Das ohrenbetäubende Brüllen meines Motorrads war das einzige Geräusch, das die Grabesstille der Nacht zerriss, während ich wie eine Gejagte durch die dunklen Straßen raste. Die Welt um mich herum schien in einen kalten, schwarzen Schleier gehüllt zu sein, doch in meinem Inneren tobte ein Inferno. Ich hatte das Haus – nein, diesen Ort der Schande – in blinder, unbändiger Wut verlassen. Jede Faser meines Körpers zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor der Demütigung, die wie Säure in meinen Adern brannte.
Als ich die einsame Küste erreichte, schaltete ich den Motor aus. Die plötzliche Stille war fast schmerzhaft. Ich ließ mich schwerfällig auf den Sitz sinken, meine Beine fühlten sich an wie Blei. Mit zitternden Fingern kramte ich eine Zigarette aus meiner Tasche. Ich fluchte leise über das Feuerzeug, das erst nach mehreren Versuchen eine Flamme spendete. Ich sog den Rauch tief in meine Lungen, hielt ihn einen Moment lang fest und blies ihn dann langsam in die Dunkelheit der Nacht. Ich versuchte krampfhaft, meine Gedanken zu ordnen, doch das Bild, das sich vor wenigen Stunden in meine Netzhaut eingebrannt hatte, ließ sich nicht löschen.
Ich bin Eflan. Eine Frau, die glaubte, das große Los gezogen zu haben, als sie Pars kennenlernte. Seit vier Jahren arbeitete ich hart im „Queen“, einer der angesagtesten Bars der Stadt, um uns eine Zukunft aufzubauen. Pars war mein Fels, mein Anker – oder zumindest dachte ich das. Wir waren seit drei Jahren unzertrennlich. Ich liebte ihn mehr als mein eigenes Leben, mehr als die Familie, die mich schon vor langer Zeit enttäuscht hatte. An diesem Morgen war ich voller Vorfreude. Es war sein 25. Geburtstag. Ich hatte mir extra früher frei genommen, hatte Geschenke gekauft und eine Torte besorgt. Ich hatte sogar eine edle Uhr in seiner Lieblingsfarbe ausgesucht und unsere Initialen eingravieren lassen – ein Symbol für eine Ewigkeit, die nun in Scherben vor mir lag.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne für mich, grausamere Pläne. Als ich die Villa erreichte, die Pars gehörte und in der wir gemeinsam lebten, parkte ich mein Motorrad bewusst auf der Rückseite. Ich wollte ihn überraschen, wollte sein Gesicht sehen, wenn ich mit der Torte und den Geschenken im Wohnzimmer stünde. Ich betrat das Haus leise, fast auf Zehenspitzen. Doch anstatt der erwarteten Stille empfing mich ein unterdrücktes Lachen, das aus dem Obergeschoss drang.
Mein Herzschlag beschleunigte sich, ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus. Ich stieg die Treppen hinauf, jede Stufe fühlte sich an wie ein Gang zum Schafott. Die Flurlichter blieben dunkel, doch unter der Schlafzimmertür drang ein schmaler Lichtstreifen hervor. Mit klopfendem Herzen und zitternder Hand riss ich die Tür auf. In diesem Moment blieb die Zeit stehen. Meine Welt, alles, woran ich geglaubt hatte, zerfiel in tausend messerscharfe Stücke. Pars lag dort, nackt, in unserem Bett – in den Armen von Çisem.
Es war nicht irgendeine Frau. Es war Çisem. Meine ehemals beste Freundin aus der Schulzeit, die Person, der ich jedes Geheimnis anvertraut hatte. Ihr triumphierendes Lächeln, als sie mich sah, war schlimmer als der Anblick ihres nackten Körpers neben dem Mann, den ich liebte. Pars versuchte stammelnd, sich zu erklären, doch seine Worte erreichten mich nicht mehr. Ich riss mir den Ring vom Finger, warf ihn ihm vor die Füße und schrie ihm entgegen, dass er meinen Namen nie wieder aussprechen solle. Dann rannte ich. Ich rannte, bis die Lungen brannten, sprang auf mein Motorrad und raste davon, weg von diesem Albtraum.
Nun stand ich hier, am Rande eines tiefen, dunklen Waldes, in den ich mich instinktiv geflüchtet hatte. Die Bäume ragten wie mahnende Riesen in den Nachthimmel, und der Wind flüsterte von Dingen, die ich nicht verstehen konnte. Tränen, die ich bisher mühsam zurückgehalten hatte, strömten nun unaufhaltsam über meine Wangen. Ich fühlte mich leer, ausgebrannt, als hätte man mir die Seele aus dem Leib gerissen.
Ich wollte mir gerade eine weitere Zigarette anzünden, um den Schmerz zu betäuben, als ich eine Bewegung im Schatten bemerkte. Ich fuhr herum, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Dort, an eine gewaltige Eiche gelehnt, stand ein Mann. Er beobachtete mich mit einer Intensität, die mich erschauern ließ. Seine haselnussbraunen Augen schienen im fahlen Mondlicht fast zu leuchten, sie waren scharf und durchdringend wie die eines Raubtieres.
„Es gibt wohl einen logischen Grund, warum du mitten in der Nacht hier bist?“, durchbrach seine tiefe, raue Stimme die Stille. Die Vibration in seinem Tonfall löste eine seltsame Resonanz in mir aus.
„Wer bist du, dass du mich das fragst?“, herrschte ich ihn an, mein Zorn flammte sofort wieder auf. „Ich brauche keine Erlaubnis, um hier zu sein!“
Er löste sich langsam vom Baum und trat einen Schritt auf mich zu. Er war beeindruckend groß, mit einer maskulinen Ausstrahlung, die den Raum – oder in diesem Fall den Wald – vollkommen einnahm. Sein Gesicht war markant, fast wie aus Stein gemeißelt, und sein muskulöser Körper unter dem braunen Shirt verriet eine Kraft, die weit über das Normale hinausging. Mit einer flinken, fast spielerischen Bewegung nahm er mir die Zigarette aus den Fingern und führte sie an seine eigenen vollen Lippen.
„Bist du wahnsinnig?“, schrie ich ihn an, während mein Blut in den Adern kochte. Ich riss ihm die Zigarette wieder weg und zertrat sie wütend auf dem Waldboden. „Wer glaubst du, wer du bist? Suchst du nach Unterhaltung? Du hast dir definitiv die Falsche ausgesucht!“
Er betrachtete mich mit einem kühlen, fast spöttischen Lächeln, das seine Grübchen zum Vorschein brachte – ein Kontrast zu der Härte in seinem Blick. „Schätzchen, du musst dich nicht so aufregen, nur um zu erfahren, wer ich bin“, sagte er mit einer Gelassenheit, die mich wahnsinnig machte. „Mein Name ist Azat. Und eines solltest du wissen: Ich hasse Frauen, die weinen.“
Diese Worte trafen mich wie ein Schlag. Wut, Trauer und Trotz vermischten sich in mir zu einem explosiven Cocktail. Ich rammte meine Schulter hart gegen seine, als ich versuchte, an ihm vorbeizustürmen. In diesem Moment geschah etwas Unfassbares. Als sich unsere Körper berührten, durchfuhr mich ein heftiger, elektrisierender Schlag. Es war, als würde eine unsichtbare Energiequelle jede einzelne Zelle meines Körpers zum Vibrieren bringen. Ein Schaudern lief mir über den Rücken, von der Schulter bis in die Haarspitzen. Es fühlte sich an, als wäre ein verborgener Schalter in meinem Inneren umgelegt worden, eine Urgewalt, die ich nicht benennen konnte.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, rannte ich zu meinem Motorrad. Mein Atem ging flach, mein Herz raste. Ich schwang mich auf den Sattel und startete den Motor. Bevor ich losfuhr, konnte ich nicht anders, als mich ein letztes Mal umzublicken. Azat stand immer noch dort, unbeweglich wie eine Statue. Seine scharfen Augen waren fest auf mich gerichtet, als würde er nicht nur mich sehen, sondern tief in mein Innerstes blicken. Ich gab Gas und raste in die Dunkelheit, doch das Gefühl dieser Berührung und der Blick dieses Mannes brannten auf meiner Haut wie ein unauslöschliches Siegel. Ich wusste in diesem Moment, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Das Schicksal hatte gerade erst begonnen, seine Krallen in mein Leben zu schlagen.