Schatten im Glasturm
Das Neon- und Goldlicht, das von der Stadt draußen eindrang, spiegelte sich nun in den Glaswänden der 87. Etage von Graves Enterprises. Iris Vale saß vor ihrem Computer, die Finger wie ein Schmetterling, der darauf wartet, über die Tastatur zu fliegen, während ihr Herz unregelmäßig in ihrer Brust klopfte wie ein in einem Käfig gefangener Vogel, der mit den Flügeln schlägt und verzweifelt versucht zu entkommen. Sie hatte diese E-Mail nie gesendet. Und doch lag es in ihrem Briefkasten, perfekt getippt und genau richtig formuliert, eine einfache Anfrage nach den Quartalsberichten, die für die morgige Sitzung zusammengestellt werden mussten. Es war vor drei Minuten gesendet worden. Der noch nicht abgeschickte Entwurf lag leer vor ihr.
Als sie hinter ihrem Computerbildschirm auf den unheimlich leeren Analystenpool blickte, konnte sie erkennen, dass der größte Teil des Parketts längst verschwunden war und in der Stadt unterwegs war. Die einzigen Geräusche, die den Boden erfüllten, waren das stetige Summen der Klimaanlage und das schwache Dröhnen eines entfernten Staubsaugers. Niemand konnte sie sehen. Niemand wusste, dass sie noch hier war und niemand hatte Zugriff auf ihren Computer.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Der Dritte diese Woche. Auf ihrem Schreibtisch lagen Akten, mit deren Durchsicht sie noch nicht einmal begonnen hatte. Ein Spam-Anruf, den sie von ihrem Telefon gelöscht hatte, ohne den Bildschirm zu berühren. Ihr normaler schwarzer Kaffee mit einem Schuss Milch und einem Schuss Zucker stand auf ihrem Schreibtisch und war immer noch dampfend heiß, obwohl sie ihren Computer an diesem Morgen nicht verlassen hatte.
Sie lehnte sich zurück, das Quietschen ihres Schreibtischstuhls hörte sich auf dem ruhigen Boden an, sie stand mit zitternden Knien auf und strich ihren Bleistiftrock glatt. Sechsundzwanzig und es gelingt ihm, so unsichtbar wie möglich zu sein; Braunes Haar, zu einem äußerst ordentlichen Knoten zurückgebunden, ein Hauch Puder auf ihrem Gesicht und eine schlichte, graue Bluse gepaart mit einem dunkelblauen Bleistiftrock. Kompetent und langweilig. Nach dem Unfall, der ihre Erinnerungen wie Glasscherben gestohlen hatte, hatte sie gelernt, dass sie nichts mehr sein musste. Sie musste die Abdrücke an ihren Handgelenken mit langen Ärmeln verdecken und ein süßes, höfliches Lächeln mit neutralem Ton und ausdruckslosem Gesichtsausdruck bewahren. Sie musste sicher, unsichtbar und ungehört sein.
Jemand hatte sie gesehen.
Ihr Handy vibrierte ungeduldig auf dem Schreibtisch. Eine unbekannte Nummer. Sie ließ es klingeln. Es summte wieder. Dann noch einmal. Beim vierten Mal antwortete sie mit gebrochener Stimme, einem heiseren Flüstern: „Wer ist das?“
Einen Moment lang herrschte Stille, dann sprach eine langsame, samtweiche Stimme, die sich anfühlte, als würde Eis über ihre Haut gleiten: „Arbeitest du immer noch lange, Iris?“
Ihr blieb der Atem im Hals stecken und sie erstarrte. Die Stimme war ihr unbekannt, doch ein Zittern durchlief ihren Körper, eine erschreckende, berauschende Mischung aus purem Schock und beunruhigender Vertrautheit. „Woher kennst du meinen Namen? Wer ist das?“
Ein dunkles, leises Lachen ging durch die Leitung. „Ich weiß alles über dich, Iris. Ich weiß, wie du auf deiner Unterlippe kaut, wenn du dich konzentrierst. Ich weiß, dass du siebenundzwanzig Schritte vom Aufzug zu deinem Schreibtisch gehst. Ich weiß, dass die Narbe an deinem linken Handgelenk unter deinem Ärmel versteckt ist.“
Ihre freie Hand schoss nach oben, ihre Finger berührten die schwache, verblasste Linie der Narbe an ihrem Handgelenk, die von einem Unfall vor Jahren stammte, der ihre Erinnerungen in fragmentierte, alptraumhafte Rückblenden zersplittert hatte. „Das ist nicht lustig. Wenn das eine Art Streich ist …“
„Das ist kein Streich“, seine Stimme schnitt, alle Anzeichen von Belustigung waren verschwunden und durch eine harte Kante ersetzt. „Alleine auf dieser Etage sind Sie nicht sicher. Nehmen Sie den Chefaufzug zum Penthouse. Jetzt.“
Die Leitung war tot.
Iris starrte auf das Handy in ihrer Hand, ihre Brust hob sich, ihr Körper schrie ihr zu, sie solle rennen, den Sicherheitsdienst rufen, etwas tun, irgendetwas anderes als das, was er befohlen hatte. Aber ihre Füße schienen sich von selbst zu bewegen und sie in Richtung des Privataufzugs am Ende des Flurs zu tragen; ein Privileg, das einem bloßen Analytiker niemals gewährt wird. Die Tür glitt auf, als hätte sie auf sie gewartet. Ihr Puls hämmerte in ihrer Kehle. Sie trat ein, ihre großen grünen Augen weit aufgerissen und ihr blasses Gesicht spiegelte sich in der Seitenscheibe; Ihre Hände zitterten unkontrolliert, als der vollkommen sanfte, gerade Aufstieg sie direkt zum Penthouse trug.
Zischend öffneten sich die Türen zu einem riesigen, luxuriösen Büro, das mit edlem dunklem Holz und weichem Leder ausgestattet war. Der Blick auf die Stadt bietet ein atemberaubendes, schwindelerregendes Schauspiel. Hinter einem Schreibtisch aus Ebenholz, der wie polierter schwarzer Obsidian glänzte, saß ein Mann, der den Raum um ihn herum in sich aufzunehmen schien.
Lucien Graves.
Sie hatte ihn bisher nur in den Unternehmensvideos oder bei seltenen flüchtigen Gelegenheiten unten in der Lobby gesehen; Groß und breitschultrig, mit scharfen, intelligenten Gesichtszügen, stahlgrauen Augen, makellos gestyltem dunklem Haar und einem Anzug, der aussah, als wäre er von einem Engel geschneidert worden. Er war jung, jünger als sie erwartet hatte; vielleicht Anfang dreißig, mit einer Aura ungezähmter Macht, die den Raum erfüllte.
Er grüßte nicht, lächelte nicht, erwiderte einfach ihren Blick, hielt ihn fest und hielt sie mit einem unleserlichen Flackern fest, das für den Bruchteil einer Sekunde über seine Gesichtszüge tanzte. ein Hauch von Besessenheit, Erleichterung oder vielleicht etwas Dunklerem, bevor sein Gesichtsausdruck wieder eine undurchdringliche Maske eisiger Gelassenheit annahm.
„Iris“, sagte er, seine Stimme war immer noch so glatt und kalt wie am Telefon. Er erhob sich von seinem Schreibtisch mit einer fließenden Bewegung, die wie die eines Raubtiers wirkte, das seine Beute umkreist. „Du bist gekommen.“
„Ich hatte keine Wahl“, schnappte sie, ihre Stimme schwankte zwischen Wut und Entsetzen, als sie ihre Fäuste in ihrem Schoß ballte und sich zwang, auf ihren wackeligen Beinen gerader zu stehen. „Was in Gottes Namen ist los? Wie bist du in meine E-Mails, mein Telefon, mein Leben gekommen?“
Lucien machte ein paar langsame Schritte vorwärts, bis er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war, nah genug, dass sie den subtilen Hauch von Sandelholz riechen konnte, und etwas, das unbestreitbar ihn selbst war. Sein Blick glitt über sie, verweilte auf ihren Lippen, ihrem Hals, dem hektischen Heben und Senken ihrer Brust. „Weil du hierher gehörst. Zu mir. Unter mir.“
Ein Schauer durchlief sie, eine verwirrende, verlockende Mischung aus Angst und verbotener Aufregung. Sie stolperte zurück, ihre Schultern streiften die sich schließenden Aufzugstüren. „Ich bin nur ein Junior-Analyst. Ich arbeite nicht einmal in Ihrer Abteilung. Sie sind verrückt. Ich gehe.“
"Du bist nicht." Seine Stimme war unerschütterlich, absolut. Er streckte eine Hand aus, seine Finger schwebten nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt und die Luft zwischen ihnen knisterte vor unsichtbarer Energie. „Sie arbeiten jetzt für mich. Direkt. In der Chefetage. Ich habe Ihnen bereits eine Wohnung gesichert. Niemand wird Sie mehr belästigen.“
Ihre Augen weiteten sich vor purem Schock und Trotz, ein Feuer entzündete sich in ihrer Brust. „Du kannst das nicht einfach so machen! Ich habe Rechte! Ich werde kündigen, ich gehe zur Personalabteilung, das ist Belästigung!“
Luciens Kiefer spannte sich an, ein Muskel in seiner Wange zuckte. Kontrollierte Wut flammte in ihm auf, aber für einen einzigen, flüchtigen Moment erschien ein Anflug von Verletzlichkeit auf seinem Gesicht; In seinen Augen vertiefte sich ein uralter, unausgesprochener Schmerz, der Schmerz jahrelangen Wartens. „Du wirst nicht aufgeben, Iris. Das kannst du nicht. Ich habe zu lange darauf gewartet. Auf dich.“
„Gewartet?“ Ihre Stimme war brüchig, rau und unsicher. „Ich kenne dich nicht einmal.“
„Aber ich kenne dich, Iris Vale.“ Er schloss den Abstand zwischen ihnen wieder, überragte sie und schob sanft eine verirrte Haarsträhne hinter ihr Ohr. Seine Berührung war sengend und sandte einen Strom reiner, unbestreitbarer Elektrizität durch sie, und sie hasste den verräterischen Verrat ihres Körpers und ihrer Brustwarzen, die sich unter ihrer Bluse verhärteten und ihr der Atem stockte. „Ich kenne dich schon viel länger, als du denkst. Der Unfall hat dir vielleicht deine Erinnerungen gestohlen, meine aber nicht. Ich habe dich in den Schatten beschützt, deine Bedürfnisse vorhergesehen und alle potenziellen Hindernisse beseitigt, bevor sie überhaupt auftauchten. Ich habe diese Welt für dich verwaltet, sodass du das nicht tun musstest.“
Die Tränen der Wut und der Angst stiegen ihr in die Augen und sie zwang sie, sie nicht zu vergießen. Sie wurde so stark wie der Muskel, gegen den sie drückte; Es gab keine Bewegung, der Mann ließ sich nicht aus ihren Händen rühren. Das war besessen, Stalking... Lass mich los.
Er hielt ihre Handgelenke fest, nicht sanft, und zog sie näher an sich heran, bis nur noch Haut zwischen ihnen war. Sein Herz hämmerte gegen sie, bis ihre Herzen gegeneinander rasten; Er löste Gefühle aus, die sie nicht verstehen konnte – eine wilde, ursprüngliche Lust, ein wildes und gefährliches Beschützerinstinkt, eine ebenso schwarze wie erschreckende Liebe. Niemals ... du gehörst mir, Iris ... ich beschütze, was ich besitze. Sogar von mir.
Sie verspürte sofort einen Konflikt, sie spürte, wie die Gefahr in ihrem Kopf schrie; Sie verspürte ein Bedürfnis – ein seltsames, widersprüchliches Gefühl des Verlangens in ihrem hämmernden Herzen –, während ihre Seele sich nach diesem monströsen Mann zu strecken schien. Gefahren umgaben sie ... sie war nicht mehr frei; er war gefährlich; ihre Vergangenheit war unbekannt ... verflochten mit seiner; und Iris spannte seinen Griff an, aber er hielt sie mit einer Standhaftigkeit fest, die nicht wanken ließ.
Du wirst mir nicht nachgeben ... Luciens Stimme, leise und ein Versprechen auf die kommenden Gefahren, erfüllte ihren Geist. Ich erwarte nichts weniger, aber Sie werden es lernen. Das war vorherbestimmt.