Kapitel 7 - Kai

1283 Words
KAI POV Ich wurde von dem unangenehmsten Geräusch geweckt, das Menschen – oder Wölfen – bekannt ist. Piep. Piep. PIEP. Mein Herz sprang mir fast aus der Brust. Ich setzte mich auf, als hätte mich die Mondgöttin selbst wachgeschlagen. Es war nicht mein Handy – ich hatte es vor dem Schlafengehen dreimal überprüft und wie ein normaler Mensch auf 7:45 Uhr gestellt. Dalton stöhnte auf der anderen Seite des Zimmers. „Derrick, verdammt noch mal – schalt es aus.“ Piep. Piep. Keine Reaktion. Ich ließ mich zurückfallen und zog mir ein Kissen über den Kopf. Nichts zu machen. Der Ton drang wie ein uraltes Folterinstrument durch Stoff, Knochen und Seele. 5:30 Uhr. Ich schaute zweimal auf die Uhr, um sicherzugehen, dass ich nicht halluzinierte. Was für ein Psychopath stellt den Wecker so früh, wenn der Unterricht erst um 8:30 Uhr beginnt? Ein Masochist? Ein Fitnessfanatiker? Ein Serienmörder? Ich riss die Decke von mir, marschierte quer durch den Raum und riss meine Vorhänge auf, als würde ich mich darauf vorbereiten, einem Schmetterling die Flügel auszureißen. „Derrick, schalt das verdammte Ding aus, bevor ich dir die Kehle aufreiße und sie dir dort hinstecke, wo die Sonne nicht scheint“, zischte ich. Keine Reaktion. Der Bastard schlief. Selig, tief und fest, völlig nackt. Wenigstens war sein Schwanz diesmal nicht zu sehen. Ein kleiner Sieg. Sein Rücken war massiv – wie ein gemeißelter Block aus wütendem Stein, tätowiert und gebräunt. Sein Gesicht war leicht zur Decke gewandt, sein Mund offen, Speichel sammelte sich in seinem Mundwinkel. Und er schnarchte. Laut. Ich stand da und war völlig fassungslos. „Sollte er nicht ein Alpha sein?“, murmelte ich. „Mit... geschärften Sinnen und so?“ „Anscheinend nicht, wenn er unter Drogen steht“, murmelte Dalton vom anderen Bett aus, seine Stimme dumpf durch das Kissen gedämpft. Ich blinzelte: „Was?“ „Ich habe gestern Abend vielleicht etwas in seine Wasserflasche getan. Es sollte ihn beruhigen, nicht in ein verdammtes Koma versetzen. Jetzt bereue ich es.“ Ich musste trotz allem lachen: „Was zum Teufel, Dalton?“ Er hob leicht den Kopf, sein Haar stand in alle Richtungen ab wie bei einem wütenden Stachelschwein. „Er ist ein Arschloch. Er hat es verdient.“ „Ja? Nun, ich schätze, Arschlochsein ist etwas, das ihr beide gemeinsam habt“, gab ich zurück und blickte zwischen ihnen hin und her. „Vielleicht fand die Göttin es lustig, uns alle zusammen in einem Raum unterzubringen.“ Er grinste: „Ich warte immer noch auf die Pointe.“ „Such sein Handy und schalte es aus, bevor meine Trommelfelle platzen“, fügte Dalton hinzu. „Unter ihm“, sagte ich und starrte mit einer Mischung aus Entsetzen und Resignation auf Derricks Körper. „Er liegt buchstäblich darauf.“ „Viel Glück“, murmelte Dalton und rollte sich auf die Seite. Ich seufzte. Laut. Und streckte die Hand aus, um Derrick ein wenig anzustoßen. Nichts. Ich stieß ihn fester an und versuchte, sein Gewicht zu verlagern. Immer noch nichts. Okay. Neuer Plan. Ich hockte mich neben seinen Kopf und machte kleine, nervige Geräusche in seinem Ohr. „Piep. Piep. Piep. Wach auf, Dornröschen. Komm schon, Derrick... “ Dalton stöhnte hinter mir. „Er hört nicht einmal den eigentlichen Wecker. Warum sollte er dann deine Flüstern hören?“ „Ist er taub?“, murmelte ich, bevor mein Gehirn meine Worte einholen konnte. „Unwahrscheinlich“, sagte Dalton. „aber ehrlich gesagt? Ich schließe es nicht mehr aus.“ Ich stöhnte und drückte erneut, diesmal fester, um ihn dazu zu bringen, sich umzudrehen. Sein Körper war wie ein Baumstamm gebaut – unmöglich zu bewegen und ebenso frustrierend. Er murmelte etwas Unverständliches und bewegte sich leicht, aber nicht genug. Das Telefon lag definitiv unter ihm. Und klingelte immer noch. Ich griff unter ihn, achtete darauf, nichts zu berühren, was mich mein Leben lang verfolgen würde, und versuchte, das Telefon zu ertasten. Gerade als ich mich wieder zu Dalton umdrehte, um ihn wütend anzustarren, bereit aufzugeben – wurde ich umgedreht. Wie eine verdammte Stoffpuppe. Mein Rücken schlug mit einem dumpfen Schlag auf die Matratze auf, und die Luft wurde aus meinen Lungen gedrückt. Plötzlich drückte sich ein großer, warmer, nackter Körper gegen meinen. Hände drückten meinen Kopf nach oben. Heißer Atem streifte meine Wange. Und Derrick – der grinste, als hätte er mich nicht gerade zu Tode erschreckt – starrte mich mit halb geschlossenen Augen und ohne jede Scham an. „Na, na“, sagte er gedehnt. „Willst du schon mit mir ins Bett, Kai? Ich wusste gar nicht, dass wir schon so weit in unserer Mitbewohner-Beziehung sind.“ Mein Gehirn machte einen Kurzschluss. Hitze explodierte in meinem Gesicht – zu gleichen Teilen Wut und Panik. „Du – absoluter – Arschloch!*“ Ich wand mich und versuchte, ihn von mir zu stoßen. „Lass mich los!“ Er lachte nur. Er lachte tatsächlich. „Der Wecker hat mich verrückt gemacht“, sagte er und bewegte sich immer noch nicht. „Danke für den Weckruf.“ „Du bist nicht aufgewacht, du halbtoter Gorilla!“ Er verlagerte sein Gewicht, und durch diese Bewegung drückte er seine Hüften so gegen meine, dass jede Zelle meines Körpers schrie. Ich unterdrückte mühsam den Drang, ihm einen Kopfstoß zu verpassen. „Im Ernst“, schnauzte ich ihn an. „Rutsch rüber.“ Seine Augen verengten sich leicht und musterten mein Gesicht. Etwas flackerte darin – Verwirrung? Interesse? Belustigung? Was auch immer es war, ich mochte es nicht. „Entspann dich“, sagte er und rollte sich endlich von mir herunter. „Du tust so, als wäre ich der Erste, der dich festhält.“ Ich setzte mich so schnell auf, dass sich die Welt drehte: „Du hast Glück, dass ich dir nicht die Augen ausgekratzt habe.“ Hinter uns brüllte Dalton vor Lachen. „Ich wette zehn Dollar, dass das nicht das letzte Mal ist, dass Kai unter Derrick landet.“ „Fickt euch beide“, zischte ich und stürmte zurück zu meinem Bett. Mein Herz raste immer noch. Meine Hände zitterten. Mein ganzer Körper brannte – zu heiß, zu exponiert, zu nah an der Gefahr. Ich zog den Vorhang zu und setzte mich mit dem Rücken gegen die Wand, um meine Atmung zu verlangsamen. Das war leichtsinnig gewesen. Unvorsichtig. Zu nah. Wenn er etwas bemerkt hätte – irgendetwas –, wäre ich erledigt gewesen. „Alles in Ordnung?“, hallte Summers Stimme in meinem Kopf wider. „Nein“, flüsterte ich. „Ganz und gar nicht.“ „Gib es doch zu“, neckte sie mich. „Es hat dir irgendwie gefallen.“ „Ich schwöre, ich werde dir einen Maulkorb verpassen.“ „Unhöflich.“ Ich blieb eine lange Minute hinter dem Vorhang und hörte, wie Derrick endlich seinen Wecker ausschaltete und etwas darüber murmelte, dass er zu spät zum Laufen käme. Dalton machte während des Anziehens ununterbrochen sarkastische Bemerkungen, und schließlich stapften die beiden zur Tür hinaus und hinterließen eine wohltuende Stille. Ich rührte mich nicht, bis ich sicher war, dass sie weg waren. Dann, und nur dann, spähte ich hinaus. Der Raum war leer. Ich atmete aus. Langsam. Ich lehnte meinen Kopf gegen den Bettpfosten zurück. Mein Herz hämmerte immer noch. Ein Fehler. Mehr würde es nicht brauchen. Ich atmete aus, schnappte mir meine Tasche und ging ins Badezimmer, um mich frisch zu machen, bevor der Rest des Tages wie ein Güterzug über mich hereinbrechen würde. Die Jungs würden bald zurück sein. Und ich musste bereit sein. Denn wenn dieser Morgen ein Anzeichen war... Dann würde ich viel mehr als nur frühe Wecker überstehen müssen.
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