Kapitel 5

1219 Words
DAS TATTOO SABLE Ich musste wohl etwas Falsches gesagt haben, denn sein Gesicht verzog sich zu einem tiefen Stirnrunzeln. „Das stand so nicht in Ihrer Akte.“ Seine Stimme war um eine Oktave tiefer geworden. „In Madame Lior’s Akte stand, dass Sie Erfahrung hätten.“ Er beugte sich vor und tippte auf etwas in dem Dokument vor ihm. „In der Akte, die Sie mit Ihrer Bewerbung eingereicht haben, steht, dass Sie dreiundzwanzig sind.“ Er blickte zu mir auf. „Auf dem Formular, das Sie bei Madame Lior ausgefüllt haben, stand, dass Sie siebenundzwanzig sind. Was stimmt nun?“ Ich hatte kein Formular ausgefüllt, zumindest nicht mit eigener Hand. „Ich bin gerade dreiundzwanzig geworden“, sagte ich. Er fluchte leise vor sich hin. Als sich unsere Blicke trafen, zog er die Akte zurück und schob sie mit der entschlossenen Geste eines Mannes, der ein Thema endgültig abschließt, unter den Schrank. „Vergiss, dass ich dich überhaupt etwas gefragt habe.“ Sein Kiefer war angespannt. „Du hattest recht. Diese Nacht hat nie stattgefunden.“ Ich saß da und versuchte zu verstehen, was sich genau geändert hatte. „Ich werde dich entschädigen“, sagte er. „Wie viel möchtest du?“ Ich starrte ihn an. „Was?“ „Wie viel –“ „Hör auf.“ Ich schüttelte den Kopf. „Mich für was genau entschädigen?“ Er schwieg einen Moment lang. „Ich habe noch nie … Ich habe keine Erfahrung mit …“ Er hielt inne. „Ich kann es nicht zurückgeben … Ich kann es nicht wiederherstellen. Aber ich kann dich entschädigen.“ Ich spürte, wie mir die Wangen heiß wurden. Ich presste die Lippen zusammen und schaute einen Moment lang auf meine Hände in meinem Schoß, bevor ich wieder zu ihm aufsah. „Es war meine Entscheidung“, sagte ich. „Es war mir nicht so wichtig.“ Zwischen uns herrschte Stille wie eine flauschige Wolke, nur ohne die Höflichkeiten. „Ich habe in zwanzig Minuten einen Termin“, sagte er, und schon war die Professionalität wieder da. „Zwei potenzielle Partner, denen ich ein neues Entwicklungsprojekt vorstellen werde. Ein kapselbasiertes Präparat zur Vorbeugung von Kater. Es befindet sich noch in der Produktion, aber die Präsentation ist fertig. Du wirst mit deinem Klemmbrett und deinem Stift mit mir im Raum sitzen, du sollst dir über alles Notizen machen, und du sprichst nicht, es sei denn, du wirst angesprochen, und du gibst keine Meinungen ab. Du folgst strikt meinen Anweisungen. Verstanden?“ Ich hatte meinen Stift bereits entsperrt. „Verstanden. Soll ich ihnen Kaffee holen, wenn sie ankommen?“ Seine Augen verengten sich ein wenig. „Der Einzige, dem du Kaffee bringst, bin ich“, sagte er. „Für die Erfrischungen aller anderen Personen in diesem Gebäude sorgt jemand anderes. Das liegt nicht in deiner Verantwortung.“ Ich musste mich unwillkürlich fragen, ob dieser Satz einen Hauch von Besitzgier oder einfach nur klare Arbeitsabgrenzung enthielt. „Ja, Sir.“ Die Tür öffnete sich, und mein Blick wandte sich instinktiv dorthin. Ein Mann Ende zwanzig trat herein, mit platinblonden Haaren, die ihm aus dem Gesicht gekämmt waren, und grünen Augen, die den Raum musterten. „Ich wusste es“, sagte er und sah Alaric an. „Du hast dich in deinem Büro verkrochen.“ „Manuel.“ Alarics Stimme klang ruhig. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du so früh wieder in der Stadt bist.“ „Das hatte ich auch nicht vor. Bis Christina mich heute Morgen anrief und erwähnte, dass du abgelenkt warst. Du hast irgendetwas von einem Mädchen vor dich hin gemurmelt.“ Sein grüner Blick glitt zu mir, mit dem gemächlichen Interesse von jemandem, der gerade die Antwort auf eine Frage gefunden hatte, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie gestellt hatte. „Und jetzt verstehe ich.“ Ich senkte mein Kinn leicht und brachte einen Laut hervor, der eigentlich eine Begrüßung sein sollte, aber wie ein Quietschen klang. „Hallo.“ „Nun“, sagte Manuel, während er mich weiterhin ansah, „willst du uns nicht vorstellen, Alaric?“ „Sie ist tabu“, antwortete er trocken. Manuel verdrehte die Augen, griff über den Schreibtisch nach einem Dokument am anderen Ende, beugte sich an mir vorbei, um es zu nehmen, und ich blieb ganz still stehen, weil er so nah war und offensichtlich eine wichtige Person war und ich die neue Assistentin, die sich bereits vor zehn Uhr morgens den Absatz verdreht, zu spät gekommen und ihrem Chef gegenüber ihre Jungfräulichkeit preisgegeben hatte. Seine Hand blieb auf dem Dokument liegen. Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre um uns herum. Er richtete sich auf und ließ das Dokument liegen, wo es war. Er bewegte sich weder noch drehte er sich um. Ich war versucht zu fragen, was passiert war. „Alaric“, sagte Manuel. Sein Tonfall hatte sich von locker und ungezwungen zu Verwirrung gewandelt. Er beugte sich zu mir hinüber und starrte konzentriert auf mein Profil. „Manuel.“ Alaric beobachtete seinen Cousin mit hochgezogener Augenbraue. „Was machst du da?“ Manuel antwortete ihm nicht sofort. Er starrte weiter auf mein Ohr. „Ich schaue mir hier ein Tattoo an.“ Tattoo? Ich hatte kein Tattoo. Nur eine kleine Stelle. Ich widerstand dem Drang, die Hand zu heben und die kleine Stelle hinter meinem rechten Ohr zu berühren, die ich schon immer gehabt hatte. Opa hatte immer gesagt, sie sei schon da gewesen, als ich geboren wurde. Ich hatte mir darüber nie Gedanken gemacht, denn es war einfach immer ein Teil von mir gewesen, so wie meine Nase ein Teil von mir war. „Manuel …“ „Alaric.“ Manuel blickte von der anderen Seite des Schreibtisches zu seinem Cousin auf. „Ist das nicht dieselbe Art, die dein Vater –“ Er beendete den Satz nicht. Alaric war bereits in Bewegung. Er durchquerte das Büro in drei Schritten, packte Manuel am Arm, öffnete die Tür, führte ihn hindurch und schlug sie hinter ihnen so heftig zu, dass das hölzerne Lesezeichen auf seinem Schreibtisch klapperte. Ich saß auf dem Stuhl vor seinem leeren Schreibtisch, den Stift noch ohne Kappe in der Hand und das Klemmbrett noch auf einer leeren Seite aufgeschlagen. „Wäre es schlimm, wenn ich lauschen würde?“, fragte ich, ohne mich an jemanden Bestimmten zu wenden. Ja. Sable. Lauschen ist etwas Schlimmes. Eine Verletzung der Privatsphäre – das ist dir schon oft passiert, also weißt du, wie unangenehm dir das ist. Ich biss mir auf die Lippe. Aber … es zählte nicht als Verletzung der Privatsphäre, wenn es etwas mit einem Mal auf meinem Ohr zu tun hatte. Oder? Entscheide dich mal, Alter. Ich stand von meinem Stuhl auf und humpelte zur Tür, wo ich mein Ohr daran presste. Sie diskutierten heftig, aber alles klang zusammenhanglos und abgehackt. Ich schob meine Finger in den kleinen Spalt zwischen Tür und Wand; als sich ein größerer Spalt bildete, presste ich mein Ohr daran. „Das kann doch nicht sein? Oder?“ fragte Manuel Alaric. „Vielleicht ist es nur ein Zufall. Du musst das nicht tun.“ Er grunzte etwas. „Gib es her, ich muss sie loswerden, ein für alle Mal.“ Ich löste mich von der Tür. Moment mal … was?!
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