005

1143 Words
Das Penthouse war endlich ruhig. Nach Stunden des Auspackens und Einrichtens – von denen Savannah die meisten damit verbracht hatte, Möbel dramatisch „zu testen“, indem sie sich darauf fallen ließ – war ich allein, während die Lichter der Stadt jenseits der raumhohen Fenster funkelten. Lydia streckte sich unter meiner Haut, unruhig, aber zufrieden. „Freiheit“, flüsterte sie. „Okay, raus damit.“ Savannah ließ sich auf die Marmorkücheninsel plumpsen und baumelte mit den Beinen wie ein Kind. Sie zeigte auf die schwarze Karte, die ich auf dem Tresen liegen gelassen hatte. „Dieses Ding hat gerade den arrogantesten Immobilienmanager der Stadt dazu gebracht, sich vor dir zu verbeugen, als wärst du königlich. Wer zur Hölle hat dir die gegeben?“ Ich zuckte mit den Schultern und goss mir ein Glas Wein ein. „Nur ein Freund.“ „Aha.“ Sie schnappte sich die Karte und drehte sie um, um das eingeprägte silberne Wolfsemblem zu betrachten. Ihre Augen weiteten sich. „Avery. Das ist eine Blackthorne-Group-Karte.“ Ich verschluckte mich fast an meinem Getränk. „Was?“ „Spiel nicht dumm.“ Sie wedelte damit wie mit einem Beweisstück vor Gericht. „Die Blackthorne Group besitzt die Hälfte der Luxusimmobilien der Stadt, ganz zu schweigen von ihren Auslandsbeteiligungen. Niemand weiß, wer sie wirklich leitet, aber Gerüchten zufolge legt sich nicht mal der Hof des Alpha-Königs mit ihnen an.“ Sie beugte sich vor und grinste. „Also. Wer ist dein mysteriöser Gönner?“ Ich nahm ihr die Karte aus den Fingern und steckte sie zurück in mein Portemonnaie. „Nur ein alter Freund, dem ich vor Jahren bei einer Investition geholfen habe. Er schuldete mir einen Gefallen.“ Savannahs Grinsen verriet, dass sie mir kein Wort glaubte. „Jetzt, wo du mit Liam fertig bist…“ sagte sie und wackelte mit den Augenbrauen, „…klingt dieser mysteriöse Gönner nach perfektem Rebound-Material.“ Ich seufzte und drehte die schwarze Karte zwischen meinen Fingern. „Ich suche gerade niemanden.“ „Ach bitte.“ Sie beugte sich näher, ihr Vanilleparfüm wurde intensiver, als ihr Wolf vor Neugier erwachte. „Sag mir nicht, dass du immer noch an diesem hinterhältigen Alpha hängst.“ Meine Finger erstarrten. „Natürlich nicht.“ Die Lüge schmeckte bitter auf meiner Zunge. Savannahs wissender Blick traf mich härter als jeder Alpha-Befehl. Sie öffnete den Mund – Dann vibrierte ihr Handy heftig über die Marmortheke. „Ugh“, knurrte sie und griff danach. „Notfall bei der Arbeit.“ Die Aufzugstüren öffneten sich, als sie den Knopf drückte. „Dieses Gespräch…“ Sie zeigte mit dem nervigen Gerät auf mich. „…ist noch nicht vorbei, Emerson.“ In dem Moment, als sich die Türen schlossen, sanken meine Schultern. Das Penthouse hallte von unausgesprochenen Wahrheiten wider. Lydia wimmerte in meiner Brust, hin- und hergerissen zwischen Stolz und Schmerz. Manche Rebellionen, so schien es, ließen sich nicht mit schwarzen Karten und Penthouses lösen. Mein Blick fiel wieder auf die schwarze Karte. Wenn es jemanden gab, den ich Familie nennen konnte, dann war es Marcus. Ich hatte ihn im Waisenhaus kennengelernt, als wir beide noch Kinder waren. Er war mein sicherer Ort in einer Welt, die uns beide verlassen hatte. Ich hatte ihn immer als einen verlässlichen Bruder gesehen – aber manchmal fühlte es sich nach mehr an. Ich wollte, dass er der Erste ist, der Lydia sieht. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten Mal seinen Wolf sah, Ragnar. Es war Mitternacht im Hof des Waisenhauses – das Mondlicht ließ die Konturen seiner gewaltigen schwarzen Wolfsgestalt silbern schimmern, seine goldenen Augen leuchteten heller als jedes Feuer. Er bewegte sich wie ein Schatten mit Zähnen, stark genug, um die Welt zu zerreißen, und doch sanft, als seine Schnauze meine zitternden Finger berührte. In dieser Nacht sehnte ich mich danach, dass mein eigener Wolf erwacht. Ich wollte, dass Lydia erscheint – wollte, dass Marcus sie als Erster sieht, so wie ich die wilde, wunderschöne Wahrheit in ihm erkannt hatte. Doch wir wurden getrennt, bevor ich meine erste Verwandlung hatte. Erst vor fünf Jahren trafen wir uns wieder. Marcus hatte mir diese Karte damals gegeben, direkt nachdem das Tribunal Riley verbannt hatte. „Wenn du jemals raus musst…“, hatte er gesagt, seine dunklen Augen undurchschaubar. „…benutz sie. Keine Fragen.“ Ich hatte sie nie benutzt. Nicht einmal, als Liam gezögert hatte. Nicht einmal, als meine Eltern Riley ansahen, als wäre sie ihre echte Tochter. Bis heute. Das Badewasser war brühend heiß, genau wie ich es mochte. Dampf kringelte sich um mich, als ich tiefer einsank und versuchte, den Geruch von Krankenhaus und Verrat abzuwaschen. Und jetzt? Ich könnte neu anfangen. Meine eigene Firma gründen. Alle Verbindungen kappen. Meine Finger schwebten über meinem Handy. Marcus’ Nummer war noch da, vergraben unter Jahren unausgesprochener Worte. Würde er überhaupt rangehen? Das letzte Mal, als wir gesprochen hatten, hatte ich ihm gesagt, dass ich bei den Emersons bleiben würde. Dass ich es mit Liam zum Funktionieren bringen musste. Seine Antwort war nur eine einzige Nachricht gewesen: „Dann hoffe ich, er ist es wert.“ Ich hatte nie geantwortet. Bis jetzt hatte ich nicht verstanden, was mich davon abgehalten hatte. Die Türklingel ertönte. Lydias Ohren stellten sich auf. Liam. Ich wickelte mich in einen Seidenmantel, Wasser tropfte auf den beheizten Boden, während ich zur Tür ging. Der Sicherheitsbildschirm zeigte eine vertraute, breit gebaute Silhouette. Natürlich hatte er mich gefunden. Alpha-Instinkte und so. Ich riss die Tür auf. „Welchen Teil von ‚Auflösung der Verlobung‘ hast du nicht verstanden?“ Liam stand da, sein sonst perfektes Haar zerzaust, seine eisblauen Augen brannten. „Wir müssen reden.“ Ich verdrehte die Augen und wollte die Tür zuschlagen. Seine Hand schoss vor, seine Finger schlossen sich mit dieser unerträglichen Alpha-Stärke um mein Handgelenk. „Wir sind immer noch Gefährten, Avery!“ knurrte er. Die Bindung zwischen uns flammte auf, heiß und fordernd, versuchte mich zur Unterwerfung zu zwingen – doch ich gab nicht nach. Dieses Mal konnte ich es mir nicht leisten. „Nicht mehr lange!“ fauchte ich. „Wage es ja nicht!“ warnte er, als wüsste er genau, was ich vorhatte. Ich stieß ihn weg und riss mein Handgelenk aus seinem Griff. Hinter ihm ertönte erneut das Klingeln des Aufzugs. Riley trat heraus, eine Hand an die Brust gepresst, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. „Liam, ich habe dir gesagt – ich sollte nicht—“ Sie sah mich und keuchte. „Avery! Gott sei Dank bist du in Sicherheit!“ Ich starrte zwischen ihnen hin und her. „Das ist jetzt nicht euer Ernst“, sagte ich, meine Stimme tropfte vor Gift. „Du konntest mir nicht einmal fünf Minuten geben, ohne deinen kleinen Schatten mitzuschleppen? Oder ist das hier eine Demonstration dafür, dass ihr buchstäblich nicht ohne einander funktionieren könnt?“
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