Kapitel 1: Der geruchlose Geist
Regen und Silberpolitur. So roch es heute bei Sterling Enterprises, und es ließ Sorens Kopf pochen.
Sie betrat die Chefetage drei Sekunden zu spät, und die Stille traf sie sofort. Zu sauber. Zu still.
„Drei Sekunden, Soren“, sagte Cassian, ohne sich umzudrehen.
Sie blickte nicht auf. Sie ging einfach hinein, das Tablet in der Hand, und zog ihren Wollblazer höher. Der Kragen saß eng an ihrem Hals. Darunter schnürte sich das silberverzierte Band in ihre Haut und hielt ihre Omega-Pheromone unter Verschluss. Für alle hier war sie ordentlich, effizient und vor allem geruchlos. Ein Geist im Anzug.
„Das Verkehrsnetz im Westbezirk wurde abgeriegelt“, sagte sie. Ihre Stimme klang flach. Einstudiert. Sie verbarg das Beben in ihrer Brust. „Die vierteljährlichen Akquisitionsunterlagen für die Fusion mit dem Vane-Syndikat liegen auf deinem Schreibtisch. Die Leute von Alpha Malakai wollen sie bis Mittag.“
Cassian warf keinen Blick auf die Papiere. Er stand am Fenster und blickte über die Stadt, als gehöre ihm das Wetter. In seinem maßgeschneiderten Anzug sah er aus wie das Geld selbst. Er war der Chef des Valerius-Syndikats, ein Milliardär, der Territorium kaufte, wie andere Leute Aktien kauften, und der die Politik der Übernatürlichen wie ein Schachspiel behandelte, das er bereits gewann.
„Sollen sie es doch wollen“, sagte er. Dann drehte er sich um.
Sein Blick traf den ihren. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzten seine Augen golden auf. Sorens Instinkte schrien sie an, den Blick abzuwenden, sich zu verneigen. Sie tat es nicht. Sie hatte Jahre damit verbracht, ihren Körper darauf zu trainieren, genau das nicht zu tun.
Cassians Kiefer spannte sich an. Er entfernte sich vom Fenster, langsam und bedächtig, so wie sich ein Raubtier bewegt, wenn es will, dass man es bemerkt. Sorens Wolf sträubte sich unter ihrer Haut und rang nach Luft.
„Sie tragen nicht das Parfüm, das ich dem Personal vorgeschrieben habe.“
„Ich bin allergisch gegen synthetischen Moschus, Sir“, log Soren und schenkte ihm das höfliche, professionelle Lächeln, das sie für Besprechungen parat hielt. „Ohne Duft kann ich mich im Sitzungssaal besser konzentrieren.“
„Das ist unnatürlich.“ Seine Stimme senkte sich so tief, dass sie es in ihren Rippen spürte. Er trat näher und drang in ihren persönlichen Raum ein. „Jeder in diesem Gebäude hat einen Duft. Du riechst nach nichts. Wie eine Statue. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du versuchst, mich herauszufordern.“
„Ich respektiere Ihre Autorität, Mr. Sterling.“ Ihr Tonfall blieb kühl. „Angst hilft weder bei Terminplänen noch bei Fusionen. Ich gehe davon aus, dass Sie mich für meine Kompetenz bezahlen, nicht für Angst.“
Er beobachtete, wie sie durch den Raum ging. Sie konnte es spüren. Seit Monaten schon beobachtete er sie, als wäre sie ein Problem, das er nicht lösen konnte. Sie bewältigte Krisen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie stellte sich bei Übernahmen zwischen streitende Alphas. Und ihm gegenüber zeigte sie keinerlei Reaktion. Kein Geruch. Keine Angst. Überhaupt keine Reaktion. Das begann ihn zu ärgern.
„Du bist heute Abend für die VIP-Sicherheit bei der Sovereign-Gala zuständig“, sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der Raum schien kleiner zu sein, wenn er darin war.
„Steht schon im Plan“, sagte Soren und tippte weiter. „Die Gästeliste ist überprüft.“
In ihrem Inneren zog sich ihr Magen zusammen. Das Band um ihren Hals wurde durch seine Nähe immer heißer. Schweißperlen bildeten sich an ihrer Schläfe. Wenn er herausfände, was sie war, würde er sie nicht entlassen. Er würde sie einsperren. Sie versteckte sich mitten in seinem Imperium, und jeden Tag fiel es ihr schwerer zu atmen.
Drei Jahre lang ging das so. Drei Jahre lang musste sie zusehen, wie er immer mächtiger wurde, und sich selbst zurücknehmen, um in seinem Schatten zu überleben. Er behandelte Menschen wie Werkzeuge und Omegas wie Druckmittel. Sie hasste alles, wofür er stand. Und sie musste neben ihm stehen und so tun, als wäre sie ein Niemand.
„Manchmal siehst du mich so an, als würdest du mich verurteilen“, sagte Cassian. Er kam um den Schreibtisch herum. Seine Schritte waren geräuschlos. „Du bist meine Assistentin. Versteh das nicht als Nachsicht. In meiner Welt wird Schwäche ausgemerzt. Wenn du heute Abend nicht damit klarkommst, sag es jetzt.“
„Ich weiß, wie deine Welt funktioniert, Mr. Sterling.“ Sie sah ihm in die Augen. „Deshalb zeige ich keine Schwäche. Du wirst deine Gala bekommen.“
Einen Moment lang rührte sich keiner von beiden. Er suchte nach einer Schwachstelle. Sie gab ihm nichts.
Der Aufzug piepste. Die Türen öffneten sich und Vance stolperte heraus, der Leiter der externen Sicherheit, schwer atmend und mit Narben vom Ohr bis zum Kiefer. Er ignorierte Soren völlig.
„Alpha“, sagte Vance. „Wir haben einen Einbruch am Hafen. Der Konvoi mit den Sicherheitsmitteln für die Gala wurde angegriffen.“
Der Milliardär verschwand. An seiner Stelle stand der Alpha von Valerius.
„Wer?“, fragte Cassian. „Malakais Schurken?“
„Wir wissen es nicht“, sagte Vance. „Sie haben die Fracht nicht mitgenommen. Sie haben sie ausgetauscht. Die Kanister im Ballsaal des Penthouse sind keine Dämpfer.“
Sorens Finger erstarrten auf ihrem Tablet.
„Was meinst du mit ‚ausgetauscht‘?“, fragte Cassian mit gefährlich leiser Stimme. Gold schimmerte in seinen Augen.
„Die Atmosphärenabteilung hat eine Diagnose durchgeführt“, sagte Vance und schluckte. „Jemand hat ein konzentriertes Aerosol aus raffiniertem flüssigem Silber direkt in die Hauptlüftungsschächte geleitet. Der Ballsaal ist abgeriegelt. Die Cocktailstunde hat vor fünf Minuten begonnen.“
Die Luft entwich aus Sorens Lungen. Das Band um ihren Hals pulsierte und reagierte auf das Gift, das sich bereits durch das Gebäude ausbreitete. Flüssiges Silberaerosol verbrannte Werwölfe nicht nur. Es riss ihnen ihre Tarnung weg. Es zwang ihre Gestalt und ihren Geruch ans Licht.
Bevor Cassian etwas sagen konnte, schlossen sich die Türen der Chefetage mit einem leisen Klicken. Biologische Notfallisolierung. Sie saßen in der Falle.
Ein Zischen drang aus den Lüftungsschlitzen an der Decke. Ein schwacher metallischer Schimmer begann herabzudriften.
„Soren, geh hinter den Schreibtisch“, bellte Cassian. Seine Krallen glitten hervor, als er sich auf die Lüftungssteuerung stürzte und sich zwischen sie und die Decke stellte. „Vance, zerschlag die Scheibe. Entlüfte die Etage.“
Soren konnte sich nicht bewegen. Konnte nicht atmen.
Der süße, unheimliche Geruch von Silber stieg ihr in die Nase. Er berührte das Band an ihrem Hals. Das Leder riss. Die in ihre Haut eingebetteten Silberfäden flammten blau auf und begannen zu brennen.
Hitze durchfuhr sie. Ihre Knie gaben nach. Das Tablet fiel auf den Boden.
„Soren?“, fragte Cassian und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen um. Er streckte die Hand nach ihr aus. „Was ist los? Silber sollte auf einen Menschen keine Wirkung haben.“
Er hielt inne.
Das Band riss und schlug mit einem dumpfen Schlag auf den Boden.
Und dann veränderte sich der Raum.
Die leere Luft in der Suite im siebzigsten Stock füllte sich auf einen Schlag. Winterlilien. Frische Luft. Und darunter etwas Altes und Mächtiges, das wie eine Welle gegen die Wände schlug. Ein Duft, der seit über hundert Jahren nicht mehr in der übernatürlichen Welt zu finden gewesen war. Der Duft eines wahren Souveränen Omegas.
Cassian sank mit einem leisen, gebrochenen Laut auf ein Knie. Sein Wolf drängte nach vorne und übertönte alles Vernünftige. Er starrte sie an, die goldenen Augen vor Schock weit aufgerissen.
Soren drückte sich gegen das Glas. Ihr Blazer rutschte von ihren Schultern. Ihre Brille glitt herunter und fiel zu Boden, wodurch Augen zum Vorschein kamen, die silbern leuchteten.
Cassian sah seine Assistentin an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.
„Was“, flüsterte er. „Was bist du, Soren?“