004

950 Words
Die Krankenhaus­türen schwangen hinter mir mit einem befriedigenden Klicken zu und schnitten die donnernde Stimme meines Vaters mitten in einer Drohung ab. Ich musste den Rest nicht hören – ich kannte das Skript auswendig. Ungehorsame Tochter. Undankbare Erbin. Das Mantra der Familie Emerson. Hinter mir knarrte die Tür erneut. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Liam war. Seine Präsenz war wie ein Sturm in meinem Rücken – elektrisch und erdrückend. „Avery—“ Seine Stimme war rau, zerrissen. Ich ging einfach weiter. Dann, wie auf Kommando, durchschnitt Rileys leises Wimmern den Flur. „Liam… meine Brust… es tut weh…“ Ich blieb nicht stehen, um zuzusehen, wie er sich entschied. Schon wieder. Er entschied sich für Riley. Als die Tür zur Station zuschnappte, drehte ich mich um und starrte ausdruckslos auf die geschlossene Tür. „Er hat sie uns vorgezogen.“ Lydia wimmerte, voller Schock und Schmerz. Seine Zärtlichkeit gegenüber Riley war zu viel für sie gewesen. „Das war zu erwarten“, antwortete ich und versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen. „Aber trotzdem…“ „Es ist besser so. Wir waren nicht füreinander bestimmt.“ Ich schnitt Lydias klagendes Heulen ab. „…Es ist höchste Zeit, loszulassen“, fügte ich leise hinzu und holte scharf Luft. Ich schluckte schwer, als ich ihr trauriges Heulen hörte. Es tut mir leid. Ich ging zu meinem Auto und rief meine beste Freundin Savannah an. „Du ziehst das wirklich durch?“ Savannahs Stimme knackte durch das Telefon, gleichermaßen schockiert und begeistert. „Du verlässt endlich diesen goldenen Käfig?“ Ich umklammerte das Lenkrad fester, mein Wolf Lydia unruhig unter meiner Haut. „Wenn ich bleibe, werde ich entweder Riley töten oder selbst zu ihr werden.“ „Triff mich in zwanzig Minuten bei Platinum Heights.“ Der luxuriöse Apartmentkomplex glänzte im Nachmittagssonnenlicht, mit raumhohen Fenstern und klaren, modernen Linien. Savannah wartete bereits draußen, ihre dunklen Locken sprangen, als sie mir zuwinkte. „Hat ja lange genug gedauert“, neckte sie mich und legte einen Arm um meine Schultern. „Komm, wir suchen dir ein Penthouse, das einer ausgebrochenen Alpha-Erbin würdig ist.“ Kaum hatten wir die Lobby betreten, erklang eine vertraute, zuckersüße Stimme voller falscher Überraschung. „Oh mein Gott. Avery Emerson?“ Rachel. Rileys Lieblingsschmeichlerin – eine soziale Aufsteigerin mit mehr Plastik im Gesicht als Möbel in dieser Lobby. Sie lehnte am Empfangstresen, ihr Designerkleid wahrscheinlich teurer als das Jahresgehalt des Sicherheitsmannes. Ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. „Ohne Papas Kreditkarten unterwegs, Avery?“ Savannahs Griff um meinen Arm wurde fester. „Ignorier den tollwütigen Chihuahua.“ Doch Rachel schlängelte sich näher, ihr Parfüm erstickte die Luft. „Riley hat mir alles über deinen kleinen Wutanfall erzählt. Ehrlich gesagt ist das einfach nur peinlich. Sie ist krank, und du bist immer noch eifersüchtig, weil—“ „Weil Liam tatsächlich seine Gefährtin der Psychopathin vorzieht, die versucht hat, sie aufzuschlitzen?“ beendete Savannah süß. „Schockierend“, höhnte Rachel mit gespieltem Entsetzen. Ich blendete ihr Gezanke aus und schob meine Bankkarte über den Marmortresen. Die Empfangsdame zog sie durch das Lesegerät, runzelte die Stirn und versuchte es erneut. „Es tut mir leid, Miss Emerson. Diese Karte wurde… abgelehnt.“ Rachels lautes Lachen hätte Glas zerspringen lassen können. „Ups. Sieht so aus, als hätte Daddy dich endlich abgeschnitten!“ Sie spielte mit einer Locke. „Soll ich Riley anrufen? Vielleicht leiht sie dir etwas Geld – du scheinst es gerade dringend zu brauchen.“ Savannah sah aus, als würde sie sich gleich verwandeln und ihr die Kehle herausreißen. Ich packte ihr Handgelenk – und zog dann die matte schwarze Karte aus dem versteckten Fach meines Portemonnaies. Die Augen der Empfangsdame weiteten sich. Das silberne Emblem – ein Wolfskopf mit Dornenkrone – glänzte im Licht. Der Manager erschien wie aus dem Nichts und verbeugte sich leicht. „Miss Emerson, bitte entschuldigen Sie. Wir haben das Skyview-Penthouse für VIP-Kunden reserviert. Ich zeige es Ihnen sofort.“ Rachels Kinn klappte herunter. „W-Was ist das?“ Savannah schnappte sich die Karte, bevor ich sie aufhalten konnte, und starrte auf das geprägte Wolfssymbol. „Heilige Scheiße. Ist das—“ „Geht dich nichts an“, sagte ich locker und nahm sie ihr wieder ab. Rachel stürzte nach vorne. „Lass mich das sehen—“ Der Manager stellte sich zwischen uns, sein höfliches Lächeln eingefroren. „Ich fürchte, Unbefugte haben hier keinen Zutritt.“ „Unbefugt?“ kreischte Rachel. „Weißt du überhaupt, wer mein Freund ist?“ Der Manager blinzelte nicht einmal. „Genau deshalb. Und ich würde dasselbe sagen, selbst wenn er persönlich hier wäre.“ Rachels Gesicht erstarrte vor Scham. Savannahs Lachen hallte durch die Lobby, als sich die Aufzugstüren vor Rachels wütendem Gesicht schlossen. Als sich die Türen schlossen, zischte Savannah: „Seit wann hast du das?“ Ich starrte auf die aufsteigenden Etagenzahlen, mein Puls zum ersten Mal seit Tagen ruhig. „Seit ich aufgehört habe, nach den Regeln meines Vaters zu spielen.“ Die Türen öffneten sich zu einem weitläufigen Penthouse voller Glas und glänzender Flächen, und die Stadt lag unter uns wie ein Königreich. Savannah pfiff leise. „Verdammt. Erinnere mich daran, niemals gegen dich zu wetten.“ Ich trat an die raumhohen Fenster und sah zu, wie der Sonnenuntergang den Himmel in Flammenfarben tauchte. Irgendwo da draußen fror mein Vater meine Konten ein. Liam war wahrscheinlich bei Riley. Mein Herz schmerzte noch, aber nicht mehr so sehr. Was ich nicht sehen konnte war – irgendwo auf der anderen Seite der Stadt, in einem noch höheren Penthouse, leuchtete ein Handy auf. Black Card #0721 aktiviert. Eine Gestalt im Schatten lächelte. „Endlich.“
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