Chapter 1
Ashinas Sicht
Endlich war er da – mein Hochzeitstag. Heute erfüllten wir das Versprechen, das wir einst Nathans verstorbenem Großvater gegeben hatten, dem gütigen Alpha-König, dessen Rudel Nathan übernommen hatte. Auf dem Sterbebett hatte er uns beschworen, zu heiraten, weil er glaubte, wir seien mate – füreinander bestimmt – und gemeinsam stark genug, um das Rudel zu führen. Er war überzeugt, dass niemand Nathan so verstand wie ich.
Nathan, mein bester Freund, das einzige Kind seiner verstorbenen Eltern, war seit meiner Kindheit das Zentrum meiner Welt. Er war der Einzige, der mir geblieben war, und nie hatte er mir Grund gegeben, unsere Freundschaft zu bereuen.
Wir waren zusammen aufgewachsen, hatten unzählige Erinnerungen geteilt, dieselbe Schule besucht und sogar an derselben Universität studiert. Auch wenn er ein paar Jahre vor mir seinen Abschluss machte. Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag in der Schule, als ich von einigen Mädchen schikaniert wurde – Nathan stellte sich schützend vor mich und jagte sie fort. Von da an ließ er mich nicht mehr aus den Augen, passte immer auf mich auf. So wurden wir unzertrennliche Freunde. Er ist sieben Jahre älter als ich – ich war gerade einmal neunzehn, er sechsundzwanzig. Und doch standen wir nun hier, an der Schwelle zur Ehe. Der Gedanke daran ließ mein Herz gleichzeitig rasen und zur Ruhe kommen.
Ich holte tief Luft und betrachtete mein Spiegelbild im Hochzeitskleid. Trotz meiner Kurven fühlte ich mich wie eine Prinzessin. Viele nannten mich „dick“ – doch das kümmerte mich nicht. Das Kleid aus elfenbeinfarbener Seide schmiegte sich mit feiner Spitze an meine Figur. Das herzförmige Dekolleté betonte meine Schlüsselbeine, mein Haar fiel in sanften Locken über meinen Rücken, ein schlichter, eleganter Schleier verlängerte die Linie. In meinen Händen hielt ich einen Strauß weißer Rosen – ein Hauch von Zartheit in all der Aufregung.
Als die ersten Takte der romantischen Melodie erklangen, die meinen Einzug ankündigte, schloss ich für einen Moment die Augen, atmete tief durch und ließ die Nervosität von mir abfallen. So lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet, dass er mir beinahe unwirklich erschien. Dann setzte ich einen Fuß vor den anderen, mein Kleid rauschte sanft hinter mir her.
Der Mittelgang war gesäumt von vergoldeten Stühlen, geschmückt mit weißen Schleifen. Die Rudelmitglieder saßen festlich gekleidet, ihre Gesichter strahlten Freude. Ich ging allein – Waise, wie ich war, aufgewachsen im Heim. Dort, in der Schule, die das Heim für mich gewählt hatte, war ich Nathan begegnet.
Am Ende des Ganges traf mein Blick den seinen. Seine Augen – warm, voller Liebe – hielten mich fest. Mit jedem Schritt wurde ich sicherer, getragen von diesem Blick, von unserer gemeinsamen Geschichte.
Am Altar stand er, so gutaussehend in seinem Anzug, dass mir das Herz pochte. Wir tauschten Gelübde, Worte, die wir sorgfältig gewählt hatten, um unsere Liebe und unser Versprechen zu besiegeln. Ein Kuss, voller Leidenschaft, verschloss unsere Lippen – und das Rudel jubelte.
Doch in der Nacht, als Müdigkeit mich übermannte und ich im Ehebett einschlief, geschah etwas, das mir das Herz zerschmettern sollte. Um Mitternacht erwachte ich – und Nathan war fort. Als ich ihm nachging, sah ich ihn. Mit ihr. Seine Lippen auf den ihren. Sie trug ein kurzes, rosafarbenes Nachthemd, er nur Shorts, die breite Brust unbedeckt. Seine Hände glitten unter ihren Stoff, über ihre nackte Haut, während ihre Blicke sich ineinander verloren.
Mein Herz raste, jeder Schlag ein Schmerz. Ich war davon ausgegangen, dass er längst mit ihr Schluss gemacht hatte – zumindest bevor er mich heiratete. Seit Monaten hatte ich die beiden nicht mehr gesehen.
„Hey, Ashina“, erklang Ericas Stimme und ließ ihn herumfahren. Seine Augen fanden mich.
„Es ist spät, du solltest schlafen.“ Seine Stimme klang ruhig, fast sanft, als wäre nichts geschehen.
Er kam zu mir, nahm mein Handgelenk und führte mich zurück ins Zimmer. Dort setzte er sich auf das Bett, zog mich auf seinen Schoß, streichelte mein Haar.
„Schatz, diese Ehe… sie darf uns nicht aufhalten. Wir haben nur den Wunsch meines Großvaters erfüllt, den Willen des Rudels. Du bist erst neunzehn, dein Leben liegt noch vor dir. Ich will nicht, dass du deine Träume aufgibst, nur weil du nun meine Frau bist.“
Ich nickte, kämpfte gegen die Tränen. Ich musste stark bleiben.
„Du bist frei, dich auszuprobieren, zu lieben, wen du willst – aber nach außen…“ Er hielt inne, seine Augen bohrten sich in meine. „Nach außen bleiben wir das, was sie sehen wollen: Alpha und Luna. Ein Paar. Niemand darf die Wahrheit wissen.“
Ich lächelte schwach, gezwungen. In meinem Inneren schrie mein Herz. Ich liebte ihn, nicht nur um des Versprechens willen – ich liebte ihn wirklich. Doch er sah es nicht.
„Danke“, flüsterte ich, umarmte ihn. Er drückte mich sanft, küsste meine Stirn.
„Braves Mädchen.“ Dann, mit einem Zwinkern: „Du weißt, ich mag sie schlank.“
Ein Scherz, vielleicht – doch seine Worte schnitten tief.
Als er den Raum verließ, blieb ich zurück, das Herz schwer, voller Schmerz. Ich brauchte Betäubung. Nur Alkohol konnte den Sturm in mir dämpfen.
So schlich ich hinaus in die Nacht, die Tränen brannten in meinen Augen, während das Bild – Nathan, mein Ehemann, mein bester Freund – mit einer anderen, sich in mein Herz fraß. Der Club, den ich fand, war voller Licht, voller Musik. Ich trank, Glas um Glas, bis der Schmerz in mir dumpf wurde.
Und dann stand er vor mir – ein Fremder. Groß, schön, mit dunklem, zerzaustem Haar und Augen, so wild wie geheimnisvoll. Sein Hemd war oben geöffnet, Tätowierungen blitzten hervor. Seine Stimme war tief, rau, verführerisch.
„Hey, Schöne. Was kostet eine Nacht?“
Ich lachte bitter, vom Alkohol benebelt. „Hallo, Hübscher.“
Er beugte sich vor, sein Atem streifte meinen, ließ mich erschauern. „Gut. Ich wollte eigentlich nur trinken. Was sagst du?“
Sein Lächeln war gefährlich, sein Blick ein Sog. Ich hätte weglaufen sollen. Stattdessen nickte ich. „Warum nicht? Noch ein Drink.“
Am nächsten Morgen wachte ich nackt neben ihm auf. Blutflecken auf dem Laken. Panik griff nach mir. Hastig zog ich mich an, floh, noch bevor er erwachte.
Nathan wusste, dass ich Jungfrau gewesen war. Doch jetzt… hatte ich es verloren.