Kapitel 3: Sie um jeden Preis verletzen

654 Words
Nachdem Emma ihre Gefühle geordnet hatte, drehte sie sich ruhig um und sah das elegant gekleidete Mädchen vor sich an. Einmal waren sie sich so nah gewesen wie Schwestern. Sie hatten Kleidung geteilt, Mahlzeiten miteinander eingenommen. Doch jetzt … Als Emma sah, dass Zara sich darauf vorbereitete, sie zu umarmen, trat sie zurück – als würde sie einer Giftschlange ausweichen. „Lassen wir die Umarmung lieber. Ich glaube nicht, dass wir uns noch so nahe stehen.“ Zaras ausgestreckte Hand erstarrte in der Luft. Sie setzte einen verletzten Gesichtsausdruck auf. „Ich hätte nicht gedacht, dass du mir gegenüber so feindselig bist. Emma, zwischen uns muss es ein Missverständnis geben.“ Das Wort Missverständnis ließ Emma innerlich bitter lachen. Es klang wie ein schlechter Witz. Konnte diese Frau noch widerwärtiger sein? Also waren die seltsame Stimmung und die merkwürdigen Fragen der Familie vorhin wegen ihres Auftauchens gewesen? „Ein Missverständnis?“ Emma lachte leise. „Du wagst es, beim Familienbankett der Brooks aufzutauchen, und nennst das ein Missverständnis?“ Zara behielt ihr unschuldiges Gesicht bei und erklärte hastig: „Emma, ich bin nur zufällig vorbeigekommen, ohne irgendwelche Hintergedanken! Glaub mir bitte!“ Emma verzog spöttisch die Lippen. Die Schamlosigkeit dieser Frau hatte ihr bisheriges Verständnis vollkommen zerstört. Doch Emma wusste genau, warum Zara sich so etwas erlaubte. Sie hatte Rückendeckung. Und diese Rückendeckung hieß Tyler. Gerade als Emma keine Lust mehr hatte, sich weiter mit ihr auseinanderzusetzen und gehen wollte, ertönte nicht weit entfernt die Stimme eines Dieners: „Junger Herr, Sie sind angekommen.“ Es war Tyler. Emmas Blick wich keine Sekunde von ihm. Obwohl er nur ein schlichtes weißes Hemd trug, konnte die Ausstrahlung, die er besaß, nicht verborgen werden. Vor vielen Jahren, bei ihrer ersten Begegnung, hatte er ebenfalls ein weißes Hemd getragen. Der Wind hatte seine Stirnfransen angehoben und seine perfekt geformten, markanten Gesichtszüge freigelegt. Und sie hatte nicht weit von ihm gestanden und ihn angesehen. In ihren Augen war er wie ein Lichtstrahl gewesen, der direkt in ihr Herz fiel. Dieses Licht hatte zehn lange Jahre in ihrem Herzen geleuchtet. Ja. Sie liebte diesen Mann seit zehn Jahren. Und er? Er behandelte sie wie Luft, ging direkt auf Zara zu und würdigte Emma keines Blickes. Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Zara, lass uns hineingehen. Wir sollten Mom und Dad nicht warten lassen.“ Was wollte er damit sagen? Vor ihren Augen nahm er Zara offen mit zum Familienbankett – und ließ sie draußen stehen? Emma würde nicht zulassen, dass Tyler ihre Würde und ihre zehnjährige Liebe mit Füßen trat. Sie trat vor und hielt sie auf. „Tyler, vergiss nicht, dass heute ein Familienessen ist! Was soll es bedeuten, dass du Zara mitbringst?“ „Emma, ich habe dich bereits gewarnt. Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein.“ Tyler sah sie an – stets mit diesem Ausdruck des Widerwillens. „Tyler, hör auf. Wenn Emma mich nicht willkommen heißt, gehe ich einfach. Ihr solltet euch wegen mir nicht streiten.“ Zara nutzte jede Gelegenheit, um verständnisvoll zu wirken. „Halt den Mund! Es ist nicht an dir, dich einzumischen, wenn ich mit Tyler rede!“ Emma verabscheute Zaras scheinheiliges Auftreten zutiefst. Was sie jedoch am meisten erzürnte, war Tylers Blindheit – dass er die Heuchelei und die falschen Gefühle Zaras nicht sehen wollte. „Du bist diejenige, die den Mund halten sollte!“ Tyler funkelte Emma an. „Glaub nicht, dass du dir alles erlauben kannst, nur weil unsere Familie deinem Vater etwas schuldet!“ Er benutzte absichtlich den Tod ihres Vaters, um sie zu verletzen. In diesem Moment fühlte Emma sich vollkommen ausgelaugt. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu sprechen. Das war der Mann, den sie liebte. Er hatte keinerlei Zurückhaltung, wenn es darum ging, ihr weh zu tun. Er wusste ganz genau, dass der Tod ihres Vaters die tiefste Wunde in ihrem Herzen war. Und dennoch streute er grausam Salz hinein.
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