KAPITEL 1
Der Operationssaal war unerträglich kalt. Die eisige Luft drang tief in Elara Blooms Körper ein, als hätte man jede Spur von Wärme entfernt, um den Raum vollkommen steril zu halten.
Der stechende Geruch von Desinfektionsmitteln erfüllte die Luft, brannte in ihrer Nase und haftete an jedem Atemzug, den sie nahm. Die grellweißen Wände reflektierten das harte Licht der Operationslampen und erzeugten ein blendendes Leuchten, das sie das Gefühl gab, in einem fremden Raum gefangen zu sein, in dem Zeit und Realität langsam verschwammen.
„Ms. Bloom, die Operation wird in Kürze beginnen. Bitte versuchen Sie, ruhig zu bleiben und keine Angst zu haben.“
Die Stimme erreichte sie mit geübter Ruhe, sanft und kontrolliert, getragen von der professionellen Sicherheit eines Menschen, der dieselben Worte bereits unzählige Male zu verängstigten Patienten gesprochen hatte.
Elara riss die Augen auf. Ihr Atem stockte schmerzhaft in ihrer Brust, während ihr Herz so heftig gegen ihre Rippen schlug, als wolle es aus ihrem Körper ausbrechen.
Über ihr stand ein Mann in vollständiger Operationskleidung. Sein Gesicht war teilweise von einer Maske verdeckt, doch sie erkannte ihn sofort. Seine Augen waren ruhig, scharf und beunruhigend vertraut, erfüllt von einer professionellen Distanz, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
„Dr. Green?“, flüsterte sie mit rauer, unsicherer Stimme. Unglaube zitterte in jeder einzelnen Silbe.
Ihre Gedanken gerieten augenblicklich außer Kontrolle und stürzten in ein Chaos aus Verwirrung und Angst.
Bin ich nicht gestorben? Habe ich mich nicht ins Meer gestürzt und bin in den Wellen versunken? Warum liege ich dann jetzt hier auf diesem Operationstisch und starre in diese Lichter, als wäre nie etwas geschehen?
„Mr. Carter hat persönlich dafür gesorgt, dass heute die besten medizinischen Spezialisten anwesend sind“, sagte Dr. Jacob Green mit ruhiger Stimme. „Ich werde den gesamten Eingriff persönlich überwachen, daher können Sie sicher sein, dass alles reibungslos und ohne Komplikationen verlaufen wird.“
Seine Worte drangen kaum zu ihr durch.
Elara hörte nur das donnernde Pochen ihres Pulses in den Ohren, während sie langsam ihre Hand hob. Ihre Finger zitterten unkontrolliert, als sie ihre Handfläche gegen ihre Brust presste. Die Wärme unter ihrer Berührung ließ einen heftigen Schock durch ihren Körper fahren.
Ihre Brust war noch da.
Eine überwältigende Welle der Erleichterung brach über sie herein. Ihr ganzer Körper begann heftig zu zittern, von den Fingerspitzen bis hinunter zu den Zehen.
Tränen schossen ihr in die Augen und liefen ungehindert über ihre Wangen, während Schock, Unglaube und verzweifelte Dankbarkeit ihr Herz umschlangen.
Mit aller Kraft umklammerte sie ihren Arm, ihre Fingernägel bohrten sich tief in ihre Haut, bis ein stechender Schmerz entstand.
Der Schmerz war real.
Das war kein Traum.
Sie lebte.
Mehr noch — sie war an den Anfang zurückgekehrt. Zu jenem Moment, kurz bevor ihr Leben systematisch zerstört worden war.
In ihrem früheren Leben war Elara Bloom durch ein sorgfältig arrangiertes Blind Date ihrer Familie Miles Carter vorgestellt worden. Schon bei ihrem ersten Treffen hatte er sie mit unerbittlicher Präzision umworben, so kalkuliert, dass ihr nun übel wurde, wenn sie daran dachte.
Er überschüttete sie mit Zuneigung, schenkte ihr Aufmerksamkeit und behandelte sie mit einer übertriebenen Fürsorge, die sie glauben ließ, sie sei etwas Kostbares und Unersetzliches.
Nur wenige Tage vor ihrer Hochzeit brach ihre Welt zusammen, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde.
Die Ärzte erklärten ihr, eine Operation sei dringend notwendig und unvermeidbar.
Sie unterzog sich einer Mastektomie und verlor dabei ihre linke Brust — gemeinsam mit ihrem Selbstvertrauen, ihrem Selbstwertgefühl und einem Teil ihrer Würde.
Miles zögerte keinen Augenblick. Direkt nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus heiratete er sie und stand mit einer Hingabe an ihrer Seite, die so überzeugend war, dass sie davon zu Tränen gerührt wurde.
Geblendet von Liebe und erfüllt von Dankbarkeit übergab Elara ihm schließlich alles, was sie besaß. Ohne zu zögern investierte sie ihr gesamtes Vermögen in die Rettung seines angeschlagenen Unternehmens.
Sie vertraute ihm vollkommen.
Unter dem Vorwand, ihre empfindliche Gesundheit schützen zu wollen, schlug Miles eine Ehe ohne körperliche Nähe vor und stellte dies als selbstlose Rücksichtnahme dar.
Drei lange Jahre ertrug Elara eine lieblose und sexlose Ehe und redete sich ein, seine Distanz sei der Beweis seiner Rücksicht und Loyalität.
Dann offenbarte sich die Wahrheit auf die grausamste Weise überhaupt.
Sie erwischte Miles im Bett mit ihrer Stiefschwester Ivy Bloom. Neben ihnen stand ein Kind, nicht älter als drei Jahre.
Ihr Sohn.
In diesem Augenblick zerbrach ihre Welt unwiderruflich.
Es hatte niemals platonische Liebe gegeben. Der moderne Lebensstil, von dem sie behaupteten, ihn zu teilen, war von Anfang an eine Lüge gewesen, erschaffen nur, um sie zu täuschen. Miles hatte sie nie gewollt. Nicht ein einziges Mal.
Sogar ihre Krebsdiagnose war gefälscht gewesen.
Sie war niemals krank gewesen.
Ivy, die bereits lange vor der Hochzeit heimlich eine Beziehung mit Miles geführt hatte, hatte befürchtet, dass er Elara nach der Heirat tatsächlich nahekommen könnte.
Getrieben von Eifersucht und Gier bestach Ivy Dr. Green und machte ihn zu einem Komplizen in einem perfiden Plan, der Elara dauerhaft entstellen sollte.
Doch damit nicht genug.
Später erfuhr Elara, dass die Frau, die sie ihr Leben lang Mutter genannt hatte, gar nicht ihre leibliche Mutter war.
Marilyn Bloom war eine berechnende Stiefmutter, die ihre Grausamkeit hinter perfekter Freundlichkeit verbarg. Nach außen spielte sie die hingebungsvolle und aufopfernde Mutter, während sie Elara isolierte, manipulierte und kontrollierte.
Gemeinsam zerstörten sie Elara Stück für Stück.
Sie lenkten sie in das Blind Date, zwangen sie zu einer unnötigen Operation, manipulierten sie zur Ehe und brachten sie dazu, all ihren Besitz auf Miles zu übertragen — einschließlich des unbezahlbaren Schmucks ihrer verstorbenen leiblichen Mutter.
Als Elara schließlich nichts mehr zu geben hatte, wurde sie ohne jedes Zögern weggeworfen.
Gebrochen, mittellos und unter der Last des Verrats erdrückt, entschied sie sich gegen das Überleben und stürzte sich ins Meer.
Und sie starb.
Doch nun stand sie auf unmögliche Weise erneut an derselben Kreuzung des Schicksals.
„Ms. Bloom, es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge“, sagte Dr. Green mit einem warmen, professionellen Lächeln, das beruhigend wirken sollte, Elara jedoch nur noch unruhiger machte. „Mr. Carter hat ausdrücklich darum gebeten, dass Sie die Operation sicher und ohne Probleme überstehen.“
Seine Worte klangen freundlich, doch für Elara wirkten sie leer und kalkuliert.
Ihre Unruhe verwandelte sich in erstickende Angst.
Jetzt kannte sie die Wahrheit. Sie wusste genau, wie diese Geschichte enden würde, wenn sie denselben Weg erneut ging. Sie durfte nicht zulassen, dass sich die Vergangenheit wiederholte — nicht, nachdem ihr eine zweite Chance gegeben worden war. Doch jeder Mensch in diesem Raum stand auf Miles’ Seite und war Teil seines sorgfältig vorbereiteten Plans. Jede offene Weigerung, jeder Hinweis auf Widerstand würde sofort Verdacht erregen und das Netz um sie enger ziehen.
Sie brauchte einen Ausweg. Sofort.
„Dr. Green, bitte warten Sie“, sagte sie und zwang die Worte trotz des Zitterns in ihrer Stimme hervor.
Er hielt inne und wandte sich ihr ruhig zu. „Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?“
„Ich muss auf die Toilette“, antwortete sie hastig, bevor Zweifel sie aufhalten konnten.
Eine weibliche Assistentin sprach mit sichtbarer Ungeduld:
„Waren Sie nicht bereits vor der Operation auf der Toilette?“
Die Stimme traf Elara wie ein Messerstich.
Ihr Blut gefror.
Sie erkannte sie sofort.
Ivy ist hier.
Ihre Handflächen wurden schweißnass, während Angst und Wut sich wie giftige Schlangen in ihrer Brust wanden und ihr beinahe die Luft abschnitten. Dennoch zwang sie ihr Gesicht zu völliger Ruhe, obwohl die Erinnerungen an Verrat hinter ihren Augen brannten.
„Das ist nicht nötig“, sagte Ivy kühl und trat mit kontrollierter Gelassenheit vor, die ihre Grausamkeit kaum verbarg. „Wir können einfach einen Katheter legen. Das dauert nicht lange.“
Auf ihr Zeichen trat eine Assistentin näher, während der Anästhesist bereits die Spritze hob und das Beruhigungsmittel vorbereitete.
Panik schoss durch Elaras Adern.
Sie wusste genau: Wenn sie jetzt das Bewusstsein verlor, würde sie nie wieder Kontrolle über ihren Körper haben. Sobald sie eingeschlafen war, würde ihr Körper ihr nicht mehr gehören.
„Hören Sie auf!“, rief sie verzweifelt. „Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen. Ich habe meinem Verlobten die Kombination für einen meiner Tresore noch nicht gegeben. Ich muss Miles sofort sehen.“
Für einen kurzen Augenblick blitzte unverhohlene Gier in Ivys Augen auf, bevor sie sie wieder verbarg.
Obwohl sie offiziell Schwestern waren, besaß Elara dreißig Prozent des Familienunternehmens — ein Umstand, den Ivy seit Jahren verabscheute. Ivy hingegen besaß nichts Eigenes, und genau diese Ungleichheit hatte ihre Eifersucht immer weiter angefacht.
„Mr. Carter wartet direkt draußen“, sagte Dr. Green ruhig. „Ich kann ihn hereinholen.“
„Nein“, erwiderte Elara bestimmt und schüttelte den Kopf. „Es sind zu viele Menschen hier. Ich werde selbst mit ihm sprechen. Die Operation muss ohnehin verschoben werden, damit alles erneut vorbereitet werden kann.“
Noch bevor jemand sie aufhalten konnte, zwang sie sich vom Operationstisch hoch.
Die plötzliche Bewegung ließ heftigen Schwindel durch ihren Körper rauschen. Durch das lange Fasten fühlten sich ihre Glieder schwach an, und ihr Blick verschwamm am Rand ihres Sichtfeldes. Doch die Verzweiflung verlieh ihr Kraft.
Schwankend bewegte sie sich auf die Tür zu.
Mit einem leisen Zischen glitten die Türen des Operationssaals auf.
Im Flur stand Miles Carter. Groß, makellos gekleidet in einem maßgeschneiderten Anzug, der perfekt an seinem Körper saß. Seine goldgeränderte Brille reflektierte das grelle Licht der Decke und verlieh ihm eine ruhige, autoritäre Ausstrahlung.
Für einen kurzen Moment verdunkelte sich sein Gesicht vor Verärgerung, als er sie sah, doch sofort setzte er wieder ein sanftes, beruhigendes Lächeln auf.
„Elara, was machst du hier draußen?“, fragte er ruhig, als wäre nichts ungewöhnlich.
Sie lehnte sich zur Unterstützung gegen den Türrahmen und fing den kurzen Anflug von Panik in seinen Augen auf, bevor er ihn verbergen konnte.
Er hat Angst.
„Ich habe Angst“, flüsterte sie leise und ließ bewusst Verletzlichkeit in ihre Stimme einfließen.
Er rückte seine Brille zurecht und senkte die Stimme. „Alles ist vorbereitet. Dir wird nichts passieren. Du musst dir keine Sorgen machen.“
„Ich brauche Zeit“, bat sie leise und krallte ihre Finger in den Stoff ihres Krankenhaushemdes.
Seine Geduld riss. Gereiztheit blitzte deutlich in seinem Gesicht auf.
„Das ist kein Scherz. Weißt du eigentlich, wie viel Aufwand das alles gekostet hat? Geh zurück hinein.“
„Mein Magen tut weh“, sagte sie hastig. „Ich muss wirklich auf die Toilette.“
Nach kurzem Zögern winkte er genervt ab. „Na gut. Geh.“
Eine Krankenschwester trat sofort vor und begleitete Elara den Flur entlang.
Miles beobachtete zufrieden, wie sie sich entfernte. In seiner Brust breitete sich selbstgefällige Sicherheit aus, während er sich einredete, sie sei immer noch dieselbe naive Frau, die er jederzeit kontrollieren konnte.
Wenige Minuten später kehrte die Krankenschwester zurück. Ihr Gesicht war kreidebleich, ihre Schritte hektisch.
„Mr. Carter“, sagte sie atemlos, „Ms. Bloom ist verschwunden.“
Sein Gesicht verzerrte sich vor Schock. „Was haben Sie gesagt?“
Ivy erstarrte neben ihm. „Sie sagte, sie müsse dir die Tresorkombination geben.“
Miles presste den Kiefer zusammen. Zum ersten Mal begann seine Selbstsicherheit zu bröckeln.
„Sie würde niemals wagen wegzulaufen.“
Dann sah er sie.
Eine schlanke Gestalt, die am Ende des Flurs um die Ecke verschwand.
Elara Bloom war auf der Flucht.
Ein dunkles Gefühl der Unruhe breitete sich in seiner Brust aus, als ihn die Erkenntnis mit brutaler Härte traf.
„Hat sie alles herausgefunden?“, murmelte er, bevor er scharf bellte:
„Da ist sie. Hinterher!“