Ich schreckte schweißgebadet aus dem Schlaf auf, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel gegen die Gitterstäbe seines Käfigs. Der Albtraum, der mich heimgesucht hatte, war so real gewesen, dass ich den metallischen Geschmack von Blut noch immer auf der Zunge zu spüren glaubte. Mit zitternden Fingern griff ich nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag. Das Display leuchtete hell auf und verkündete mir die bittere Realität: 12:00 Uhr mittags. Achtzehn verpasste Anrufe von Pars. Achtzehn Versuche, eine Lüge zu rechtfertigen, die keine Entschuldigung kannte.
Ich stöhnte leise auf und warf das Telefon zurück auf die Matratze. Mein Kopf dröhnte. Ich brauchte jetzt keine Worte, ich brauchte Wasser. Die heiße Dusche war mein einziger Zufluchtsort, die einzige Möglichkeit, den Schmutz der vergangenen Nacht, den Verrat und die brennende Enttäuschung zumindest oberflächlich von meiner Haut zu waschen. Das heiße Wasser prasselte auf meine Schultern, dampfte im kleinen Badezimmer und hüllte mich in einen schützenden Nebel. Ich blieb lange unter dem Strahl stehen, bis meine Haut rot war und meine Gedanken sich ein wenig beruhigt hatten.
Nachdem ich mein hüftlanges, schwarzes Haar mühsam getrocknet hatte, trat ich vor meinen Kleiderschrank. Er war alt, ein Relikt aus einer Zeit vor Pars, als ich noch allein in dem kleinen Zimmer über der Bar gelebt hatte. Ich wählte ein Outfit, das Kampfgeist ausstrahlte: eine hautenge schwarze Skinny-Jeans und ein Crop-Top in einem tiefen Parlamentblau, das meine Augen dunkler erscheinen ließ. Ich schlüpfte in meine kniehohen Stiefel mit den mörderischen Absätzen. Jedes Klicken der Absätze auf dem Holzboden fühlte sich an wie eine Kriegserklärung. Ich wusste, dass ich bald zurück in Pars' Haus musste, um meine restlichen Sachen zu holen, aber nicht heute. Heute musste ich einfach nur funktionieren.
Ich trat ins Freie, wo mein geliebtes schwarzes Motorrad glänzte. Es war mein ganzer Stolz, gekauft von dem Geld, das ich mir mit unzähligen Nachtschichten hart verdient hatte. Ich setzte den Helm auf, schloss das Visier und startete den Motor. Das vertraute Vibrieren zwischen meinen Beinen gab mir ein Gefühl von Kontrolle zurück, das ich schmerzlich vermisst hatte. Ich gab Gas. Die Geschwindigkeit war meine Therapie. Der Wind, der gegen meinen Körper drückte, schien die Tränen wegzublasen, bevor sie überhaupt meine Augen erreichen konnten. Ich war noch nie jemand gewesen, der Mitleid suchte. Nach dem Tod meiner Familie hatte ich gelernt, Schmerz wie einen schweren Stein in meinem Inneren zu vergraben. Ich würde auch diesen Verrat tief in mir begraben, dort, wo niemand ihn sehen konnte.
Als ich vor der Queen Bar ankam, parkte ich die Maschine im hinteren Bereich bei den Lieferanteneingängen. Ich zündete mir eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und beobachtete die Umgebung. Hallstatt war klein, und die Queen Bar war das Zentrum des Nachtlebens, vor allem wegen des illegalen Casinos im Keller. Ich wusste, dass ich heute wahrscheinlich unten arbeiten musste. Ich drückte die Zigarette mit der Stiefelspitze aus, setzte mein bestes falsches Lächeln auf – jenes Lächeln, das mittlerweile zur Hauptfigur meines Lebens geworden war – und betrat die Bar.
Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, spürte ich einen harten Griff an meinem Oberarm. Ich wurde herumgerissen, und da stand er. Pars. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen blitzten vor Zorn. „Wir müssen reden, Eflan! Sofort!“, herrschte er mich an.
Ich starrte ihn fassungslos an. Er hatte mich betrogen, und er war derjenige, der wütend war? Der Wahnsinn kannte offensichtlich keine Grenzen. „Worüber, Pars? Willst du mir Details darüber erzählen, wie du mit meiner ehemals besten Freundin in unserem gemeinsamen Bett geschlafen hast?“, erwiderte ich mit einer Stimme, die vor Sarkasmus triefte.
Plötzlich entwich mir ein scharfes, fast hysterisches Lachen. Wenn die Wut in meinen Augen eine physische Form annehmen könnte, hätte sie ihn an Ort und Stelle zu Asche verbrannt. „Hör mir erst einmal zu! Es ist alles so schnell passiert, es war ein Unfall!“, rief er, während die wenigen Gäste in der Bar neugierig zu uns herüberstarrten.
„Ein Unfall?“, schrie ich zurück. „Bist du ausgerutscht und zufällig in ihr gelandet?“
Bevor er reagieren konnte, holte ich aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, die wie ein Peitschenknall durch den Raum hallte. Pars' Gesicht zuckte zur Seite. Sein Blick verfinsterte sich, und ohne ein weiteres Wort packte er mich erneut am Arm und zerrte mich gnadenlos in Richtung der Treppen, die zum Casino führten. Trotz meiner verzweifelten Versuche, mich aus seinem Griff zu befreien, war seine körperliche Überlegenheit in diesem Moment zu groß.
Unten im Casino stieß er mich grob gegen einen der Spieltische. Ich schwankte, schaffte es aber mit Mühe, auf meinen hohen Absätzen das Gleichgewicht zu halten. Ein kleiner Funke Stolz loderte in mir auf. Ich straffte die Schultern, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihm direkt in die Augen.
„Ich wollte dir eigentlich ins Gesicht spucken, aber ich kann mich nicht entscheiden, welcher Teil von dir es am meisten verdient hat!“, schrie ich ihn an. „Der Pars, der drei Jahre meines Lebens verschwendet hat? Der Pars, der mich betrogen hat? Oder der Pars, der jetzt hier steht und so tut, als wäre er das Opfer?“
Noch während ich sprach, sammelte ich all meinen Abscheu und spuckte ihm direkt ins Gesicht. „Ich denke, jeder Millimeter deines verlogenen Gesichts verdient es!“
Pars erstarrte. Er wischte sich die Spucke langsam aus dem Gesicht, und dann geschah etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. Er griff mit einer plötzlichen Brutalität in mein Haar am Hinterkopf und zwang mich, ihn anzusehen. „Du hältst jetzt dein verdammtes Maul, bevor ich es dir eigenhändig stopfe!“, knurrte er. In diesem Moment erkannte ich ihn nicht wieder. Das war nicht der Mann, den ich geliebt hatte. Das war ein Fremder, ein skrupelloser Egoist.
„Versuch es doch!“, forderte ich ihn heraus, obwohl mein Herz wie verrückt raste.
„Was hätte ich denn wissen sollen? Dass Çisem deine Freundin ist? War das wirklich das einzige Problem?“, schrie er mich an, als wäre die Identität der Frau das Problem und nicht der Akt des Betrugs an sich.
„Verschwinde einfach! Du bist ein armseliger Idiot, Pars! Diese Art von Rückgratlosigkeit ist eine Beleidigung für das Wort Charakter! Glaubst du wirklich, ich vergebe dir, nachdem du mit dieser Schlampe in meinem Bett warst? Hältst du mich für so dumm? Mir wird schlecht, wenn ich dich nur ansehe!“
Mit aller Kraft wand ich mich aus seinem Griff. Die Wut in mir war so groß, dass das Muttermal in meinem Nacken zu brennen begann – ein Zeichen dafür, dass mein Körper am Limit war.
„Es gibt keine romantische Beziehung zwischen mir und Çisem, Eflan! Sei nicht so naiv. Ich konnte meine Triebe für einen Moment einfach nicht kontrollieren!“, brüllte Pars nun völlig außer sich.
Ich begann erneut zu lachen, laut und unkontrolliert. Es war ein wahnsinniges Lachen, das jeden normalen Menschen hätte abschrecken müssen. Ich lachte, während die Tränen der Wut in meinen Augen brannten. Ich ging auf ihn zu, bereit für den nächsten Schlagabtausch, als plötzlich schwere Schritte auf der Treppe zu hören waren.
„Ich habe dich überall gesucht.“
Die Stimme war tief, ruhig und hatte einen Unterton von unerschütterlicher Autorität. Ich wirbelte herum und blickte direkt in die haselnussbraunen Augen von Azat.
Azat? Was machte er hier? Woher wusste er, wo ich arbeitete? Wir kannten nicht einmal unsere Namen! Pars starrte uns beide fassungslos an. Azat kam die Treppe hinunter, seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Panthers. Er steuerte direkt auf mich zu, legte seinen Arm besitzergreifend um meine Taille und zog mich eng an seine warme Seite. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war fast überwältigend.
„Mihri sagte, du seist hier unten“, log er mit einer Selbstverständlichkeit, die mir den Atem raubte. Er wandte sich Pars zu, als hätte er ihn gerade erst bemerkt. „Willst du mich deinem Freund nicht vorstellen, Liebling?“
Was? Liebling? Freund? Pars artikulierte genau das, was ich dachte: „Dein Freund?“
Azat lächelte kühl. „Warum so überrascht? Ich bin Eflans Freund. Und wer bist du? Ich glaube kaum, dass du nur ein einfacher Bekannter bist, so wie Eflan dich ansieht – als wollte sie dich gleich zerfleischen.“
Pars schien den Verstand zu verlieren. „Und du spielst hier das unschuldige Mädchen mit mir, Eflan? Hast du dich eigentlich mal im Spiegel angesehen, bevor du mich verurteilt hast?“, schrie er mich an. „Was hast du dir dabei gedacht, als du Çisem eine Schlampe nanntest? Ich bin mir sicher, du hast nicht gemerkt, dass du genau die gleiche Schlampe bist wie sie!“
Kaum hatte Pars diese abscheulichen Worte ausgesprochen, traf ihn Azats Faust mit einer solchen Wucht im Gesicht, dass er zu Boden ging. Blut schoss aus seinem Mundwinkel.
„Bevor du die Beherrschung verlierst, solltest du besser darauf achten, welche Worte du gegenüber Eflan benutzt!“, sagte Azat mit einer beängstigenden Ruhe. Er betrachtete seine Fingernägel, als wäre das Ganze ein belangloses Gespräch über das Wetter.
Pars, außer sich vor Wut, rappelte sich auf und packte Azat am Revers seiner Jacke. Bevor die Situation vollends eskalieren konnte, griff ich nach Azats freier Hand. „Lass uns gehen, Azat. Er ist es nicht wert!“, sagte ich, und ich konnte kaum glauben, dass diese Worte aus meinem Mund kamen.
Azat war für einen Moment sichtlich überrascht, fing sich aber sofort wieder. Er löste meine Hand, legte seinen Arm wieder fest um meine Taille und wir gingen gemeinsam die Treppe hinauf. Wir ließen Pars zerstört und gedemütigt im Keller zurück.
Oben angekommen, herrschte zunächst eisiges Schweigen, bis wir sicher waren, dass Pars verschwunden war. Ich drehte mich zu Azat um, meine Augen blitzten vor Zorn. „Ich hoffe, du hast eine verdammt gute Erklärung dafür!“
„Wofür genau? Dass ich dich gerettet habe?“, fragte er mit diesem arroganten Halblächeln.
„Was lässt dich glauben, dass ich gerettet werden musste?“, zischte ich.
„Nach dem Bild zu urteilen, das sich mir unten bot, sah es sehr wohl danach aus.“
„In diesem Bild sah es also so aus, als bräuchte ich jemanden wie dich?“
„Es ist wahr, dass du auch meine Hand gehalten hast“, entgegnete er ruhig.
Ich wusste, dass er recht hatte. Ich hatte mich auf das Spiel eingelassen, um Pars den gleichen Schmerz zuzufügen, den er mir bereitet hatte. Aber das rechtfertigte Azats Eindringen in mein Leben nicht. „Woher kennst du mich? Wie hast du diesen Ort gefunden?“, fragte ich, um vom Thema abzulenken.
„Es war nicht schwer, dich zu finden, da du ständig überall auftauchst“, sagte er geheimnisvoll.
„Ich denke genau das Gegenteil über dich. Du bist überall dort, wo du nicht sein solltest, Azat Bey!“, konterte ich.
Azat lächelte über meine förmliche Ansprache, und seine wunderschöne Gänsehaut-Gmaße kam zum Vorschein. Es war fast unheimlich, wie perfekt seine Gesichtszüge waren. Seine perlweißen Zähne blitzten auf, und in seinen haselnussbraunen Augen schimmerte etwas Dunkles, das im krassen Gegensatz zu seinem warmen Blick stand.
„Ich bin überall dort, wo du bist, Eflan Nephthys“, sagte er mit einer Stimme, die wie Seide über meine Haut glitt. Mit diesem letzten Satz drehte er sich um und steuerte auf den Ausgang der Bar zu. Er ließ mich allein zurück, mit rasendem Herzen und der beängstigenden Gewissheit, dass dieser Mann viel mehr über mich wusste, als er zugab. Er kannte meinen vollen Namen – einen Namen, den ich fast niemandem verraten hatte. Wer war dieser Azat, der wie ein Schatten in mein Leben getreten war und nun anfing, die Fäden meines Schicksals zu ziehen?