Zweite Eindrücke - Chapter 4

1247 Words
Ashlyn wäre beinahe nicht gegangen. Sie stand länger vor dem Spiegel, als nötig gewesen wäre, zupfte an den Ärmeln ihres Hoodies, bis sie gleichmäßig saßen. Zog den Saum zurecht. Richtete ihn. Richtete ihn noch einmal. Eins. Zwei. Drei. Sie schnappte sich ihr Handy und ging, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Der Skatepark lag hinter dem Gemeindezentrum, der Beton an manchen Stellen glattgeschliffen, an anderen abgesplittert. Ein paar Jugendliche waren schon da. Musik irgendwo. Gelächter irgendwo anders. Toby stand am Rail, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet. Als er sie sah, hellte sich sein Gesicht auf, und in ihrem Magen machte sich dieses kleine, unpraktische Gefühl breit. „Du bist gekommen“, sagte er. „Du hast mir elfmal geschrieben.“ „Es waren neun.“ „Es waren elf.“ Toby grinste. „Okay, gut. Aber ich habe versprochen, dich zu beeindrucken.“ Ashlyn hob eine Augenbraue. „Womit?“ „Mit Größe.“ Sie verschränkte die Arme. „Das will ich sehen.“ Toby ließ sein Board fallen und rollte es einmal vor und zurück, als würde er sich für etwas Ernstes aufwärmen. „Hast du schon mal einen sauberen Boardslide gesehen?“, fragte er, während er sich abstieß, erst geschmeidig, selbstbewusst. Mitten im Rollen sah er zu ihr, als bräuchte er die Bestätigung, dass sie zusah. „Ich habe gesehen, wie du über Luft gestolpert bist“, rief sie. „So gut bist du nicht.“ „Unverschämt. Das war Windeinfluss.“ „Ich schaue“, sagte sie trocken. „Zeig’s mir.“ Er sprang aufs Rail. Für eine halbe Sekunde sah es gut aus. Dann rutschte das Board weg. Toby nicht. Er schlug so hart auf dem Beton auf, dass es scharf und hallend klatschte. Das Geräusch ließ ihre Brust verkrampfen. Ashlyn bewegte sich, bevor sie darüber nachdachte. „Toby—“ „Mir geht’s gut“, stöhnte er und versuchte, sich hochzudrücken, bevor er scharf die Luft einsog. Sein rechtes Handgelenk blieb steif. Ashlyn kniete sich neben ihn. „Dir geht’s nicht gut.“ „Ich bin… größtenteils okay.“ „Du kannst dein Handgelenk nicht bewegen.“ „Kann ich doch.“ Er wackelte schwach mit den Fingern. „Siehst du? Beweglichkeit.“ „Das sind nicht dein Handgelenk.“ Er sah es an, als hätte es ihn verraten. „Okay. Kleiner Rückschlag.“ Ashlyn half ihm, sich aufzusetzen. „Warum würdest du das versuchen?“ Toby blinzelte überrascht. Dann zuckte er mit den Schultern. „Du hast zugeschaut.“ Die Schlichtheit davon löste etwas in ihr. Er sagte es nicht, als würde sie ihm etwas schulden. Er sagte es einfach. „Du bist ein Idiot“, sagte sie und stieß ihn leicht an. „Zertifiziert.“ Er versuchte aufzustehen und verzog das Gesicht so deutlich, dass sie seinen Arm packte. „Hör auf. Du machst es nur schlimmer.“ Toby sah auf ihre Hand an seinem Ärmel. Dann nickte er. „Okay.“ Einfach okay. Kein Diskutieren. Kein Vortäuschen. „Mein Haus ist in der Nähe“, sagte sie. „Meine Mom hat Eis. Bandagen. Zeug.“ Er zögerte. „Deine Mom?“ „Sie beißt nicht.“ „Darüber mache ich mir keine Sorgen“, murmelte er. Ashlyn verdrehte die Augen und half ihm hoch. Er lehnte sich an sie, ohne es dramatisch zu machen. Es fühlte sich… normal an. — Das Haus sah aus wie immer. Kleine Veranda. Verblasste Stufen. Vertraute Fenster. Ashlyn spannte sich an, bevor sie die Tür öffnete. Ihre Mom blickte aus der Küche auf, als sie eintraten. „Ash—“ Dann sah sie Toby. „Toby Rivera?“, sagte ihre Mom und blinzelte. Toby erstarrte. „Äh. Ja, Ma’am?“ Ashlyn sah zwischen ihnen hin und her. „Du kennst ihn?“ Ihre Mom lachte leise. „Camp. Das hättest du gemerkt, wenn du nicht die ganze Woche in deinem Hoodie verschwunden wärst.“ Ihre Stimme zitterte leicht, aber sie lächelte. „Ich freue mich, dass du Freunde findest. Fühl dich wie zu Hause.“ Toby grüßte höflich und fragte sofort, ob es Snacks gäbe. Ashlyn starrte ihn an. Erinnerungen verschoben sich. Ihre Mom trat näher und hob sanft sein Kinn an. „Deine Haare wachsen nach.“ Ihr Blick fiel auf sein Handgelenk. „Was ist passiert?“ „Skateboard. Schwerkraft. Ich habe verloren.“ Sie seufzte. „Setz dich.“ Ashlyn führte ihn zum Sofa. Er ließ sich vorsichtig nieder und versuchte nicht zu zeigen, wie sehr es wehtat. Ashlyn holte den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Flurschrank. Sie hatte immer gewusst, wo er war. Kontrolle war leichter, wenn man wusste, wo Dinge hingehörten. Sie setzte sich neben ihn und nahm vorsichtig sein Handgelenk. „Sag mir, wenn es weh tut.“ „Es tut schon weh“, gab er zu. „Aber okay.“ Sie wickelte Eis in ein Handtuch und drückte es auf die Schwellung. Toby sog die Luft ein. „Okay. Das ist kalt.“ „Das ist der Sinn.“ Ihre Mom blieb in der Nähe. „Alles gut, Baby?“, fragte sie leise. Ashlyn versteifte sich. Die Frage ging nicht um das Handgelenk. Sie nickte. „Ja.“ Ihre Mom hielt ihren Blick einen Moment länger als sonst, dann nickte sie ebenfalls. „Der Tee ist im Schrank“, sagte sie leise und ging zurück in die Küche. Die Luft veränderte sich. Toby bewegte seine Finger und verzog das Gesicht. „Also, ich hab den Trick fast gestanden.“ Ashlyn schnaubte. „Du hast Beton gegessen.“ „Strategisch.“ „Du bist gefallen.“ „Für die Kunst.“ Sie lachte, bevor sie es stoppen konnte. Toby sah zufrieden aus, als wäre genau das das Ziel gewesen. Ashlyn zog die Bandage präzise und gleichmäßig fest. Ihr Kopf wollte zurückwandern. Zu der anderen Stimme. Den anderen Händen. Den anderen Worten. Du gehörst mir. Sie drückte den Gedanken weg. Ich habe mich jemandem gegeben, der es nicht verdient hat. Der Satz kam trotzdem. Toby beobachtete ihre Hände. „Du bist echt gut darin.“ „Worin?“ „Dinge zu reparieren.“ Ihr Hals zog sich zusammen. „Nicht alles.“ Er hakte nicht nach. Nickte nur. „Okay.“ Einfach okay. Kein Bohren. Ashlyn beendete das Tape und lehnte sich zurück. „Skate ein paar Tage nicht.“ Er salutierte mit der gesunden Hand. „Jawohl, Ma’am.“ Sie verdrehte die Augen. Toby ließ den Blick durch das Haus wandern. Ashlyn folgte ihm. Die Stille fühlte sich nicht scharf an. Ihre Mom summte leise in der Küche. Das war lange nicht passiert. „Hunger?“, rief ihre Mom. Toby blinzelte. „Immer. Ich sage nie Nein zu kostenlosem Essen.“ Ihre Mom lachte. „Gute Antwort.“ Ashlyn sah zu, wie er vorsichtig aufstand. Er posierte nicht. Beschwerte sich nicht. Gab ihr nicht das Gefühl, klein zu sein, weil sie ihm half. Er war einfach da. Anwesend. Als würde er dazugehören. Ashlyn lehnte sich zurück gegen das Sofa und erlaubte sich zu atmen. Das Bedauern war noch da. Die Erinnerung lebte noch unter ihrer Haut. Aber hier zu sitzen – ihre Mom, die ihn in der Küche aufzog, Toby, der darüber diskutierte, dass er es „fast geschafft“ hatte – verschob etwas das Gewicht. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Ausgewähltsein nicht wie etwas an, das sie überleben musste. Es fühlte sich an wie etwas, das sie selbst entscheiden konnte.
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