Nach dem Abendessen teilte sich die Gruppe auf – Reyes und ich gingen in die eine Richtung, Dalton und Derrick in die andere. Niemand sagte viel, und das war mir recht. Reyes verlangsamte etwas sein Tempo und ging mit mir den Flur entlang.
„Das hast du gut gemacht“, sagte er und stupste mich an der Schulter an. „Du bist nicht ohnmächtig geworden, hast dich nicht verschluckt und mich sogar zum Lachen gebracht. Das ist ein Sieg, hermano.“
Ich versuchte zu lächeln, aber es fühlte sich gezwungen an. „Danke für das Tablett.“
Er zwinkerte mir zu. „Gern geschehen. Übrigens, viel Glück beim Überleben der Nacht.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum sollte ich... “
Aber er war schon weg und bog mit einer lässigen Handbewegung um die Ecke.
Ich stand eine Sekunde lang da und starrte auf den leeren Flur.
Viel Glück.
Das bedeutete nie etwas Gutes.
Trotzdem schleppte ich mich bis zu Zimmer 214 und zögerte so lange ich konnte. Vielleicht würden sie schon schlafen. Vielleicht waren sie unterwegs. Vielleicht würde mir die Mondgöttin einen Gefallen tun und mich töten, bevor ich einen von beiden wiedersehen musste.
So viel Glück hatte ich nicht.
In dem Moment, als ich die Tür öffnete, fluchte ich leise vor mich hin.
Und dann noch einmal.
Einmal für mich selbst – dafür, dass ich so dumm gewesen war zu glauben, dieses Jahr würde einfach werden.
Einmal für meine Mutter – die mich buchstäblich den Wölfen zum Fraß vorgeworfen hatte.
Einmal für das Winterrudel – das sich alle an Schnee verschlucken konnten.
Und schließlich ein großzügiger, theatralischer Fluch für die Hälfte der griechischen Götter – nur zur Sicherheit.
Denn jetzt war nicht nur ein nackter Alpha in diesem Zimmer.
Es waren zwei.
Beide lagen auf ihren Betten, als gehörte ihnen die Welt.
Ich schlug die Tür hinter mir zu. Nicht so fest, dass sie zerbrach. Aber fest genug, um zu zeigen, dass ich zwei Sekunden davon entfernt war, einen Mord zu begehen.
„Wollt ihr mich verarschen?“
Keiner von beiden zuckte zusammen.
Dalton lag wie ein fauler Löwe da und hob eine Augenbraue. Er hatte ein Buch auf dem Bauch liegen und einen Arm hinter dem Kopf verschränkt, als wäre dies der Strand und kein gemeinsames Wohnheimzimmer.
Derrick, auf der anderen Seite des Raumes, hatte Kopfhörer auf – und tat halb so, als würde er mich nicht hören. Er scrollte durch etwas auf seinem Handy, die Beine an den Knöcheln übereinandergeschlagen, völlig unbeeindruckt.
Und absolut, hundertprozentig nackt.
Ich bedeckte meine Augen mit einer Hand und drückte mir mit der anderen die Nasenwurzel. „Seid ihr beide taub? Oder einfach nur Idioten?“
Derrick sah auf: „Was?“
Dalton warf mir nicht einmal einen Blick zu. „Problem?“
„Wir hatten eine Vereinbarung“, zischte ich und ging blindlings zu meiner Seite des Zimmers. „Keine Schwänze zur Schau stellen. Erinnert ihr euch daran? Oder ist diese Regel unter der Würde der glorreichen Alphas des König-Rudels?“
Dalton gähnte: „Ich schlafe nackt. Mir wird nachts zu warm.“
Derrick zuckte mit den Schultern. „Ich auch.“
Ich wollte schreien. Oder den Raum in Brand stecken. Möglicherweise beides.
„Ihr seid Wölfe“, fauchte ich. „Eure Körper sind von Natur aus heiß. Das bedeutet aber nicht, dass ich jedes Mal, wenn ich hier hereinkomme, den Vollmond sehen muss.“
Dalton grinste – ein ärgerliches, träges Zucken seiner Lippen. „Du könntest einfach wegschauen.“
„Ihr könntet einfach eine Hose anziehen!“
Endlich sah er mir in die Augen. „Niemand hindert dich daran, in ein anderes Zimmer zu ziehen.“
Ich starrte ihn an und presste die Kiefer aufeinander. „Ist das eine Herausforderung?“
„Nein“, sagte Derrick, ohne aufzublicken: „Das ist eine Warnung.“
Oh, verpiss dich.
Ohne ein weiteres Wort stürmte ich quer durch den Raum direkt ins Badezimmer und schlug die Tür hinter mir mit solcher Wucht zu, dass der Rahmen klapperte. Mein Spiegelbild sah genauso wütend aus, wie ich mich fühlte – mit roten Wangen, zusammengebissenen Zähnen und glühenden Augen wie ein wildes Tier.
Ich zog mich schweigend aus, drehte die Dusche auf und trat unter den Strahl, bevor das Wasser ganz warm war. Das kalte Wasser rüttelte meine Sinne wach, aber ich bewegte mich nicht. Ich stand einfach da und ließ es über mich ergehen, als könnte es die Frustration ertränken, die in meiner Brust brodelte.
Dalton und Derrick würden mich umbringen. Wenn nicht buchstäblich, dann emotional, mental, spirituell. Es war der erste Tag, und ich wollte beiden schon jetzt direkt ins Gesicht schlagen.
Nach ein paar Minuten wusch ich mich schnell, trocknete mich ab und stellte mich wieder vor den Spiegel. Der Dampf verschleierte mein Gesicht, und für einen Moment ließ ich mich darauf ein, das Mädchen unter der Maske anzusehen – wirklich anzusehen.
Die weichen Linien meines Schlüsselbeins. Die Rundung meiner Taille. Die Form, die ich jeden Tag zu verbergen versuchte.
Ich verweilte nicht lange.
Jede Windung des Verbandes fühlte sich wie eine Rüstung an.
Als würde ich mich wieder in Unsichtbarkeit hüllen.
Als ich fertig war, zog ich ein schlichtes schwarzes Tanktop und eine weite Pyjamahose an und spritzte mir zur Sicherheit kaltes Wasser ins Gesicht.
Als ich zurück ins Schlafzimmer kam, beachtete mich keiner von beiden.
Das war mir recht.
Ich kletterte in mein Himmelbett – ein Königin-Size-Bett wie ihres – und sank mit einem Seufzer in die Matratze. Zumindest war es bequem. Eine kleine Gnade. Ich drehte mich zur Wand und zog die Decke bis zu meinen Schultern hoch, so als wäre der schwere Samthimmel über mir ein Schutzschild. Etwas, das ihren Geruch, ihre Anwesenheit, ihr ganzes Wesen fernhielt.
Ich schloss die Augen.
Und für ein paar Minuten tat ich so, als wäre ich allein.
Dann rülpste einer von ihnen.
Der andere lachte.
„Eklig!“, schrie ich und war schon kurz davor, einen weiteren Wutanfall zu bekommen.
„Bist du überhaupt ein Junge, Savage?“, fragte Dalton mit seiner nervtötenden Stimme. „Denn du regst dich über Dinge auf, die normalerweise Mädchen tun.“
Mir stockte der Atem.
Mein Rücken versteifte sich.
Ein Tag.
Ein Tag, und ich hatte meine Tarnung schon auffliegen lassen.
Aber dann mischte sich Derrick mit einem Schnauben ein.
„Nee, Mann. Er ist zu muskulös und hat keine Kurven. Das kann kein Mädchen sein, selbst wenn er es versuchen würde.“
Und ich wusste nicht genau warum – aber irgendetwas daran... tat weh.
Es tat sehr weh.
Das war die Hölle.
Die wahre Hölle.
Wahrscheinlich gab es in der Unterwelt Dämonen, die mehr Schamgefühl hatten als diese beiden.
Ich lag eine Weile da, das Gesicht auf das Laken gedrückt, und versuchte, mein Herz nicht zu schnell schlagen zu lassen. Es war nicht nur die Nacktheit. Es war die ständige Bedrohung. Die Anspannung. Die Last, jede verdammte Sekunde so zu tun als ob.
Wenn ich einen Fehler machte – wenn ich auch nur für einen Atemzug vergaß, dass ich Kai sein sollte, der ruhige, scharfzüngige Junge aus dem Winterrudel – war ich tot. Oder schlimmer.
Entlarvt.
Und ich war mir nicht sicher, was gefährlicher wäre.
Summer war keine Hilfe. Sie kicherte wie eine betrunkene Hyäne in meinem Kopf.
„Ich habe es dir gesagt“, sang sie. „Du hättest mich verwandeln lassen sollen. Dann hätten wir ihnen die Decken wegreißen und das Zimmer wie echte Wölfe für uns beanspruchen können.“
„Halt die Klappe“, murmelte ich.
„Was war das?“ Derricks Stimme drang durch den Vorhang.
Ich erstarrte.
Hatte er das gehört?
„Nach dem Licht aus nicht mehr mit sich selbst reden, Mitbewohner“, fügte Dalton träge hinzu. „Das ist gruselig.“
Meine Stimme klang trocken: „Tut mir leid, dass ich nicht damit beschäftigt bin, mir zu meinem eigenen Spiegelbild einen runterzuholen, so wie ihr beiden.“
Es folgte eine kurze Stille.
Dann schnaubte Derrick. „Glaubst du, wir brauchen dafür Spiegel?“
Ich unterdrückte ein Stöhnen.
Das würde eine lange Nacht werden.
Und morgen?
Dann müsste ich das Ganze noch einmal machen.
Lächeln. Ablenken. Überleben.
Ich war mir nicht sicher, wie lange ich das noch durchhalten konnte.