Kapitel 1
HÖLLE AUF EINEM STIEFEL
SABLE
Wie fühlt es sich an, auf den Stiefeln einer Stripperin in die Hölle zu schreiten?
Frag mich. Ich habe es an einem Sonntagabend getan.
Das gesamte Hotel war nur für mich und den mysteriösen Mr. X geräumt worden. Ich ging genau wie mir gesagt worden war zum Empfangstresen.
„Hallo. Ich bin Parisol. Die Unterhaltung, die heute Abend für Mr. X bestellt wurde.“ Ich griff in meine Handtasche, holte die Karte hervor, die Madame Lior mir gegeben hatte, und schob sie über den Schalter.
Sie starrte die Karte aufmerksam an, bevor sie sie aufhob.
„Ah. Er erwartet Sie. Kommen Sie mit.“
Ich folgte ihr wie ein Lamm zur Schlachthütte. Mein Herzschlag hämmerte in meinen Ohren hinter der Maske auf meinem Gesicht – meine Augenlider zitterten.
Madame Lior hatte sich sehr deutlich ausgedrückt. Wenn ich das heute Abend nicht tun würde, würde ich ihr mehr Geld schulden, als ich mir in den nächsten fünf Jahren jemals verdienen könnte. Außerdem dürfte ich den Club nie wieder verlassen.
Ich würde den Rest meiner Tage damit verbringen müssen, an Stangen für faltige, lüsterne Männer zu tanzen.
„Treppe? Nehmen wir nicht den Aufzug?“, fragte ich.
Die Rezeptionistin warf mir einen Blick über die Schulter zu, ohne langsamer zu werden. „Herr X bevorzugt einen genaueren Ort. Die private Lounge im Erdgeschoss.“
„Das Hotel hat unten eine Lounge?“
„Ich glaube nicht, dass Sie dafür bezahlt wurden, Fragen zu stellen.“
Ich presste die Lippen zusammen und brachte kein Wort mehr heraus.
Wir gingen die Treppe weiter hinunter – ihre Absätze waren noch spitzer als meine … und doch konnte sie perfekt darauf laufen. Im Gegensatz zu mir.
„Du siehst neu aus. Die anderen waren immer aufgeregt, ja sogar voller Vorfreude. Aber du … du siehst aus wie ein Kaninchen, das sich an einen Ort verirrt hat, an den es nicht hätte kommen sollen.“
Sie blieb vor einer Tür stehen. Sie war schwarz und unbeschriftet, bis auf ein einziges Wort, das oben auf der Tür eingraviert war.
Zutritt verboten.
„Ich … ich bin nicht neu“, log ich. Es war das erste Mal, dass ich eine rothaarige Perücke und ein freizügiges rotes Paillettenkleid trug. „Mir ist nur ein bisschen kalt wegen des Wetters.“
Sie sah mich einen Moment lang an und tat dann etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Sie hielt mein Handgelenk fest.
„Ich habe eine Tochter in deinem Alter. Deshalb werde ich dir Folgendes sagen: Dreh dich um und geh, solange du noch kannst.“
Kalter Schweiß brach mir im Nacken aus.
Ich wollte ihr sagen, dass ich keine Wahl hatte. Ich wollte ihr von Madame Lior erzählen und von den Zinsen, die sich wie langsames Gift über drei Jahre hinweg angesammelt hatten – drei Jahre, in denen ich die Kostüme anderer Frauen gewaschen, Böden geschrubbt und mein Unbehagen heruntergeschluckt hatte.
Ich wollte ihr erzählen, wie ich an dem Abend, der eigentlich mein letzter sein sollte, aufgetaucht war, nur um zu erfahren, dass ich noch mehr schuldete.
Ich wollte ihr von Opa zu Hause in seinem Rollstuhl erzählen, der dachte, ich läge noch sicher in meinem Bett.
Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln.
„Ich komme schon klar. Danke.“
Sie schnaubte und schüttelte den Kopf über das, was sie als Sturheit empfand.
„Das hat der Letzte auch gesagt. Aber wenn du darauf bestehst, kann ich dich nicht aufhalten.“
Sie drehte die Klinke, und die Tür öffnete sich zu einem kurzen, schummrigen Flur, der an einer weiteren Tür endete. Sie folgte mir nicht weiter. Sie blieb einfach stehen, wo sie stand, und hielt die Türklinke fest.
„Das ist deine Endstation. Ich weiß nicht, ob du gläubig bist. Aber sprich ein Gebet, bevor du hineingehst. Und sei dir bewusst: Selbst wenn du schreist, ist der gesamte Flur schalldicht – niemand wird dich hören.“
Und ohne ein weiteres Wort trat sie zurück in die Dunkelheit und schloss die Tür hinter sich.
Meine Beine klebten förmlich am Boden fest und weigerten sich, sich zu bewegen.
Die Mädchen im Club hatten hinter vorgehaltener Hand und in Bruchstücken über ihn gesprochen. Der Mann, der alle paar Monate einmal vorbeikam und keine Spuren hinterließ. Sie gaben ihm Spitznamen, und keiner davon war nett.
„Komm schon, Sable, du schaffst das. Sei heute Nacht einfach Parisol, du schaffst das.“
Ich stieß die Tür sofort auf. Eine Sekunde zu spät, und ich wäre vielleicht weggerannt.
Der Raum war stockdunkel, ich konnte nicht einmal Schatten oder Umrisse von irgendetwas oder irgendjemandem ausmachen.
„Hallo? Hallo, ist da jemand?“ Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Hallo …“
„Machen Sie das Licht an, Miss Parisol.“
Die Stimme kam von irgendwo zu meiner Rechten und kroch wie warmes Quecksilber in meinen Rücken. Meine Hand tastete im Dunkeln die Wand ab, bis meine Finger den Lichtschalter fanden.
Das Licht ging in einem gelblichen Schimmer an, und ich ließ den Blick über die dunklen Wände und die Einrichtung schweifen. Ein Bett, das unberührt war, und daneben, auf einem zur Tür hin gedrehten Stuhl, saß er – in einem eng anliegenden Anzug, ein Bein über das andere geschlagen, und auf seinem Gesicht eine glatte Maske, die sein gesamtes Gesicht bedeckte und nur seine Augen freiließ. Sie waren hellgrau. Glaube ich zumindest.
Er sah nicht aus wie der Teufel.
Das war es, was mich am meisten beunruhigte.
Die schlimmsten Teufel sahen doch nie wirklich wie Teufel aus, oder?
Er stand auf, und als er seine volle Größe erreicht hatte, verstand ich, was die Mädchen gemeint hatten. Allein durch seine Anwesenheit ließ er den Raum größer wirken. Ich blieb standhaft, legte meine Handtasche auf den Beistelltisch und stand mit den Händen an den Seiten und erhobenem Kinn da.
„Ich bin … ich bin Parisol.“
„Das weiß ich.“ Sein Blick wanderte über meine Figur.
„Du wolltest mich, hier bin ich.“
Er umkreiste mich wie ein Tiger, der sich auf sein saftiges Wild stürzt.
„Du hast eine schöne Unterschrift.“
Ich verstand nicht, was er meinte, bis es mir wieder einfiel. Ich hatte neben der Einwilligung zu den medizinischen Tests auch eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben. Meine Handschrift war offenbar bemerkenswert gewesen.
„Danke.“
Sein Mundwinkel hob sich zu etwas, das kein richtiges Lächeln war.
„Deine Finger zittern.“
Ich räusperte mich.
„Das muss an der Klimaanlage liegen.“
Er deutete auf die Klimaanlage an der gegenüberliegenden Wand – sie war ausgeschaltet –, dann zeigte er wortlos auf den brennenden Kamin. Hinter meiner Maske errötete ich vor Verlegenheit.
„Ich bin heute Abend hier, um Sie zu unterhalten, Mister X. Können wir nicht endlich zur Sache kommen?“