Kapitel 5: EIN NEUER ANFANG

1124 Words
Isabelle rannte, ihr Atem ging ihr aus, ihr Herz raste wie verrückt, ihre nackten Füße schlugen auf den Asphalt, während Richards wütende Schreie hinter ihr widerhallten. Sie wollte sich nicht umdrehen, aber sie musste sehen, ob er näherkam – ihr Herz sackte ab, als sie sah, dass er tatsächlich aufholte. „Isabelle, ich habe es dir gesagt. Du gehörst mir, und du wirst mir nie entkommen.“ Sein Gesicht war vor Zorn verzerrt, seine Hand erhoben, bereit zuzuschlagen. „Nein!“, rief Isabelle, ihre Stimme zitterte vor Angst. Ihre Brust hob und senkte sich heftig, ihr Atem war flach und unregelmäßig. Ein sanftes Klopfen an der Tür riss sie zurück in die Realität. Ihre Augen rissen auf, ihr Herz pochte noch immer wild in ihrer Brust. „Isabelle, Liebes“, rief Mrs. Aldric sanft von draußen. „Alles in Ordnung mit dir?“ Isabelle setzte sich auf und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „J-ja“, stotterte sie, auch wenn ihre Stimme ihre Unruhe verriet. Sie wohnte nun seit etwa zwei Wochen bei Mrs. Aldric, ohne das Haus zu verlassen. Mrs. Aldric wollte, dass Isabelle sich ausruhte, auch wenn diese darauf bestand, ihr zu helfen. Isabelle war ihr ans Herz gewachsen, fast wie eine Tochter. Mrs. Aldric wusste nun alles über das, was Isabelle durchgemacht hatte, und kümmerte sich liebevoll um sie – besonders wegen der Fehlgeburt. Die Tür quietschte, als die ältere Frau eintrat, ihr Gesicht voller Sorge. „Du hast im Schlaf geschrien. Ein Albtraum?“ Isabelle nickte, ihre Hände umklammerten die Decke. „Es war wegen meines Mannes“, flüsterte sie. „Ich habe das Gefühl, er beobachtet mich, wartet nur auf den richtigen Moment, um mich zu finden. Die Albträume hören nicht auf. Was, wenn er hier ist?“ Mrs. Aldrics Gesicht wurde weich vor Mitgefühl. Sie setzte sich zu Isabelle ans Bett und tätschelte ihre Hand. „Ex-Mann. Er gehört der Vergangenheit an, Liebes. Du bist jetzt in Sicherheit. Diese Stadt ist ruhig, die Leute sind freundlich. Niemand wird dir etwas antun. Er wird dich hier nicht finden. Du musst innerlich zur Ruhe kommen, dann verschwinden auch die Albträume.“ „Ich möchte das glauben“, sagte Isabelle, ihre Stimme bebte. „Lass mich dir zeigen, wie herzlich diese Stadt ist“, sagte Mrs. Aldric mit einem warmen Lächeln. „Komm heute mit in das Restaurant. Die Arbeit lenkt dich ab, und du kannst dir deine Unterkunft verdienen.“ Isabelle zögerte, doch die beruhigende Präsenz der älteren Frau war zu stark. „Okay, ich komme mit“, sagte sie schließlich. Als sie gemeinsam zur Tür gingen, hielt Mrs. Aldric kurz inne. „Ach, noch etwas“, sagte sie beiläufig. „Es gibt hier einen jungen Mann, der gern Ärger macht. Der Sohn des Stadtvorstehers. Sein Vater hat keine Kontrolle über ihn. Aber keine Sorge – er ist gerade nicht in der Stadt.“ Die Worte verursachten ein ungutes Gefühl in Isabelles Magen, aber sie folgte Mrs. Aldric die Treppe hinunter. --- Die Morgenluft war frisch und angenehm, als sie zum Restaurant gingen. Isabelle sog den Charme der Stadt in sich auf – die Kopfsteinpflasterstraßen, die bunten Läden und das fröhliche Geplauder der Leute. Im kleinen, gemütlichen Restaurant angekommen, gab Mrs. Aldric ihr eine Schürze und erklärte ihr die Aufgaben für den morgendlichen Ansturm. „Tisch vier braucht noch eine Portion Beilage“, sagte Mrs. Aldric, während sie ein Tablett auf den Tresen stellte. Isabelle nickte, nahm das Tablett und ging zum Tisch. Das Paar dort lächelte ihr freundlich zu. „Bist du neu hier?“, fragte die Frau mit herzlichem Ton. „Ja“, antwortete Isabelle, während sie das Tablett vorsichtig abstellte. „Dann herzlich willkommen! Es ist selten, dass wir neue Gesichter sehen – besonders so ein hübsches wie deins“, sagte die Frau freundlich. Isabelle errötete leicht und murmelte ein leises Dankeschön, bevor sie weiterging. Den ganzen Morgen über erhielt sie Komplimente – sowohl von Einheimischen als auch von Touristen – über ihre Freundlichkeit und Schönheit. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich frei und lebendig. „Sie ist sogar hübscher als deine Töchter, Mrs. Aldric“, witzelte ein älterer Herr. Mrs. Aldric lachte herzlich. „Das darfst du ihnen aber nicht sagen!“ Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit lächelte Isabelle – ein echtes Lächeln. Die Herzlichkeit der Menschen um sie herum begann langsam, die Mauern in ihrem Inneren zu durchbrechen. --- Am Abend saßen Isabelle und Mrs. Aldric am kleinen Esstisch und genossen eine einfache Mahlzeit. Der Tag war anstrengend, aber auch wohltuend gewesen. Gerade als Isabelle mit dem Essen begann, wurde die Tür mit einem lauten Knall aufgerissen. Mrs. Aldric stöhnte leise und murmelte etwas Unverständliches. Isabelle drehte sich um und sah einen großen Mann in der Tür stehen. Seine breite Gestalt blockierte das Licht. Seine zotteligen Haare und das selbstgefällige Grinsen ließen Isabelle sofort unwohl fühlen. „Guten Abend, meine Damen“, sagte er, während er ungefragt eintrat. Sein Blick blieb etwas zu lange auf Isabelle hängen. „Also, du bist das neue Mädchen, über das alle reden.“ Isabelle versteifte sich, ihre Hand umklammerte die Gabel. „Wann bist du zurückgekommen? Lass sie in Ruhe, Dan“, sagte Mrs. Aldric scharf, während sie sich erhob. Dan ignorierte sie, sein Blick blieb auf Isabelle gerichtet. „Wie heißt du, Süße?“ Isabelle antwortete nicht, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Ihr Blick wanderte hilfesuchend zu Mrs. Aldric. „Sie will nicht mit dir reden“, sagte Mrs. Aldric und stellte sich schützend vor Isabelle. „Und wir schließen jetzt.“ Dan grinste, lehnte sich an die Wand. „Ganz ruhig, Mrs. Aldric. Ich wollte sie nur kennenlernen. Ist doch nichts dabei, oder?“ „Doch – wenn du die Leute dabei einschüchterst“, konterte Mrs. Aldric. Dan richtete sich auf, sein Grinsen wurde schmaler. „Na gut. Ich will euer Abendessen nicht stören. Ich komme wieder, Isabelle. Wir werden uns noch besser kennenlernen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Haus, ließ die Tür halb offen stehen. Isabelle atmete zitternd aus, ihre Hände zitterten. „Wer war das?“ „Dan“, seufzte Mrs. Aldric müde. „Der Sohn des Stadtvorstehers. Ich habe dir von ihm erzählt. Er denkt, er kann sich alles erlauben.“ „Kommt er wieder?“, fragte Isabelle leise. Mrs. Aldric legte beruhigend ihre Hand auf Isabelles. „Mach dir keine Sorgen um ihn. Du bist nicht allein, Isabelle. Wir stehen das gemeinsam durch. Er will nur Aufmerksamkeit – mehr nicht.“ Doch als die Tür im Wind knarrte, konnte Isabelle das Gefühl nicht abschütteln, dass der Ärger gerade erst begonnen hatte.
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