Kapitel 5 - Kai

1593 Words
KAI POV Nachdem ich die Tür meines Wohnheimzimmers hinter mir zugeschlagen hatte, hatte ich genau 3,5 Sekunden lang meine Ruhe. Dreieinhalb Sekunden herrlicher Stille. Dann – Ein Arm – warm, schwer, lässig, wie es nur Männer können, die keinerlei persönliche Grenzen kennen – legte sich um meine Schultern, als wären wir beste Freunde in einem Coming-of-Age-Film. Ich verkrampfte mich. Er bemerkte es nicht. Natürlich nicht. Reyes hatte diese Golden-Retriever-Energie. Er wedelte ständig mit dem Schwanz. Er lächelte immer. Er war der Typ Mann, der seinen Arm um einen Fremden legen konnte und es wie einen Händedruck wirken ließ. Zumindest schien es so. Für mich? Es fühlte sich erstickend an. Zum Teil, weil Summer, die unerträgliche Wölfin in meinem Kopf, sich kaputtlachte, sobald er mich berührte. „Ich bin so hungrig, dass ich einen verdammten Bison essen könnte“, verkündete Reyes und führte mich mühelos den Flur entlang, als hätte ich zugestimmt, mit ihm irgendwohin zu gehen. „Mal sehen, was die Alpha Academy heute Abend zu bieten hat. Vielleicht opfern sie Jungfrauen oder servieren gebratene Verräter. So oder so, ich bin dabei.“ „Du sagst das, als wäre es etwas Gutes.“ Er schnaubte: „Solange es kein Tofu ist, bin ich dabei.“ Ich warf ihm einen Seitenblick zu. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tofu nicht auf der Speisekarte des König Rudels steht.“ „Genau. Deshalb sind wir hier, Hermano. Die Elite der Fangar macht keine halben Sachen.“ Wir bogen um eine Ecke und kamen an zwei anderen Wölfen vorbei, die uns beide einen großen Bogen machten. Nicht, weil wir einschüchternd wirkten (okay, vielleicht er), sondern weil Reyes und sein Rudel den Ruf hatten, unberechenbar zu sein. Man wusste nie, was sie aus der Fassung brachte, bis ihre Wölfe dein Rudel umzingelten und bereit waren, dich zu Fall zu bringen. Die Leute wussten nicht, ob sie ihn streicheln oder weglaufen sollten. Ich? Ich hielt meinen Kopf gesenkt und meine Kapuze noch tiefer. Je weniger Aufmerksamkeit ich bekam, desto besser. Aber vielleicht wäre ein Verbündeter wie er gar nicht so schlecht. Eine Freundschaft mit ihm könnte mich vor vielen unangenehmen Situationen und neugierigen Leuten bewahren, die sich in meine Angelegenheiten einmischen. Reyes könnte der Schlüssel sein, um dieses Jahr unbeschadet zu überstehen. „Bist du vor dem Abendessen immer so dramatisch?“, fragte ich und schüttelte seinen Arm so lässig wie möglich ab. Er nahm es nicht persönlich. Er grinste nur noch breiter und steckte seine Hände in die Taschen. „Nur wenn ich das Mittagessen ausgelassen habe, weil ich in diesem verdammten Zug festsaß.“ Klar. Er ging mit der selbstbewussten Gelassenheit eines Menschen, der immer an der Spitze der Nahrungskette stand – und sich dessen bewusst war. Sein dunkelbraunes Haar war noch feucht von der späten Dusche, die Locken hüpften bei jedem Schritt leicht. Er trug ein marineblaues Hemd, das eng an der Brust anlag, die Ärmel lässig bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, sodass seine gebräunten Unterarme mit ihren dünnen Narben und Tattoos zum Vorschein kamen. Sein Lächeln hatte diesen rücksichtslosen Alpha-Charakter, aber darunter lag etwas Jungenhaftes – etwas Warmes, das die Menschen ihre Wachsamkeit verlieren ließ. Eine gefährliche Kombination. Wir erreichten die Türen des Speisesaals, die bereits angelehnt waren und aus denen Stimmen drangen. Der Geruch von gebratenem Fleisch und geschmolzenem Käse schlug mir wie ein Güterzug entgegen. Summer wäre vor Aufregung fast ohnmächtig geworden. „Oh mein Gott, sie haben Knoblauchbrot“, stöhnte sie. „Halt die Klappe“, murmelte ich leise. Reyes hörte mich nicht. Er stieß die Türen auf, als gehöre ihm der Ort, und schlenderte hinein, als sei es sein Schloss. Ich zögerte eine Sekunde zu lange. „Kommst du, Kai?“, rief er, schon auf halbem Weg zu den Tischen. Ich seufzte und folgte ihm. Der Raum war riesig – gewölbte Decken, dunkle Holzbalken, eiserne Kronleuchter, die in sanftem bernsteinfarbenem Licht leuchteten. Wölfe in Uniformen und Freizeitkleidung füllten die Reihen der langen Tische, die meisten saßen bereits und waren schon halb mit dem Abendessen fertig. In der Mitte stand der Tisch des Königsrudels – leicht erhöht, rund und nervig symbolisch. Reyes ging nicht dorthin. Er bog nach links ab und setzte sich wie ein ganz normaler Typ auf eine Bank an einem der normalen Tische. Mutiger Schachzug. Ich schwebte neben ihm und war mir nicht sicher, ob ich mich setzen sollte. Aber bevor ich mich wieder in eine unangenehme Panik versetzen konnte, winkte Reyes jemandem hinter mir zu. „Dalton! Derrick! Hier drüben!“ Mein Herz blieb fast stehen. Nein. Nein, nein, nein. Die beiden hochgewachsenen Alphas, denen ich aus dem Weg gehen wollte, bis ich mich emotional von ihrer „shirtlosen griechischen Statuen-Nummer“ erholt hatte, kamen nun mit einem identischen Raubtiergrinsen auf mich zu. Derrick trug ein schwarzes Henley-Shirt, seine Tattoos waren halb sichtbar und seine Augen strahlten vor Vergnügen. Dalton sah in seinem weiten Tanktop und seiner Jogginghose mit den feuchten Locken, die ihm ins Gesicht fielen, wie ein wilder Krieger aus. Ich wünschte mir, der Boden würde sich öffnen und mich verschlucken. Stattdessen klopfte Derrick Reyes auf die Schulter und nickte mir zu. „Der hier folgt dir schon?“ Reyes lachte: „Ich habe es dir doch gesagt. Er ist jetzt mein emotionaler Unterstützer und bester Freund.“ Dalton ließ sich auf die Bank ihm gegenüber gleiten und warf mir einen Blick zu. „Hoffentlich hat er ein dickes Fell.“ „Eher einen dicken Schädel“, murmelte Derrick und ließ sich neben ihm nieder. Ich setzte mich nicht. Ich stand da wie erstarrt, mein Puls pochte laut in meinen Ohren. Summer flüsterte: „Keine Panik. Keine Panik. Schau nicht auf seine Arme. Nicht... “ Ich setzte mich. Reyes schob mir ein Tablett hin, das er wohl auf dem Weg hierher mitgenommen hatte. „Du wirst mir später dankbar sein“, sagte er und belud sein eigenes Tablett bereits mit Roastbeef, Kartoffelpüree und etwas, das wie glasierte Rippchen aussah. Ich stocherte in meinem Essen herum, ohne es wirklich zu sehen. Das war gefährlich. In ihrer Nähe zu sein. Sie sich an mich gewöhnen zu lassen. Mich an sie gewöhnen zu lassen. Reyes grinste mit vollem Mund und sagte: „Also, Kai, erzähl mir etwas Seltsames über dich.“ Ich blinzelte: „Was?“ „Seltsames Zeug. Jeder hat so etwas. Ich habe zum Beispiel einmal, als ich zwölf war, auf eine Wette hin ein ganzes Eichhörnchen roh gegessen.“ „Warum sollte dich jemand dazu herausfordern?“ Dalton schnaubte: „Weil er Reyes ist. Er hat sich wahrscheinlich selbst herausgefordert.“ Reyes grinste: „Richtig.“ Derrick verdrehte die Augen. „Du prahlst immer noch damit, als wäre es eine Leistung. Du hast Würmer im Kopf, Mann.“ „Wenigstens habe ich nicht geweint, als ich mich zum ersten Mal verwandelt habe“, gab Reyes zurück und grinste breit. Derrick öffnete den Mund, um eine schlagfertige Antwort zu geben, aber Dalton kam ihm zuvor. „Wow. Das ist also die Art von intellektueller Unterhaltung, die ich beim Abendessen genießen darf? Kein Wunder, dass der Rat uns alle für Tiere hält.“ Die Art, wie er „Rat“ sagte, war nicht beiläufig. Er hätte genauso gut einen Dartpfeil auf Derricks Stirn werfen können. Derrick erstarrte, seine Gabel blieb in der Luft stehen: „Besser ein Tier als ein Köter ohne Rudeltreue.“ Daltons Lächeln wurde messerscharf: „Vorsicht, Derrick. Du klingst verbittert. Es ist nicht meine Schuld, dass der Rat mich mehr mag.“ Derricks Blick verdunkelte sich. „Der Rat mag saubere Akten“, sagte er mit leiser Stimme. „Nicht charmante Manipulatoren, die andere dazu bringen, ihre Drecksarbeit zu erledigen.“ Reyes pfiff leise durch die Zähne. „Da haben wir es.“ Ich blickte zwischen ihnen hin und her, mein Herz pochte. Das war kein spielerisches Geplänkel. Das war... etwas anderes. Altes und Eiterndes. Wie eine Wunde, die nie wirklich verheilt war. Als hätten sie sich um etwas – oder jemanden – gestritten und sich nie vergeben. Ihre Blicke trafen sich schließlich, und für einen Moment hätte ich schwören können, dass die Luft kälter wurde: „Seid ihr beiden fertig mit eurem Wettstreit?“, fragte Reyes fröhlich und biss in eine Rippe. „Denn die Spannung ist stark genug, um das Fleisch zu würzen.“ Dalton wandte als Erster den Blick ab, die Kiefer angespannt. Derrick atmete aus, fast wie ein Knurren, seine Stimme war sanft, aber sein Kiefer war angespannt: „Komm schon, Kai. Du bist dran. Halte uns nicht hin.“ Ich geriet in Panik. Mein Gehirn machte einen Kurzschluss. „Ich hasse es, wenn andere Leute kauen.“ Es folgte ein Moment der Stille. Dann –Dalton beugte sich vor und starrte mich an, als hätte ich gerade gestanden, ein Sektenführer zu sein. „Du bist in ein Mehrbettzimmer gezogen und hasst Kaugeräusche?“ „Ich bereue es“, murmelte ich. Reyes verlor die Beherrschung. Er lachte laut, warf den Kopf zurück und kniff die Augen zusammen. Und irgendwie lächelte ich auch. Nur für eine Sekunde. Denn dann fühlte ich mich beobachtet. Ich sah mich um und erwartete, dass alle Augen auf mich gerichtet waren, vielleicht sogar geflüstert wurde. Der kleine Kerl, der sich zwischen den mächtigsten Wölfen der Akademie versteckte. Aber nichts. Alle konzentrierten sich auf ihr Essen, ihre eigenen Leute. Niemand schenkte mir Beachtung. Und doch... Das Gefühl verschwand nicht. Es setzte sich tief fest, wie ein Gewicht hinter meinen Rippen. Nicht unbedingt gefährlich. Aber etwas Ähnliches. Etwas, das ein wenig zu sehr nach Schicksal schmeckte.
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