Vorbestimmte Erkenntnis

1160 Words
Marina saß am nächsten Morgen früh an ihrem Schreibtisch und versuchte, normal zu wirken. Sie tippte E-Mails, nahm Anrufe entgegen und überprüfte Termine, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder zu den drei Männern. Irgendetwas an ihnen stimmte nicht. Etwas an ihnen ließ ihre Brust eng werden und ihre Haut prickeln auf eine Weise, die sie noch nie zuvor gespürt hatte. Sie hatte ihr Leben damit verbracht, zu verbergen, wer sie war, und ihre Kräfte zu kontrollieren. Sie wusste, dass sie niemandem zeigen durfte, wer sie wirklich war. Ihr Telefon vibrierte. Es war Dominic. „Marina, kannst du den Finanzbericht für die Ostküste bis zehn Uhr vorbereiten?“ fragte er schlicht. „Ja, natürlich“, antwortete sie, bemüht, ihre Stimme ruhig zu halten. „Ich werde ihn später in deinem Büro überprüfen“, fügte er hinzu. Marina legte das Telefon hin und atmete tief durch. Sie konnte den Sog wieder spüren. Heute war er stärker, und es war nicht nur einer von ihnen. Es waren alle drei. Ihr Herz begann zu pochen. Sie versuchte, es zu ignorieren, doch sie spürte, wie eine Hitze ihren Körper durchströmte. Ihre Stimme kribbelte in ihrem Hals, als wolle sie entkommen. Sie musste vorsichtig sein. Asher erschien in der Tür ihres Büros mit seinem üblichen verspielten Grinsen. „Guten Morgen, Marina. Du siehst heute sehr konzentriert aus.“ „Ich erledige nur meine Arbeit“, sagte sie leise. „Du wirkst angespannt“, sagte er und trat in ihr Büro. „Etwas beschäftigt dich.“ „Es geht mir wirklich gut“, versuchte sie zu lächeln, doch ihre Stimme zitterte leicht. Dann erschien Rafael ohne Klopfen. „Warum ist es immer so angespannt um dich?“ sagte er, seine Augen dunkel und intensiv. „Ich kann es fühlen.“ Marina erstarrte. Sie konnte es nicht länger verbergen. Etwas in ihr erwachte. Etwas Altes und Mächtiges. Ihre Sireneninstinkte erkannten sie, und es erfüllte sie mit Furcht. „Du spürst es auch“, flüsterte sie fast zu sich selbst. Alle drei Männer wandten sich ihr zu. Dominic zog eine Augenbraue hoch. „Spüren was?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nichts, es ist nur Arbeit.“ Doch ihr Körper verriet sie. Ihre Haut prickelte, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie konnte fühlen, wie sich das Band bildete. Etwas, von dem sie gedacht hatte, dass es unmöglich sei. Alle drei waren… ihre vorherbestimmten Gefährten. Sie versuchte, sich zu beruhigen, aber es war wie versuchen, den Ozean mit den Händen zurückzuhalten. Die Kraft in ihr regte sich und wollte sich befreien. Asher beugte sich näher. „Du verbirgst etwas sehr Interessantes“, sagte er leise. „Ich verberge nichts“, sagte sie, doch sie wusste, dass sie schwach klang. Rafaels Stimme war tief. „Niemand kann sich vor mir verbergen, Marina. Ich weiß, wann etwas wichtig ist, und gerade jetzt bist du sehr wichtig.“ Dominic blieb wie immer ruhig, doch seine Augen waren scharf. „Ich schlage vor, du erzählst uns, was du bist.“ Marinas Atem stockte. Sie konnte ihnen die Wahrheit nicht sagen. Wenn jemand wüsste, dass sie eine Sirene war, würde man sie jagen und töten. So lange hatte sie überlebt, indem sie sich versteckt hatte. Aber sie konnte nicht leugnen, was sie fühlte. „Ich… bin anders“, sagte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Die Wahrheit war anders. Sie erklärte nicht alles, aber es war das Nächstbeste, ohne sich selbst zu verraten. Asher lächelte, als wüsste er mehr, als sie sagte. „Anders kann sehr mächtig sein.“ Rafaels Augen verdunkelten sich. „Anders kann auch gefährlich sein.“ Marina blickte auf ihre Hände. Sie musste sich kontrollieren. Sie konnte ihre Kräfte hier nicht entkommen lassen. Sie durfte nicht, dass sie wussten, was sie war. „Geht es dir gut?“ fragte Dominic erneut, diesmal in einem sanfteren Ton. „Ja“, sagte sie, zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Mir geht es gut.“ Der Rest des Morgens war ein Kampf. Jedes Mal, wenn sie sprach oder sich bewegte, wurde der Sog des Bandes stärker. Ihre Sireneninstinkte flüsterten zu ihr. Sie riefen sie. Sie wollten sie, und sie wollte sie auch. Doch Angst hielt sie still. Während einer Sitzung mit dem Vorstand wäre sie fast ausgerutscht. Ihre Stimme erhob sich leicht in einem Ton, den sie zu verbergen versucht hatte. Die Männer erstarrten einen Moment. Sie spürte ihre Reaktionen tief in sich. Dominics Präsenz war ruhig und gebieterisch. Ashers Energie verspielt und neckend. Rafaels Hitze roh und verschlingend. Es war überwältigend. Sie entschuldigte sich und rannte zur Toilette. Sie lehnte sich über das Waschbecken und schloss die Augen. Ihre Kräfte durchbrachen die Barrieren, die sie für sich selbst aufgebaut hatte. Sie konnte alle drei auf eine Weise spüren, die sie schwindelig machte. „Das ist unmöglich“, flüsterte sie zu sich selbst. „Es können nicht alle drei sein.“ Doch es war so. Ihre Magie log nie. Sie konnte ihre Herzen spüren, ihre Instinkte, ihre Seelen, die nach ihrer suchten. Sie war ihre Gefährtin, und sie waren ihre. Ein Band, von dem sie dachte, dass es niemals existieren könnte. Als sie ins Büro zurückkehrte, warteten die drei Männer auf sie. Zuerst sprachen sie nicht. Ihre Augen waren auf sie gerichtet, als könnten sie in ihre Seele sehen. Dominic sprach schließlich: „Was auch immer du bist, wir müssen es bald wissen.“ Ashers Grinsen war gefährlich. „Oder wir werden es selbst herausfinden.“ Rafael trat näher. „Und du wirst dich nicht vor mir verstecken können.“ Marinas Herz raste. Sie wusste, dass sie ruhig bleiben musste, doch jede Faser ihres Seins schrie. Sie war eine Sirene, sie war mächtig, und sie war mit drei Männern verbunden, die ihr Leben für immer verändern konnten. „Ich… ich brauche Zeit“, sagte sie schließlich. Dominic nickte leicht. „Zeit können wir geben, aber nicht lange.“ Ashers Grinsen wurde leicht weicher. „Lauf nicht vor dem weg, was du bist, Marina. Es wird am Ende nur mehr wehtun.“ Rafael blieb nah. „Wir werden dich beschützen, aber du musst uns vertrauen.“ Marina sah sie an und spürte zum ersten Mal seit Jahren einen Funken Hoffnung. Sie kannten ihr Geheimnis noch nicht, aber sie konnten ihre Macht spüren. Sie wurden von ihr angezogen wie von nichts anderem. Und vielleicht, nur vielleicht, könnte sie mit ihnen überleben. Der Rest des Tages verging in einem Wirbel. Jede Interaktion verstärkte das Band. Jeder Blick, jede Berührung, jedes Geräusch ihrer Stimmen rief sie. Als sie das Büro verließ, wusste sie eines: Ihr Leben hatte sich für immer verändert. Die Ruhe, die sie ihr ganzes Leben gekannt hatte, war vorbei. Sie war nicht länger nur Marina, die Assistentin. Sie war Marina, die Sirene, und die drei Männer, die eigentlich ihre Feinde sein sollten, waren nun ihre vorherbestimmten Gefährten. Und sie konnte dem, was als Nächstes kommen würde, nicht entkommen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD