alten Hauses am Meer, das leere Handy in der einen Hand, eine angeschlagene Tasse mit lauwarmem schwarzen Kaffee in der anderen. Jenseits der Kiesauffahrt erstreckte sich das graue Tosen des Atlantiks bis zum Horizont. Genauso gottverlassen, wie sie es in Erinnerung hatte.
„Du schaust schon wieder hin“, rief eine Stimme aus dem Inneren.
Sandra Bullock trat durch die Fliegengittertür, ihre Arbeitsstiefel klackerten auf den abgenutzten Holzdielen. Sie hatte kein Recht, irgendwo anders zu sein als hinter einer Kamera, wo sie die Desaster anderer dokumentierte und ihr eigenes privat hielt. „Der Generator gibt in etwa einer Stunde den Geist auf. Trink das schnell aus.“ Sie hielt eine volle Flasche Scotch hoch.
„Ich schaue nicht hin. Ich rechne“, sagte Kate mit einer Stimme, die so trocken war wie Wüstenstaub. Sie nahm die Flasche nicht entgegen. „Wenn das Wasser noch drei Fuß steigt, wird die Straße zum Festland überflutet sein. Wir werden hier festsitzen.“
„Wir sitzen hier schon fest, Kate, wir sitzen hier schon seit fünf Jahren fest; wir haben dem Ganzen nur endlich eine Adresse gegeben.“
Sandra lehnte sich gegen das Geländer der Veranda, ihre dunklen Augen musterten Kates Gesicht. „Hast du ihn angerufen?“
„Mein Handy ist leer.“
„Das Festnetztelefon in der Küche funktioniert; ich habe es überprüft.“
Kate nahm einen weiteren langsamen Schluck des heißen Kaffees und ließ zu, dass das Brennen auf ihrer Zunge sie vorübergehend von dem dumpfen Schmerz ablenkte, der sich in ihrer Brust ausbreitete. „Das hat keinen Sinn. Paul ist immer noch in der Stadt bei den Anwälten. Er sagte, er wird bei Einbruch der Dunkelheit hier sein, wenn die Straßen halten.“
Sandra lachte kurz und schrill. „Ich habe nicht von deinem Mann gesprochen.“
Die Stille, die folgte, war dichter und schwerer als die Wellen, die unten gegen die Klippe schlugen.
Kate hielt ihren Blick auf den Horizont gerichtet und beobachtete die langsame, schwerfällige Bewegung eines entfernten Schiffes vor dem grauen Wasser. Ihr Beruf als Leiterin der internationalen Logistik hatte sie drei Jahre lang rund um den Globus geführt, um Vorräte, Flugzeuge und Medikamente in Kriegsgebiete und verwüstete Regionen zu transportieren. Sie wusste genau, wie viel Treibstoff man brauchte, um eine Stadt zu verlassen, die bereits am Zusammenbrechen war. Sie wusste nicht, wie sie einen einzigen Satz von Sandra Bullock überstehen sollte.
„Er kommt doch, oder?“, platzte es aus Kate heraus, bevor sie sich zurückhalten konnte.
„Ich habe ihn angerufen. Ich habe beide angerufen“, sagte Sandra mit einer Stimme, die jeglichen Humor vermissen ließ. „Pauls Karriere steht kurz vor dem Zusammenbruch, Kate. Wenn diese Anklagen des Bundes nächste Woche durchkommen, könnte sein ganzes Imperium verloren sein. Dieses Haus ist das Einzige, was die Anwälte bisher noch nicht antasten konnten. Wir mussten alle hier sein. Wir alle.“
„Seitdem die Karte verbrannt ist, sind wir nicht mehr ‚alle‘“, sagte Kate und wandte sich endlich ihrer Freundin zu. „Du hättest Rynan nicht anrufen sollen.“
„Paul brauchte ihn. Ob es dir gefällt oder nicht – Rynan hat immer noch die Unterlagen, die Paul entlasten werden. Den Beweis, dass er diese Gelder nicht veruntreut hat.“ Sandra nahm einen langen Schluck aus der Scotch-Flasche. „Und sei ehrlich, Kate. Du lebst seit 2021 nicht mehr wirklich. Du reist um die Welt und fügst zerbrochene Orte wieder zusammen, während du das, was in dir zerbrochen ist, nicht reparieren kannst.“
„Das ist eine billige Vermutung, San.“
„Sie ist umsonst; sie ist ungefähr so viel wert, wie du dafür bezahlt hast.“ Sandra legte sanft ihre Hand auf Kates Arm. „Er wird durch diese Tür kommen, Kate. Vielleicht heute, vielleicht morgen, aber diese zehn Jahre, die du damit verbracht hast, die Welt zu bereisen, sind nicht in dem Moment verschwunden, als du aufgehört hast zu sprechen. Du kannst bis ans andere Ende der Welt rennen, aber du stehst immer noch auf derselben Veranda, auf der er gesagt hat, er würde dir überallhin folgen.“
Kate riss ihren Arm weg, nicht aus Wut, sondern weil sie plötzlich das Gefühl hatte, zu ersticken. „Das ist schon eine Ewigkeit her. Ich bin mit Paul verheiratet.“
„Ich weiß, mit wem du verheiratet bist, Kate“, flüsterte Sandra. „Ich war deine Trauzeugin. Ich habe gesehen, wie du während der ganzen Zeremonie auf den hinteren Teil der Kirche gestarrt hast und auf jemanden gewartet hast, der nie aufgetaucht ist.“
Bevor Kate eine Antwort formulieren konnte, drang ein leises Brummen von der kurvenreichen Straße unter ihnen herauf. Es war kein Donner. Es war ein Motor, der klang, als würde er gleich aussterben. Aus dem Regen und dem Nebel tauchten zwei Scheinwerferpaare auf. Das eine gehörte zu der schnittigen schwarzen Limousine, die Kate mit Paul in Verbindung gebracht hatte, seit er Paul geworden war. Das andere zu einem rostbefallenen Defender-Jeep, der aussah, als hätte er schon vor Jahren den Geist aufgeben müssen.
Kate umklammerte ihre Kaffeetasse, bis ihre Knöchel weiß wurden. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, eine unerbittliche Kraft, die fünf Jahre lang eingeübte Taubheit durchbrach. „Sie sind da“, sagte Sandra leise und wich zur Tür zurück. „Die ganze herrliche, zerbrochene Landkarte.“
Kate blieb regungslos stehen. Sie stand am Rand der Veranda, während der kalte Regen ihr Gesicht peitschte, und sah zu, wie die Autos in die Schotterauffahrt einbogen. Beide Türen öffneten sich gleichzeitig. Paul stieg aus der Limousine, seine Krawatte schief, sein Lächeln müde, aber freundlich. Er breitete die Arme aus und erwartete, dass Kate die Stufen hinunterlaufen und sich in seine Umarmung werfen würde. Doch Kate sah ihren Mann gar nicht an. Ihr Blick war auf die Fahrertür des alten Jeeps geheftet.
Ein großer Mann stieg in den Regen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Er schlug die Tür zu und zog den Kragen seiner Jacke bis um den Hals hoch. Er blieb am Rand der Schotterauffahrt stehen.
Rynan Gosling blickte auf.
Durch den Regennebel trafen seine dunklen Augen die von Kate. Fünf Jahre der Distanz. Fünf Jahre der Flucht. Fünf Jahre des Schweigens. All das löste sich in einer einzigen, qualvollen Sekunde in Luft auf. Kate konnte nicht atmen. Sie konnte sich nicht bewegen. Die Karte war nicht verbrannt. Sie war hier und blutete in den Dreck.