Kapitel 1
Die Nacht lag schwer über dem alten Steinhaus des Rudels vom Silberwald. Emily kauerte in
ihrer winzigen Kammer hinter der Küche, die Knie an die Brust gezogen, und lauschte dem
Heulen des Windes draußen. Der Raum war kaum mehr als ein Verschlag mit einem schmalen
Bett aus Stroh und einer einzigen Decke, die nach Rauch und altem Fett roch. Sie fror, doch
das war nichts Neues. Seit sie denken konnte, fror sie. Nicht nur am Körper. Sondern tief
drinnen, dort wo die Seele sitzen sollte.
Im großen Saal oben feierten sie. Lachen drang gedämpft durch die Deckenbalken. Gläser
klirrten. Stimmen erhoben sich in Trinksprüchen. Morgen würde Amil Blackthorn eintreffen, der
Erbe des mächtigsten Rudels im Norden. Der Mann, dessen bloßer Name die stärksten Krieger
erbleichen ließ. Und Jene, ihre Halbschwester, würde ihm gehören. Jene mit dem heiligen Mal,
der silbernen Mondsichel auf der rechten Schulter, das die Göttin Luna persönlich hinterlassen
hatte. Das Zeichen der wahren Luna. Der perfekten Gefährtin. Der zukünftigen Königin.
Emily besaß kein solches Mal. Ihre Haut war leer. Unberührt. Wertlos. Deshalb war sie die
Bastardtochter. Die Unsichtbare. Die Dienerin im Haus ihres eigenen Vaters. Sie wusch das
Geschirr, schrubbte die Böden, trug das Holz herein und verschwand wieder, bevor jemand
Notiz von ihr nahm. Niemand sah sie wirklich an. Niemand außer Jene.
Jene war anders. Schon als kleine Mädchen hatten sie sich in den Gärten versteckt und
Geschichten erzählt. Jene hatte ihr heimlich Essen zugesteckt, wenn der Koch sie wieder
einmal hungern ließ. Sie hatte Emily die Haare geflochten und ihr versprochen, dass eines
Tages alles besser werden würde. „Die Göttin sieht dich, Emily. Auch wenn Vater es nicht tut.“
Emily glaubte nicht mehr an solche Worte. Die Göttin hatte sie vergessen. Oder vielleicht hatte
sie Emily nie gewollt.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und
Jene schlüpfte herein. Ihr langes silbernes Haar fiel offen über ihre Schultern, und sie trug nur
ein dünnes Nachthemd. Im flackernden Licht der Kerze wirkte ihr Gesicht blass und verängstigt.
„Emily“, flüsterte sie. „Ich muss mit dir reden.“
Emily stand sofort auf. „Was ist los? Geht es dir gut?“
Jene schloss die Tür sorgfältig und lehnte sich dagegen, als müsste sie sich abstützen. „Ich
habe gelauscht. Vorhin. Im Arbeitszimmer. Vater und... er.“
„Amil?“ Emilys Herz begann schneller zu schlagen.
Jene nickte. Ihre Hände zitterten. „Er will mich nicht heiraten. Nicht wirklich. Er hat Vater gesagt,
dass er eine andere braucht. Jemanden, der seinen Erben trägt. Und danach... danach will er
mich zur Luna machen. Aber die andere... die wird sterben.“
Emily spürte, wie ihr Mund trocken wurde. „Wer ist die andere?“
Jene sah sie an. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Du.“
Das Wort traf Emily wie ein Schlag in den Magen. Sie taumelte zurück, bis sie gegen die Wand
stieß. „Das ist unmöglich. Ich habe kein Mal. Ich bin nichts. Warum sollte er...“
„Genau deshalb“, unterbrach Jene sie leise. „Weil du nichts bist. Weil niemand Fragen stellen
wird, wenn du verschwindest. Er braucht einen Erben. Einen starken Sohn. Und danach... ein
Unfall. Ein bedauerlicher Vorfall. Vater hat zugestimmt.“
Emily lachte. Es klang hohl und bitter. „Dann bin ich also tot. Einfach so.“
„Nein!“ Jene trat vor und griff nach ihren Händen. „Ich lasse das nicht zu. Du bist meine
Schwester. Die Einzige, die mir je wichtig war. Ich werde ihn aufhalten. Irgendwie.“
„Wie denn?“ Emily zog ihre Hände zurück. „Er ist Amil Blackthorn. Er hat Armeen zerstört.
Alphas in Stücke gerissen. Was willst du tun? Ihn bitten, nett zu sein?“
„Ich weiß es nicht“, gab Jene zu. Ihre Stimme brach. „Aber ich kann nicht zusehen, wie er dich
tötet.“
Emily wandte den Blick ab. In ihrer Brust tobte ein Sturm aus Angst, Wut und etwas anderem.
Etwas Dunklem. Etwas Gefährlichem. „Geh schlafen, Jene. Ich komme schon zurecht.“
„Emily...“
„Geh.“
Jene zögerte lange, dann nickte sie traurig und verließ den Raum. Die Tür fiel leise ins Schloss.
Emily sank auf ihr Bett. Ihr Körper zitterte. Sie ballte die Fäuste, bis die Nägel in die
Handflächen schnitten. All die Jahre hatte sie geschwiegen. Hatte geduldet. Hatte sich klein
gemacht. Und nun sollte sie sterben, nur weil ein brutaler Alpha Nachwuchs brauchte?
Nein.
Sie würde nicht sterben.
Nicht so.