Die Gala-a
Die Eisskulptur schmolz und nahm dabei die Form eines Fragezeichens an – und Elena Voss beschloss, das persönlich zu nehmen.
Sie stand am Rand des großen Ballsaals im Cole Regent, das Headset am Ohr und ein Tablet in der Hand, und beobachtete, wie fast zweihundert Kilogramm geschnitztes Eis langsam ihre Flügel einbüßten. Eigentlich sollte es ein Schwan sein. Vor vierzig Minuten war es noch ein Schwan gewesen. Jetzt sah es aus wie etwas, das auf halbem Weg zur Schwanwerdung aufgegeben hatte und sich damit begnügte, eine Pfütze mit Ambitionen zu sein.
„Sasha, sag mir Bescheid“, sagte Elena ins Headset, während sie sich an einer Gruppe von Servicekräften vorbeischlängelte, die Champagnertürme balancierten. „Wo bleibt der zweite Laster mit der Tischwäsche?“
Rauschen. Dann, eine Spur zu fröhlich: „Also – lustige Geschichte.“
„Ich mag keine lustigen Geschichten, wenn es nur noch vierzig Minuten bis zum Einlass sind.“
„Der Laster steckt fest. Nicht im Stau. Sondern so fest, dass der Fahrer hingeschmissen hat. Er sagt, er hätte eine Nachricht geschickt.“
Elena schloss die Augen für genau eine Sekunde. In den drei Jahren, in denen sie ihre eigene Eventfirma leitete, hatte sie gelernt, dass eine einzige Sekunde der Ruhe den Unterschied zwischen einer beherrschten Stimme und einer Stimme, die vor Anspannung brach, ausmachte. Diese Sekunde nutzte sie jetzt.
„Okay. Okay. Wir nehmen die Tische aus dem westlichen Ballsaal; sie haben zwar die falsche Farbe, sind aber eingedeckt. Hol sie rein. Um die Farbe kümmere ich mich später.“
„Verstanden.“
Sie öffnete die Augen. In weniger als einer Stunde würden zweihundertvierzig Gäste diesen Raum betreten – Gäste, die einen vierstelligen Betrag pro Gedeck für die pädiatrische Krebsforschung gezahlt hatten; Gäste, denen Tischwäsche oder Eisschwäne egal waren; Gäste, die aber definitiv bemerken würden, wenn der Abend aus den Fugen zu geraten schien, auch wenn sie nicht hätten sagen können, woran genau das lag. Im Grunde bestand genau darin ihre Aufgabe: sicherzustellen, dass vierhundert reiche Menschen sich niemals Gedanken darüber machen mussten, wie hart jemand anderes arbeitete, damit ihr Abend so mühelos wirkte.
Sie hatte sich diesen Job gewünscht, seit sie zweiundzwanzig war und beobachtet hatte, wie ihre Mutter nach einer Doppelschicht nach Hause kam – zu erschöpft, um sich die Schuhe auszuziehen, bevor sie auf dem Sofa einschlief. In jenem Jahr hatte Elena sich zwei Dinge geschworen: Sie würde niemals jemanden brauchen, der sie rettete, und sie würde etwas aufbauen, das ihren eigenen Namen trug. Auf der Firma stand ihr Name: Voss Events – kleine Druckbuchstaben auf einer Visitenkarte, bei deren Überreichung sie noch immer einen Anflug von Stolz verspürte. Drei Jahre alt. Zwölf Mitarbeiter. Und der größte Auftrag des Jahres, der gerade zu platzen drohte – wegen einer misslungenen Eisskulptur und eines Lkw-Fahrers, der es nicht für nötig gehalten hatte, anzurufen.
Sie war bereits auf dem Weg zur Laderampe, als Marcus, ihr Florist, sie am Arm festhielt.
„Wir haben ein größeres Problem als die Tischwäsche“, sagte er.
„Im Moment gibt es kein größeres Problem als die Tischwäsche, Marcus. Ich brauche dich jetzt so weit, dass du mich die nächste Stunde lang anlügst.“
„Die AV-Firma hat abgesagt. Also, wirklich abgesagt. Nicht nur verspätet. Abgesagt.“
Elena blieb stehen.
„Wie bitte?“
„Irgendwas von wegen Doppelbuchung. Wer auch immer bei ihrer Notfall-Hotline dranging, hat zweimal einfach bei Priya aufgelegt.“
Einen Moment lang schien der Lärm im Ballsaal – Hämmergeräusche, das tiefe Summen eines Staubsaugers irgendwo, lautes Lachen in der Nähe der Bar – in einer Art klingender Stille zu versinken. Kein AV-Team bedeutete kein Mikrofon für den Auktionator. Kein Mikrofon bedeutete keine Live-Auktion, und die Live-Auktion war mit Abstand die wichtigste Einnahmequelle des heutigen Abends. Das bedeutete: Es ging darum, ob diese Gala ein Erfolg würde oder der Grund dafür, dass die Cole Hospitality Group den Vertrag mit Voss Events im nächsten Jahr stillschweigend nicht verlängerte.
„Gib mir jede Nummer, die du hast“, sagte Elena. „Mir ist egal, ob es irgendein Typ mit einer Karaoke-Maschine ist. Ich brauche bis sieben Uhr Ton in diesem Raum.“
Sie wählte bereits eine Nummer, als eine Stimme hinter ihr – ruhig auf eine Weise, die sie am liebsten etwas werfen ließ – sagte: „Das wird nicht nötig sein.“
Elena drehte sich um.
Sie wusste, wer er war, noch bevor sie sein Gesicht richtig wahrgenommen hatte, denn jeder in diesem Raum hätte gewusst, wer er war – Damian Cole betrat Räume nicht einfach nur, er lenkte die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich, so wie eine Strömung das Wasser lenkt, ohne die Stimme erheben zu müssen. Er trug einen schwarzen Anzug, der so perfekt saß, dass er fast eine Meinung zur Schneiderkunst des restlichen Raums zu haben schien. Er hielt sein Handy in der Hand und nahm es gerade vom Ohr.
„Wie bitte?“, fragte Elena.
„AV. Das ist erledigt. Ich habe vor zwanzig Minuten unser hauseigenes Technikteam angerufen – eigentlich noch bevor dein Florist seinen Satz darüber beendet hatte; Macht der Gewohnheit, ich lausche in meinem eigenen Hotel gerne mal Gesprächen.“ Er sagte das ohne jede Spur von Entschuldigung. „Sie werden bis 18:40 Uhr alles aufgebaut haben.“ Elena spürte, wie ihr eine heiße Welle den Nacken hinaufstieg. Keine Dankbarkeit. Eher das Gegenteil.
„Ich habe dich nicht darum gebeten.“
„Nein“, stimmte er zu. „Hast du nicht.“
„Das ist meine Veranstaltung. Meine Kontakte zu den Dienstleistern, mein Notfallplan, mein Problem, das es zu lösen gilt.“
„Für die nächsten vierzig Minuten war es ein Problem. Jetzt nicht mehr.“ Er ließ den Blick an ihr vorbei zur Laderampe schweifen, wo zwei ihrer Mitarbeiter gerade unpassende Tischdecken über den Boden zerrten, als würden sie Schmuggelware transportieren. „Auch die Tischwäsche, wenn du willst. Ich kann drei Lieferwagen von anderen Standorten abziehen.“
„Ich will das nicht.“
Das weckte sein Interesse auf eine andere Weise – sein Blick ruhte nun voll und ganz auf ihr, und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass er sie tatsächlich ansah, anstatt nur ein Problem zu taxieren, das gelöst und abgehakt werden musste.