Mein größter Fehler - Chapter 3

1331 Words
Ashlyn mochte, wie er stand. Gerader Rücken. Schultern zurück. Als würde der Raum Platz für ihn machen, noch bevor er sprach. Wenn er sie ansah, fühlte es sich an, als wäre sie ausgewählt worden. „Dir ist schon klar, dass die Leute starren, wenn wir reinkommen“, murmelte Grant, seine Finger strichen über ihren unteren Rücken, als sie das Restaurant betraten. „Sie starren dich an“, sagte sie. „Sie starren, weil du mit mir hier bist.“ Er sagte es wie ein Versprechen. Sie mochte das mehr, als sie zugeben wollte. Neben ihm zu stehen fühlte sich an wie Aufstieg. Als würde sie allein durch seine Nähe aufgewertet. Grant Holloway sprach über Disziplin, wie andere Jungs über Träume sprachen. Routine. Opfer. Ehre. Einsatz. „Vielleicht ziehen sie das Datum vor“, sagte er eines Abends, an ihre Kommode gelehnt, als gehöre er dorthin. „Kann in ein paar Wochen sein.“ „So bald?“ „Dafür habe ich unterschrieben.“ Er trug es wie etwas Heiliges. Als würde Dringlichkeit ihn edel machen. „Ich will nicht, dass du gehst“, gab sie zu. „Dann mach es nicht schwerer, als es sein muss.“ Schwerer. Als wäre sie das Hindernis. Später begann er, Zeit laut zu messen. „Ich habe nicht viel davon“, sagte er. „Das verstehst du, oder?“ „Ich weiß.“ „Tust du das?“ Ihr Kopf suchte nach der richtigen Antwort. Der korrekten. Der, die ihn nicht enttäuschen würde. Sie mochte klare Linien. Mochte es, zu wissen, wo Dinge hingehören. Das hier fühlte sich uneben an. „Entweder du vertraust mir oder nicht“, sagte er. „Ich vertraue dir.“ „Warum ziehst du dich dann immer zurück?“ „Tue ich nicht.“ „Du erstarrst“, er trat näher. „Als wäre ich irgendein Fremder.“ Sie erstarrte nicht. Sie dachte nach. „Ich brauche einfach Zeit.“ „Ich nicht.“ Zwei Worte. Flach. Endgültig. „Ich gehe bald für etwas, das größer ist als wir beide“, sagte er. „Und du sorgst dich darum, bereit zu sein?“ Bereit klang kindisch in seinem Mund. Klein. „Ich will dich nicht verletzen“, fügte er hinzu. „Aber du kannst nicht ständig zurückhalten.“ Zurückhalten. Als wäre Vorsicht egoistisch. „Du vertraust mir“, sagte er wieder. Keine Frage. Ashlyn nickte. Weil Widerspruch dramatisch wirkte. Weil Zweifel sich wie Verrat anfühlte. Weil sie nicht der Grund sein wollte, dass etwas endete. Später klickte der Deckenventilator über ihnen. Langsam. Wiederholend. Mechanisch. Sie starrte auf einen Riss in der Farbe und folgte ihm mit den Augen, weil das leichter war, als dem zu folgen, was sie fühlte. Grant rollte sich zuerst weg. „Siehst du?“, sagte er leicht. „War doch nicht so schwer.“ Ihr Hals brannte. „Ich war nicht bereit.“ „Doch, warst du. Du denkst nur immer zu viel.“ Zu viel denken. Als wäre Zögern ein Defekt. Er küsste ihre Stirn. „Mach es nicht komisch.“ Komisch. Wenn es sich falsch anfühlte, war sie falsch. An der Tür blieb er stehen. „Du gehörst zu mir, okay?“ Beschützend. Besitzergreifend. Dargestellt wie Synonyme. Sie nickte. Nachdem er gegangen war, strich sie die Decke glatt. Zog die Ecken straff. Richtete alles aus, bis es unberührt aussah. Eins. Zwei. Drei. Vier. Wenn sie es gewählt hatte, dann war es ihr nicht passiert. Am nächsten Nachmittag vibrierte ihr Handy. Gruppenchat-Anfrage. Toby hat dich hinzugefügt. Sydney hat dich hinzugefügt. Ashlyn runzelte die Stirn. Gesichter vom Camp. Keine Freunde. Ashlyn: Was ist das? Toby: Dreh nicht durch. Sydney: Du musst etwas sehen. Ein Screenshot erschien. Grants Name oben. Anderer Kontakt. Derselbe Ton. Ein weiterer Screenshot. Dieselben Sätze. „Ich mache nichts Lockeres.“ „Du bist anders.“ „So habe ich noch nie gefühlt.“ Ihr Magen sackte ab. Ashlyn: Das ist nicht lustig. Toby: Ist kein Witz. Schau auf die Daten. Sie tat es. Wochen überschnitten sich. Ausreden recycelt. Nächte, in denen er sagte, er sei beschäftigt. Ashlyn: Wer ist sie? Sydney: Sie heißt Lila. Toby: Sie war auch im Camp. Ashlyn: Wie alt? Eine Pause. Sydney: Vierzehn. Die Zahl registrierte sich nicht sofort. Vierzehn. Ashlyn: Das ist nicht möglich. Toby: Doch. Sydney: Er schreibt seit Monaten mit ihr. Ashlyn schluckte. Ashlyn: Habt ihr ihren Eltern Bescheid gesagt? Toby: Sie glaubt uns nicht. Sydney: Sie denkt, wir lügen. Ashlyn starrte auf den Bildschirm. Ashlyn: Fügt mich dem Anruf hinzu. Das Telefon klingelte. Einmal. Zweimal. Eine leise Stimme meldete sich. „Hallo?“ „Lila“, sagte Toby sanft. „Hier ist Toby. Sydney ist da. Ashlyn auch.“ „Ich habe euch gesagt, ich mache das nicht“, fuhr das Mädchen auf. Ashlyn hielt ihre Stimme ruhig. „Lila, ich bin nicht hier, um dich anzugreifen. Ich bin hier, weil Grant mit mir zusammen war.“ Stille. Dann ein brüchiges Lachen. „Er hat gesagt, du bist verrückt“, sagte Lila. „Er meinte, du bist besessen.“ Das Wort traf sauber. „Das hat er über Sydney auch gesagt“, erwiderte Ashlyn. „Das stimmt nicht. Du bist nur eifersüchtig.“ Eifersüchtig. Sauberer als manipuliert. „Schau dir die Screenshots an“, sagte Sydney leise. „Screenshots interessieren mich nicht“, schoss Lila zurück. „Man kann alles fälschen.“ Ashlyn schloss die Augen. „Wie alt bist du?“, fragte sie. „Du weißt, wie alt ich bin.“ „Sag es.“ Eine Pause. „Vierzehn.“ Die Zahl fiel schwer. „Er hat mir gesagt, du bist neunzehn“, fügte Lila schnell hinzu. „Er meinte, du hättest ihn unter Druck gesetzt.“ Etwas in Ashlyn wurde still. „Er hat mir gesagt, du bist achtzehn“, sagte sie. „Er meinte, du wärst reif.“ Stille. „Er würde mich nicht anlügen“, flüsterte Lila. Da war es. Die Verteidigung. „Lila“, sagte Ashlyn sanft, „das habe ich auch gedacht.“ „Du verstehst das nicht. Er liebt mich.“ Das Wort klang geliehen. „Wenn er dich liebt“, fragte Ashlyn vorsichtig, „warum sagt er dir dann, du sollst es geheim halten?“ Stille. „Er meinte, die Leute würden es nicht verstehen.“ „Das hat er mir auch gesagt“, erwiderte Ashlyn. „Als ich Fragen gestellt habe.“ Nichts. „Sag es deiner Mutter“, drängte Sydney. „Nein“, schnappte Lila. Angst schärfte ihre Stimme. „Ihr wollt das kaputtmachen.“ „Wir wollen ihn stoppen“, sagte Toby. „Ihr könnt ihn nicht stoppen.“ Da war Stolz darin. Geliehener Stolz. Ashlyn spürte das Gewicht davon. Die Art, wie er sich ins Zentrum stellte. Wie Zweifel zu Verrat wurde. „Lila“, sagte sie ein letztes Mal, „das ist nicht deine Schuld.“ Die Leitung brach ab. Ashlyn starrte auf ihr Handy. Sydney: Sie hat aufgelegt. Toby: Sie hat mich blockiert. Ashlyn: Sie glaubt uns nicht. Sydney: Ich weiß. Toby: Er war zuerst bei ihr. Ashlyn legte das Telefon langsam ab. Keine Sirenen. Kein Zusammenbruch. Nur ein vierzehnjähriges Mädchen, das den Mann verteidigte, der ihr wehtat. Ihr Handy vibrierte erneut. Grant: Du musst aufhören, mit Leuten zu reden. Grant: Sie verdrehen alles. Grant: Du kennst mich. Sie kannte ihn. Wusste, wie er stand. Wie er sprach. Wie Dringlichkeit wie Hingabe klang. Irgendwo in der Stadt starrte ein vierzehnjähriges Mädchen auf ihr eigenes Handy und redete sich ein, dass Geheimhaltung Liebe bedeutete. Ashlyn atmete ein. Eins. Zwei. Drei. Vier. Er war nicht edel gewesen. Er war strategisch gewesen. Ashlyn nahm ihr Handy wieder in die Hand. Ashlyn: Wir behalten die Screenshots. Ashlyn: Wir versuchen es weiter. Denn Wahrheit verschwindet nicht, nur weil jemand sich weigert, sie zu sehen. Und zum ersten Mal fühlte Ashlyn sich nicht ausgewählt. Sie fühlte sich wach.
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