Der Stift schwebte volle drei Sekunden über dem Dokument, bevor ich ihn so fest aufsetzte, dass sich eine Delle in den Schreibtisch darunter drückte.
Avery Emerson setzte ihre Unterschrift mit einem scharfen Schwung unter die Auflösungsvereinbarung der Verlobung. Die Tinte verlief leicht, dort wo meine Hand gezittert hatte.
Ich war gerade dabei, das Dokument in einen Umschlag zu schieben, als das Telefon die Stille meiner Wohnung zerriss.
„Miss Emerson“, Charles’ Stimme zitterte. „Sie werden sofort im Mercy General gebraucht.“
Mein Blut gefror. Das letzte Mal, als ich so gerufen worden war, war ich in einem Krankenhausbett aufgewacht – ohne Erinnerung daran, wie ich beinahe im Schnee verblutet war. Ich hoffte, diesmal würde es nicht meine Familie betreffen.
Die Krankenhausflure verschwammen, während ich rannte. Maschinen piepsten hinter halb geöffneten Türen, der Geruch von Desinfektionsmittel brannte in meiner Nase. Ich bog um die Ecke zu Zimmer 412 – und erstarrte.
Die gesamte Führung des Frostveil-Rudels stand um das Krankenbett versammelt. Meine Eltern. Die Ältesten. Liam.
Und im Mittelpunkt von allem, eingehüllt in weiße Laken wie eine tragische Heldin – Riley.
„Avery.“ Vaters Stimme trug das Gewicht eines enttäuschten Alphas. „Du hast uns warten lassen.“
Meine Brust hob und senkte sich schwer. „Ich dachte—“
„Offensichtlich denkst du wie immer nicht klar“, unterbrach Mutter mich und strich Riley über das Haar. So wie sie es früher bei mir getan hatte.
Riley hob den Kopf – blass, perfekt, mit diesen glitzernden Tränen. „Avery… ich weiß, ich verdiene deine Vergebung nicht, nach… nach dem, was ich getan habe.“
Die Monitore piepsten gleichmäßig. Zu gleichmäßig für jemanden, der angeblich krank war.
Fünf Jahre. Fünf Jahre, seit ich das Jagdmesser in ihrem Zimmer gefunden hatte – das gleiche, das zu der Wunde passte, die beinahe meine Oberschenkelarterie durchtrennt hatte.
Fünf Jahre, seit das Tribunal ihre hübschen Lügen durchschaut und sie verbannt hatte. Und jetzt war sie wieder hier, in den Armen meiner Mutter, als wäre keine Zeit vergangen.
„Sieh sie dir an, Avery“, flüsterte Mutter. „Sie hat in irgendeiner von Kakerlaken verseuchten Wohnung im menschlichen Viertel gelebt. Unterernährt. Krank.“
Ihr Griff um Rileys Hand wurde fester. „Das ist das Ergebnis deiner Rachsucht.“
Ich hätte fast gelacht. Meine Rachsucht? Ich wäre beinahe gestorben, während sie verbannt wurde.
Es war Cain, Liams Wolf, der alles dominierte – rastlos, als wolle er sich an denen rächen, die seinem Gefährten geschadet hatten. Liam stand steif am Fenster, seine goldenen Augen verfolgten jede meiner Bewegungen.
Sein Kiefer spannte sich an, als Riley ein schwaches Husten ausstieß. Er sorgt sich noch immer um sie, selbst nach all den Jahren. Ich weiß, dass sie einmal zusammen waren, bevor ich in sein Leben trat – aber reicht unsere Gefährtenbindung und ihr Verrat nicht aus, damit er mich endlich wählt?
„Und du? Denkst du auch, ich sollte meine ‘Rachsucht’ aufgeben?“ fragte ich. Seine Antwort würde entscheiden, was ich als Nächstes tun würde.
Ich sah ihn schweigend an, hoffnungsvoll. Ich hoffte, dass er diesmal für mich einstehen würde – wenigstens sein Wolf sollte es tun, aber…
„Deine Mutter hat recht…“
Und das war meine Antwort.
Ein bitteres Lächeln legte sich auf meine Lippen.
„Wenn ihr wollt, dass sie zurückkommt…“ sagte ich langsam, „dann will ich, dass die Verlobung aufgelöst wird.“
Der Herzmonitor setzte kurz aus. Rileys Augen blitzten triumphierend auf, bevor sie ihr Gesicht an Mutters Schulter verbarg.
„Sei nicht absurd“, fauchte Vater.
„Nach allem, was sie durchgemacht hat?“ Mutter zog Riley noch näher an sich. „Du würdest ihr das wirklich verweigern?“
Ich sah Liam direkt an. „Du weißt, was sie ist.“
Er trat vor, seine Alpha-Energie ließ die Luft vibrieren. „Die Verlobung bleibt bestehen.“
Riley stieß ein schwaches Wimmern aus. „Ich wollte nie… damals im Schnee… es war ein Unfall—“
„Genug!“ Vaters Befehl ließ die Wände erzittern. „Avery, das endet jetzt. Riley hat für ihre Fehler bezahlt. Deine kindischen Grollgefühle werden dieses Bündnis nicht zerstören.“
Kindisch?
Die Narbe an meinem Oberschenkel brannte.
Mutter streckte ihre freie Hand nach mir aus – das erste Mal, dass sie mich seit meiner Rückkehr freiwillig berührte. „Bitte, Avery. Für mich.“
Die Worte blieben mir wie Eissplitter im Hals stecken. Fünf Jahre lang hatte ich nach ihr gesucht, und nicht ein einziges Mal hatte sie mich mit der Hälfte der Zärtlichkeit angesehen, die sie dem Mädchen schenkte, das mich dem Tod überlassen hatte.
Genau in diesem Moment begann Riley heftig zu husten. Mutter keuchte auf und hielt sie fest, während die Maschinen Alarm schlugen. Krankenschwestern stürmten herein – und im Chaos, während Riley „stabilisiert“ wurde, trafen sich unsere Blicke.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln – nur für mich.
Das Spiel beginnt, Schwester.
Ich drehte mich um und ging, die nicht unterschriebenen Auflösungsdokumente zerknüllt in meiner Faust. Sollen sie die Viper zurück in ihr Nest holen.
Dieses Mal werde ich nicht zurückkommen.