Das Krankenzimmer war still, abgesehen vom rhythmischen Piepen des Herzmonitors. Isabelle starrte an die Decke – ihr Körper war zu erschöpft, um sich zu bewegen, und ihr Geist zu überfordert, um das Geschehene zu verarbeiten.
Ihr Blick glitt zu dem Mann, der auf dem Stuhl neben ihrem Bett saß. Liam Anderson. Jetzt, wo sie den Namen hörte, kam er ihr vage bekannt vor – von früher. Aber sie konnte ihn nicht einordnen. Er saß ruhig da, tippte auf seinem Handy, mit einem Ausdruck von Gelassenheit und Kontrolle.
„Warum bist du noch hier?“ fragte sie heiser.
Liam legte das Handy weg und sah sie an. „Weil du jemanden brauchst, der da ist.“
„Ich kenne dich nicht mal“, murmelte sie und wandte das Gesicht ab.
Liam beugte sich vor, seine Stimme fest. „Du kanntest mich auch nicht, als du um Hilfe gebeten hast. Trotzdem habe ich angehalten und dich ins Krankenhaus gebracht. Ich hätte einfach weiterfahren können.“
Sie seufzte. „So habe ich das nicht gemeint. Ich weiß nur nicht, warum du dir überhaupt die Mühe machst, jemandem zu helfen, den du gar nicht kennst. Du wirkst wie jemand, der eigentlich Wichtigeres zu tun hat.“
„Weil es das Richtige ist“, antwortete er ruhig. „Und weil niemand es verdient, geschlagen und gebrochen am Straßenrand zurückgelassen zu werden.“
Seine Worte trafen sie wie ein Messer – die rohe Ehrlichkeit ließ ihr Herz schmerzen. Sie hasste es, wie verletzlich sie sich fühlte. Sie hatte so viel verloren, sogar das Kind, das sie in sich getragen hatte. Sie wollte niemandem mehr vertrauen. Ihre eigene Familie hatte sie verraten – wie sollte sie einem Fremden trauen, der sie am Straßenrand gefunden hatte?
„Ich will kein Mitleid“, sagte sie, ihre Stimme zitterte.
„Es ist kein Mitleid“, sagte Liam sanft. „Es ist Sorge. Und wenn du da rauskommen willst, brauchst du jemanden, der auf deiner Seite steht.“
Isabelle schluckte schwer und knetete die Decke in ihren Händen. „Du verstehst es nicht. Er hört nie auf. Richard findet immer einen Weg, mich zurückzuziehen.“
„Dann lass mich ihn aufhalten“, sagte Liam bestimmt.
Sie drehte sich zu ihm. „Warum würdest du das tun? Du kennst mich doch gar nicht.“
Liam zögerte kurz. „Ich habe es dir schon gesagt – ich habe dich ins Krankenhaus gebracht. Warum sollte ich dich jetzt einfach deinem Schicksal überlassen? Außerdem… sagen wir einfach, ich habe gesehen, was Männer wie er anrichten können. Und ich werde nicht zulassen, dass dir das passiert.“
Seine Worte lösten etwas in ihr aus. Zum ersten Mal seit Langem spürte sie einen Hauch von Hoffnung. Aber Vertrauen? Dazu war sie noch nicht bereit.
„Ich kann nicht hierbleiben“, sagte Isabelle und setzte sich auf, schlüpfte in ihre abgetragenen Turnschuhe. „Es ist nicht sicher.“
„Du bist nicht in der Verfassung zu gehen“, sagte er mit schärferem Ton. „Du bist gerade einem gefährlichen Mann entkommen, und jetzt willst du direkt wieder in seine Nähe rennen?“
„Ich krieg das schon hin“, fauchte sie.
Liam stellte sich vor die Tür, versperrte ihr den Weg. „Wohin willst du denn? Hm? Du hast doch selbst gesagt, dass er dich wiederholen wird. Wenn du allein bist, wird er dich schneller finden.“
Diese Worte trafen sie hart, aber sie hob das Kinn trotzig. „Ich brauche deine Hilfe nicht.“
„Doch, brauchst du“, erwiderte Liam ruhig, aber bestimmt. „Und ob es dir gefällt oder nicht – ich lasse dich nicht so gehen.“
Isabelle ballte die Hände zu Fäusten, Wut und Verzweiflung brodelten in ihr. „Du bist genauso wie er, oder? Du willst mich kontrollieren.“
Liams Gesichtsausdruck wurde weicher. „Ich will dich nicht kontrollieren. Ich will dir helfen. Das ist ein Unterschied.“
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Keiner von beiden wollte nachgeben. Schließlich seufzte Liam und trat zur Seite.
„Gut“, murmelte er. „Geh. Aber wenn ich dich das nächste Mal wieder in Schwierigkeiten finde und dich rette, dann tust du genau das, was ich sage.“
Isabelle nickte und trat zur Seite. „Einverstanden.“ Solange sie nicht in Richards Nähe war, würde sie auch keine Probleme haben – und müsste diesem seltsamen Mann nicht wieder begegnen, der unbedingt helfen wollte.
„Hier“, sagte Liam und hielt ihr eine Bankkarte hin.
„Was…?“
„Nimm sie. Das ist die einzige Bedingung, unter der ich dich gehen lasse. Die PIN ist 1203. Du kannst so viel ausgeben, wie du brauchst, bezahl mich später zurück. Wenn du deine eigene Karte benutzt und er das verfolgt, findet er dich.“
Isabelle dachte kurz nach – und er hatte recht. Wenn sie wirklich fliehen wollte, brauchte sie Geld. Aber wenn sie ihr eigenes Konto benutzte, konnte Richard sie leicht aufspüren. Also nahm sie die Karte an sich und lächelte schwach.
„Danke, Liam Anderson. Ich werde dafür sorgen, dass du mich nicht noch mal retten musst. Und ich werde dir alles zurückzahlen.“
Liam erwiderte das Lächeln und sah ihr nach, wie sie das Zimmer verließ. Er wusste, dass sie selbst erleben musste, was es heißt, in Gefahr zu sein – nur dann würde sie verstehen, dass nur er sie wirklich beschützen konnte. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer.
„Eine Frau hat gerade das Meadow Hospital verlassen. Behaltet sie im Auge. Meldet euch, wenn irgendetwas passiert.“
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Am Abend hatte Isabelle sich in einem kleinen, ruhigen Dorf am Rande der Stadt wiedergefunden. Die Luft war frisch, die Straßen gesäumt von gemütlichen Häusern und kleinen Läden. Es war eine ganz andere Welt als das Chaos, das sie hinter sich gelassen hatte.
Sie blieb stehen, blickte sich suchend um. „Hier ist es sicher. Er wird mich hier nicht finden“, sagte sie sich selbst.
„Bist du verloren, Kind?“ Die Stimme einer älteren Frau, wohl Ende fünfzig, riss Isabelle aus ihren Gedanken.
Sie nutzte die Gelegenheit, um zu fragen: „Hallo, gnädige Frau. Ähm… Gibt es hier vielleicht einen ruhigen Ort, wo ich für eine Weile unterkommen kann?“
Die Frau musterte sie von Kopf bis Fuß. „Ich hätte gefragt, ob du eine Verbrecherin auf der Flucht bist, aber du siehst eher aus, als wärst du gerade aus dem Krankenhaus abgehauen.“
Verlegen strich Isabelle sich durchs zerzauste Haar und lächelte. „Da haben Sie recht. Ich muss vor jemandem fliehen, und ein Krankenhaus hilft dabei nicht. Ehrlich gesagt bin ich nicht krank – zumindest nicht an etwas Ansteckendem. Mein Herz ist schlimmer verletzt als mein Körper.“
Die Frau lachte laut auf. „Männer… Solche wie er sollten eingesperrt werden für das, was sie Frauen antun. Mein Mann ist mit einer Jüngeren abgehauen, kurz nachdem ich unser drittes Kind bekommen hatte – weil mein Körper ihm nicht mehr gefiel. Ich habe überlebt. Hab meine Kinder allein großgezogen. Auch das hier wirst du überstehen. Hast du Kinder?“
Isabelle schüttelte den Kopf. Der Schmerz der Fehlgeburt traf sie wieder. Ein Teil von ihr war traurig, ein anderer erleichtert – dass sie kein Kind in diese Hölle hatte bringen müssen. „Weg… bevor ich wusste, ob es ein Junge oder ein Mädchen war“, flüsterte sie.
Für einen Moment zeigte die Frau echtes Mitgefühl in ihrem Blick. „Dann bist du hier genau richtig. Ich heiße Mrs. Aldric. Ich besitze ein kleines Restaurant mit Gästezimmern hier im Ort. Du kannst bleiben und mir im Restaurant helfen. Mein drittes Kind hat gerade geheiratet – ich bin jetzt allein. Ist das in Ordnung für dich?“
Isabelle nickte ohne zu zögern. Zwischen ihr und der Frau entstand sofort eine Verbindung. Und zum ersten Mal fühlte sie sich wieder sicher.
„So ist es besser. Jetzt kann mir nichts mehr passieren“, sagte sie leise zu sich selbst, während sie Mrs. Aldric folgte.
Was sie jedoch nicht wusste: Zwei Personen beobachteten sie aus den Schatten – einer von Liam Anderson geschickt, der andere von ihrem Ehemann Richard Carter.