Kapitel 1: Die Kunst des Tötens
Die Beleuchtung in der Vance Gallery war klinisch angelegt, ein grelles weißes Licht, das keinen Platz für Schatten ließ. Doch als Elara Vance inmitten ihrer neuesten Ausstellung stand, fühlte sie sich, als würde sie von einer Dunkelheit verschlungen, die keine Halogenlampe erhellen konnte.
Nach außen hin war sie das Bild einer selbstbewussten Erbin aus Lagos. Ihr Haar war zu einem Knoten zusammengebunden, der so straff war, dass er die Anspannung in ihrem Kiefer widerspiegelte, und ihr königsblauer Seidenanzug – in der Farbe eines tiefen, unversöhnlichen Ozeans – strahlte Erfolg aus. Doch unter der Seide hämmerte ihr Herz in einem rasenden Rhythmus gegen ihre Rippen.
„Noch ein Glas, Ms. Vance?“
Ein Kellner tauchte neben ihr auf. Elara warf einen Blick auf das Tablett mit den Kristallflöten. Sie wollte die ganze Flasche. Sie wollte sie über die 2-Millionen-Dollar-Skulptur vor ihr schütten und das ganze Gebäude in Brand setzen.
„Nein, danke“, sagte sie mit einer Stimme, die so glatt war wie poliertes Glas.
Sie wandte sich wieder der Menge zu. Die Crème de la Crème der Geschäftswelt von Lagos war hier versammelt, doch sie schauten nicht auf die Kunstwerke. Sie schauten auf ihre Handys. Sie verfolgten den Börsenticker. Vance Aesthetics (VNC) hatte seit der Eröffnungsglocke weitere 8 % verloren. Der „mysteriöse Verkäufer“ schälte das Vermächtnis ihres Vaters wie einen Fisch aus, und sie stand hier und tat so, als interessiere sie sich für den „minimalistischen Dialog zwischen Raum und Form“.
„Er ist hier“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr.
Elara erstarrte. Ihre Assistentin Kemi war blass, ihre Augen huschten zum großen Eingang der Galerie.
„Wer, Kemi? Die Vorstandsmitglieder?“
„Nein“, hauchte Kemi und umklammerte ihr Tablet fester. „Der Sensenmann. Julian Vane ist unten.“
Die Luft schien aus dem Raum zu entweichen. Julian Vane ging nicht in Kunstgalerien. Er ging in Gerichtssäle und zu Liquidationsverhandlungen. Er war der Mann, der sterbende Imperien aufkaufte, sie ihrer Vermögenswerte beraubte und die Überreste stückweise verkaufte.
„Er ist nicht eingeladen“, sagte Elara, ihre Finger krallten sich in ihre Handflächen, bis ihre Fingernägel sich in ihre Haut gruben.„Männer wie diese warten nicht auf Einladungen, Elara. Sie erobern sich einfach ihr Revier.“
Die schweren Glastüren am anderen Ende des Saals schwangen auf. Der Raum, der zuvor vom Summen höflicher Gespräche erfüllt war, versank in völliger Stille.
Julian Vane ging nicht; er schritt wie ein Raubtier. Er war groß, gehüllt in einen anthrazitfarbenen Anzug, der eher geschmiedet als geschneidert zu sein schien. Sein Gesicht war eine Maske aus scharfen Konturen und kalten, bernsteinfarbenen Augen, die den Raum nicht nach Freunden, sondern nach Schwächen abzusuchen schienen.
Er schaute nicht auf die Skulpturen. Er schaute nicht auf die elitären Gäste, die sich praktisch vor ihm verneigten, als er vorbeiging. Sein Blick traf den von Elara über eine Entfernung von fünfzehn Metern auf dem Marmorboden.
Es war der Blick eines Spitzenprädators.
„Elara“, sagte er, seine Stimme ein tiefer, resonanter Bariton, der in ihrer Brust vibrierte, als er sie erreichte. Er streckte ihr keine Hand entgegen. Das brauchte er nicht. Er besaß bereits die Luft, die sie atmete.
„Mr. Vane“, erwiderte sie und hob das Kinn. „Ich wusste gar nicht, dass Sie sich für minimalistische Skulpturen interessieren.“
Ein Hauch eines Grinsens umspielte seine Lippen, erreichte aber nicht seine Augen. „Ich interessiere mich für Dinge, die perfekt gestaltet sind. Und für Dinge, die derzeit unterbewertet sind.“
Die Beleidigung traf sie wie ein physischer Schlag. Um sie herum begannen die Gäste zu flüstern, ihre Blicke huschten zwischen Elaras Trotz und Julians Dominanz hin und her.
„Mein Unternehmen steht nicht zum Verkauf, Julian.“
„Das ist das Schöne an einem öffentlichen Markt, Elara“, sagte er und trat näher, drang in ihren persönlichen Raum ein, bis sie seinen Duft riechen konnte – teures Sandelholz und den kalten, metallischen Hauch eines Wintersturms. „Du musst es nicht verkaufen. Ich muss es nur kaufen.“
Er beugte sich vor, seine Lippen nur wenige Zentimeter von ihrem Ohr entfernt, seine Stimme sank auf eine gefährliche, intime Sanftheit. „Ich beobachte dich schon seit langer Zeit, Elara. Seit jenem Wettbewerb in New York. Du warst immer besser in der Kunst als im Geschäft. Das ist schade. Du hast einen wunderschönen Käfig gebaut, aber vergessen, die Tür abzuschließen.“
Er zog sich zurück, seine bernsteinfarbenen Augen brannten mit einer Intensität, die ihr Angst machte, weil es sich nicht wie unternehmerische Gier anfühlte. Es fühlte sich wie Hunger an.
„Schau auf dein Handy, Elara. Die Schlussglocke hat gerade geläutet.“
Mit einem letzten, lang anhaltenden Blick, der sich wie ein Brandmal auf ihrer Haut anfühlte, drehte sich Julian um und verließ die Galerie ebenso abrupt, wie er gekommen war.
Elaras Hände zitterten, als sie ihr Handy aus der Tasche zog. Ihr Blick verschwamm, als sie die Schlagzeile in der Business-Day-App sah.
EILMELDUNG: Julian Vane führt feindliche Übernahme von Vance Aesthetics durch; wird mit 51 % Anteil Mehrheitsaktionär.
Ihr Handy glitt ihr aus der Hand und zerschellte auf dem Marmorboden. Das Geräusch klang wie ein Schuss.
„Elara?“, fragte Kemi und streckte die Hand aus, um sie zu stützen. „Was ist los?“
Elara bekam keine Luft. Der Raum drehte sich. Julian hatte nicht nur ihre Aktien gekauft; er hatte die Übernahme mitten während ihrer Galerieeröffnung durchgeführt, vor den Augen aller, die sie kannte. Es war eine öffentliche Hinrichtung.
Doch es war die Benachrichtigung unter der Schlagzeile, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Es war eine private E-Mail von einer verschlüsselten Adresse. In der Betreffzeile stand: Der Vertrag.
Sie wischte mit zitterndem Daumen über den Bildschirm.
An: Elara Vance
Von: J. Vane
Ich habe die Anteile. Ich habe den Vorstand. Jetzt will ich die Schöpferin. Triff mich um Mitternacht in meiner Residenz, um die Bedingungen deines Aufenthalts zu besprechen. Wenn du zu spät kommst, fange ich morgen um 8:00 Uhr an, die Sammlung deines Vaters zu verkaufen.
Der Cliffhanger
Elara blickte zu der 2-Millionen-Dollar-Skulptur in der Mitte des Raums hinauf – derjenigen, die ihr Vater zu ihrem Abschluss in Auftrag gegeben hatte. Sie war das Herzstück ihrer Sammlung.Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war 23:15 Uhr.
Sie ging nicht zu Julian Vane, um ein Unternehmen zu retten. Sie ging dorthin, um ihre Seele an den Mann zu verkaufen, der ihre Karriere seit einem Jahrzehnt aus dem Schatten heraus verfolgt hatte.