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1142 Words
Ich stürmte in die Howling Moon, der Bass der Musik vibrierte durch meine Knochen wie ein zweiter Herzschlag. Die Luft war erfüllt vom Geruch von Schweiß, Whiskey und wilder Magie – Werwölfe, Gestaltwandler und Nervenkitzel-Suchende drängten sich in der unterirdischen Bar, ihr Lachen und Knurren verschmolz mit der Nacht. Ich gehörte hier nicht hin – dunkel, rücksichtslos, lebendig. Das war keine Welt für die Erbin der Emersons – aber nach heute Abend, nach dem Blick, den Liam ihr zugeworfen hatte, war mir alles egal. Ich ließ mich auf einen Barhocker sinken, das Leder knarrte unter mir. „Etwas Starkes“, sagte ich zum Barkeeper, einem breit gebauten Gestaltwandler mit goldgesprenkelten Augen. Er musterte mich kurz – meine zerknitterte Bluse, die verschmierte Mascara, die ich nicht einmal versucht hatte zu korrigieren – stellte aber keine Fragen. Ein kluger Mann. Der Whiskey brannte in meiner Kehle, doch ich begrüßte den Schmerz. Besser als das Ziehen in meiner Brust. Aber selbst das reichte nicht aus, um meinen Schmerz, meine Verletzung und das Gefühl des Verrats, das Liam in mir hinterlassen hatte, zu betäuben. Ich schloss die Augen und bestellte noch einen Shot. Ich kippte ihn hinunter und bestellte weiter, bis sich meine Umgebung leichter anfühlte. Die Tanzfläche rief nach mir, Körper bewegten sich in einem Schleier aus Schweiß und Verlangen. Ich gehörte nicht hierher, nicht wirklich. Aber zum ersten Mal wollte ich jemand sein, der hierher gehört. Dann war da plötzlich ein gutaussehender Fremder – groß, zerzaustes dunkles Haar, ein Grinsen, das Sünde versprach. Seine Hände legten sich auf meine Taille und zogen mich eng an sich. „Du siehst aus, als könntest du eine Ablenkung gebrauchen“, murmelte er, seine raue Stimme übertönte die Musik. Ich hätte ihn wegstoßen sollen. Aber die Erinnerung an Liams Kuss mit Riley machte mich rücksichtslos. Also ließ ich zu, dass er mich drehte, ließ seine Finger über die nackte Haut über meinem Bund gleiten. Ließ mich vergessen. Dann – Stille. Die Musik verstummte. Die Luft wurde schwer, angespannt, wie der Moment vor einem Sturm. Meine Haut kribbelte. Ich musste mich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, wer gerade hereingekommen war. Liam. Der Griff des Fremden verstärkte sich reflexartig, bevor er sich fing. „Alpha“, murmelte er, das Wort durchzogen von instinktiver Angst. Ich drehte mich langsam um. Liam stand am Eingang, seine breite Gestalt blockierte das schwache Licht von der Straße. Sein Kiefer war angespannt, seine goldenen Augen brannten sich in mich. Jeder Wolf im Raum war erstarrt, die Köpfe gesenkt unter dem Gewicht seiner Wut. „Avery.“ Mein Name klang wie ein Knurren in seiner Kehle. „Komm mit mir.“ Ich hob das Kinn. „Ich bin noch nicht fertig.“ Er hielt inne, seine Augen flackerten, als hätte ich etwas völlig Ungeheuerliches gesagt. Das war das erste Mal, dass ich mich ihm widersetzte – und dann auch noch so öffentlich. „Avery…“ Die Warnung lag deutlich in seiner Stimme, als drohe er mir, es nicht noch einmal zu wagen. Ich ignorierte ihn und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Fremden zu, als wäre Liams einschüchternde Präsenz gar nicht im Raum. Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. Zwei Schritte, und er war bei uns, riss mich mit einem Knurren von dem Mann weg, der zurücktaumelte. „Mein“, fauchte Liam – nicht zu mir, sondern zu ihm. Der Mann wich sofort zurück, die Hände erhoben. Ich schnaubte und riss meinen Arm frei. „Deins? Das kannst du nicht sagen. Nicht nach—“ Liam ließ mich nicht ausreden. Er zog mich nach draußen, sein Griff unnachgiebig. Die kalte Luft traf auf meine erhitzte Haut, konnte aber das Feuer zwischen uns nicht löschen. „Was hast du dir dabei gedacht?“ Seine Stimme war rau. „Dieser Ort ist—“ „Was? Unter meinem Niveau?“ Ich stieß ihn gegen die Brust. „Oder bist du nur sauer, dass jemand anderes berührt, was du weggeworfen hast?“ Seine Augen blitzten auf. „Ich habe nie zugestimmt, dass es vorbei ist.“ „Das musstest du auch nicht. Du hast dich für Riley entschieden.“ Ihr Name schmeckte wie Asche auf meiner Zunge. „Also geh. Heirate sie. Ich will nicht…“ Er war zu schnell. Einen Moment stand ich noch vor ihm, im nächsten prallte mein Rücken gegen die Ziegelwand, sein Körper hielt mich fest. Sein Duft – Kiefernholz und Winterwind – umhüllte mich, vertraut und gleichzeitig unerträglich. „Lügnerin“, murmelte er, sein Atem heiß an meinen Lippen. Ich wandte mich ab, doch seine Hände glitten bereits unter meinen Rock, raue Finger fanden genau die Stelle, die sich nach ihm sehnte. Mein verräterischer Körper bog sich seinem Griff entgegen. Ich schloss die Augen und legte den Kopf zurück. „Sag es“, verlangte er, seine Lippen streiften meinen Hals. Nein… das kann ich nicht. Nicht nach dem, was er mir angetan hat. „Sag, dass du mir gehörst.“ Ich biss mir auf die Lippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Mein Verstand schrie mich an, zählte all die Gründe auf, warum das falsch war – doch mein Körper… mein Körper hörte nicht. Warum? Warum reagiert mein Körper so auf seine Berührung? Ich sollte ihn hassen. Er hat mich verraten. Ich sollte abgestoßen sein – aber warum will ich ihn dann so sehr? Warum wünsche ich mir, dass er noch weitergeht? Warum? Ich konnte mich nicht wehren, obwohl mein Kopf es verlangte. So schwach durch seine Berührung zu sein, ließ mich mich selbst verabscheuen – und ihn noch mehr. „Ich hasse dich—“ hauchte ich. Er lachte leise, dunkel, sein Daumen bewegte sich weiter – und ich verlor mich mit einem Keuchen, meine Nägel gruben sich in seine Schultern. Als die Sterne in meinem Kopf verblassten, sah er mich mit selbstzufriedener Genugtuung an. „Dein Körper kennt die Wahrheit, Liebling.“ Meine Brust zog sich zusammen. Verdammt. Verdammt diese Bindung, die mich nicht losließ. Dann klingelte sein Handy. Das Geräusch zerriss den Moment. Er zögerte, sein Daumen strich über meine Hüfte, als könne er nicht loslassen. Doch als er auf den Bildschirm sah, spannte sich sein Kiefer an. Riley. „Ich muss rangehen“, murmelte er. Natürlich musste er das. Ich wandte den Blick ab, während er abhob, ihren Namen auf den Lippen wie ein Gebet. „Riley? Was ist los?“ Eine Pause. Dann – „Ich komme.“ Er legte auf, sein Ausdruck zerrissen. „Es geht ihr nicht gut. Ich muss gehen.“ Die Worte hätten nicht mehr wehtun sollen. Nicht mehr. „Dann geh.“ Meine Stimme war leer. Er nahm mein Gesicht in seine Hände, sein Daumen strich über meine Wange. „Warte auf mich. Das ist noch nicht vorbei.“ Doch als er ging, kannte ich die Wahrheit. Ich war immer diejenige, die wartete. Und ich hatte genug davon.
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