Das Dach wurde still, nachdem Marinas Stimme im Wind verklungen war, und für einige Sekunden sprach keiner von ihnen.
Die Lichter der Stadt unter ihnen flackerten wie ferne Sterne, und die Nachtluft trug den schwachen Duft von Regen. Marinas Herz raste noch immer, ihre Finger zitterten leicht, als sie ihre Hand von ihrer Brust sinken ließ.
Sie hatte es gespürt.
Diese Präsenz.
Kalt, beobachtend und geduldig.
Und auf die schlimmstmögliche Weise vertraut.
Dominic betrachtete sie aufmerksam.
Sein ruhiger Gesichtsausdruck brach nie ganz, doch die Spannung in seinen Schultern verriet ihn.
„Was genau hast du gespürt?“ fragte er leise.
Marina schluckte.
„Es hat gesucht“, sagte sie. „Als würde etwas die Luft prüfen. Als wüsste es, dass ich hier bin.“
Asher fuhr sich durch sein dunkles Haar und begann langsam über die Terrasse zu gehen.
„Großartig“, murmelte er. „Gerade als es interessant wurde.“
Rafael bewegte sich überhaupt nicht. Sein Körper stand leicht vor Marina, instinktiv schirmte er sie vom offenen Rand des Daches ab.
Seine Augen musterten die Dunkelheit jenseits des Gebäudes.
„Du hast gesagt, es fühlte sich vertraut an“, sagte er leise.
Sie nickte.
Ihre Kehle zog sich zusammen, als eine alte Erinnerung auftauchte.
„Meine Mutter hat früher über sie gesprochen“, flüsterte sie. „Die Jäger.“
Stille legte sich über die Gruppe.
Selbst Asher hörte auf zu gehen, und Dominics Blick wurde schärfer.
„Erzähl uns alles, woran du dich erinnerst.“
Marina lehnte sich gegen das Geländer und schlang die Arme um sich, während die Vergangenheit näher rückte.
„Sie hat sie nie beim Namen genannt“, sagte sie langsam.
„Aber sie sagte, es gäbe Menschen, die glauben, dass Wesen wie wir nicht existieren sollten. Sirenen, Werwölfe oder irgendetwas Übernatürliches.“
Ihre Stimme zitterte leicht.
„Sie studieren uns, verfolgen uns und töten uns.“
Rafaels Kiefer spannte sich an, während Asher leise fluchte.
Dominic blieb gefasst, doch seine Augen verdunkelten sich.
„Organisationen wie diese wurden vor Jahrzehnten größtenteils zerschlagen“, sagte Dominic vorsichtig.
Marina schüttelte den Kopf.
„Meine Mutter glaubte das nicht.“
Der Wind frischte etwas auf und zog Strähnen ihres Haares über ihr Gesicht.
„Sie sagte, sie seien geduldig. Dass sie Generationen warten würden, wenn es sein müsste.“
Ihre Stimme sank zu einem Flüstern.
„Und sie sagte, sie seien diejenigen gewesen, die ihre Schwestern getötet haben, bevor sie schließlich sie gefunden haben.“
Rafael wandte sich nun ganz zu ihr.
„Und du glaubst, sie haben dich gefunden.“
Marina sah ihm in die Augen.
„Ich glaube es nicht.“
Sie atmete langsam aus.
„Ich weiß es.“
Für einen Moment sprach keiner der Männer.
Dann stieß Asher einen leisen Pfiff aus.
„Nun“, sagte er und rieb sich die Hände. „Sieht so aus, als wäre das Leben gerade viel spannender geworden.“
Dominic warf ihm einen scharfen Blick zu.
„Das ist kein Spiel, Asher.“
„Das weiß ich“, erwiderte Asher, obwohl der übliche spöttische Ton aus seiner Stimme verschwunden war. „Aber wer auch immer gerade versucht hat, sie aufzuspüren, wurde von ihrer Magie zurückgedrängt.“
Er warf Marina einen Blick zu, in dem etwas beinahe Stolzes aufblitzte.
„Das war übrigens beeindruckend.“
Marina blinzelte ihn an.
„Ich habe kaum etwas getan.“
„Du hast genug getan“, sagte Rafael leise.
Er trat jetzt näher, seine Präsenz warm und ruhig an ihrer Seite.
„Als deine Stimme diese Präsenz zurückgedrängt hat, habe ich es durch die Bindung gespürt.“
Marina sah zu ihm auf.
„Hast du?“
Er nickte.
„Es war, als würde man mitten in einer Welle stehen.“
Asher lachte leise.
„Ja. Eine sehr hübsche, sehr gefährliche Welle.“
Dominic verschränkte die Arme und dachte nach.
„Wenn wirklich Jäger beteiligt sind“, sagte er langsam, „dann war heute Nacht kein Angriff.“
Marina runzelte die Stirn.
„Was war es dann?“
„Eine Sondierung.“
Das Wort ließ einen Schauer durch sie laufen.
„Sie haben deine Kraft getestet“, fuhr Dominic fort. „Sie wollten bestätigen, was du bist.“
Rafaels Augen verhärteten sich.
„Und jetzt wissen sie es.“
Marinas Magen zog sich zusammen.
Die Bindung in ihr regte sich wieder — reagierte auf ihre Angst, auf die Spannung um sie herum.
Ohne nachzudenken griff sie nach dem Geländer neben sich.
Drei Hände berührten sie gleichzeitig.
Dominics Hand schloss sich sanft um ihr Handgelenk.
Ashers Finger streiften ihre Schulter, während Rafaels Handfläche sich an ihren unteren Rücken legte.
Die Bindung flammte warm auf.
Nicht überwältigend, nicht gefährlich — nur ruhig und stabil.
„Du bist damit nicht allein“, murmelte Rafael.
Asher schenkte ihr ein schiefes Lächeln.
„Und ehrlich gesagt? Wenn jemand dumm genug ist, eine Sirene anzugreifen, die an drei Alphas gebunden ist… dann ist das sein Begräbnis.“
Dominics Stimme blieb ruhig, doch jetzt lag Stahl darin.
„Niemand fasst an, was uns gehört.“
Marina spürte, wie ihre Wangen warm wurden.
Die Bindung pulsierte sanft zustimmend.
Zum ersten Mal seit sie diese dunkle Präsenz gespürt hatte, ließ die Angst in ihrer Brust ein wenig nach.
Doch etwas nagte noch immer an ihr.
„Die Präsenz ist zu schnell verschwunden“, sagte sie leise.
Dominic sah sie an.
„Was meinst du?“
Marina runzelte leicht die Stirn.
„Als meine Stimme sie zurückgedrängt hat… hat sie nicht zurückgekämpft.“
Rafaels Brauen zogen sich zusammen.
Asher hörte auf zu lächeln.
„Das ist nicht normal“, fuhr Marina fort. „Wenn es ein Jäger gewesen wäre, der übernatürliche Energie gespürt hat, hätte er versucht, weiter vorzudringen.“
Dominics Blick wurde scharf.
„Du glaubst, sie waren nicht allein.“
Marina nickte langsam.
„Ich glaube, jemand hat von viel näher zugesehen.“
Schwere Stille folgte.
Dann—
Ein leises metallisches Klicken hallte von der Tür zum Treppenhaus hinter ihnen.
Alle vier Köpfe drehten sich gleichzeitig.
Rafaels Körper bewegte sich sofort vor Marina.
Dominics Stimme wurde gefährlich ruhig.
„Wer ist da?“
Die Tür knarrte langsam auf.
Ein junger Sicherheitsbeamter trat auf das Dach, sichtbar erschrocken.
„E-entschuldigung, Sir“, stammelte er und blickte nervös zwischen ihnen hin und her. „Gebäudepatrouille. Ich wusste nicht, dass jemand hier oben ist.“
Asher entspannte sich ein wenig.
Dominic musterte den Wachmann einen Moment lang, dann nickte er.
„Schon gut. Sie können gehen.“
Der Wachmann nickte hastig und verschwand wieder die Treppe hinunter.
Die Tür schloss sich.
Das Dach wurde wieder still.
Doch Marina konnte das unruhige Gefühl in ihrer Brust nicht abschütteln.
Irgendetwas an diesem Moment fühlte sich nicht richtig an.
Weit entfernt auf der anderen Seite der Stadt, in einem schwarzen Van, der im Schatten einer leeren Gasse parkte, senkte ein Mann ein Paar Hochleistungsferngläser.
Ein schwaches Lächeln zog über sein Gesicht.
„Nun“, murmelte er zu der Frau neben ihm.
„Das bestätigt es.“
Auf dem kleinen Monitor vor ihnen zeigte eine Wärmebildaufnahme vier Gestalten auf dem Dach.
Eine von ihnen leuchtete heller als die anderen.
Die Frau beugte sich näher zum Bildschirm, ihre Augen glänzten vor Interesse.
„Die letzte Sirene“, sagte sie leise.
Sie tippte auf den Monitor dort, wo Marina zwischen den drei Alphas stand.
„Und sie ist gebunden.“
Der Mann lachte leise.
„Das macht die Sache kompliziert.“
„Nicht wirklich.“
Die Frau lächelte kalt.
Sie griff nach einer Akte auf dem Armaturenbrett.
Auf dem Deckblatt waren vier Fotos.
Marina.
Dominic.
Asher.
Rafael.
„Schick die Nachricht“, sagte sie ruhig.
„Es ist Zeit, die Jagd zu beginnen.“
Zurück auf dem Dach fröstelte Marina plötzlich.
Die Bindung pulsierte erneut, doch diesmal—
fühlte es sich nicht wie Schutz an.
Es fühlte sich wie eine Warnung an.