Impulsives Verhalten - Chapter 17

1226 Words
Der Anruf begann ganz normal. Genau das war das Problem. Ashlyn saß auf der Kante ihres Bettes, das Handy ans Ohr gedrückt, und beobachtete den Schatten des Deckenventilators, der langsam über die Wand wanderte. Das Haus war in jene seltsame Stille gefallen, die entsteht, wenn alle beschließen so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Unten schloss sich ein Küchenschrank. Dann noch einer. Ihre Mutter bewegte sich durch die Küche, als könnte etwas Lärm verhindern, dass sich die Stille zu tief festsetzte. „Bist du noch auf der Arbeit?“, fragte sie. Toby sagte, er sei gerade in der Pause. Das dumpfe Klirren von Metall hallte durch die Leitung und bis in ihr Schlafzimmer. Ashlyn strich mit dem Daumen über die Kante ihres Handys und sagte, er klinge müde. Die Stille danach dauerte einen Moment zu lang, bevor sie hinzufügte, dass er heute nicht geschrieben habe. Toby erinnerte sie daran, dass er ihr heute Morgen geschrieben hatte. „Das war um sechs“, sagte sie. „Ich war arbeiten.“ Ashlyn blinzelte schnell, um ihr frisch geschminktes Gesicht nicht zu ruinieren. „Ich weiß. Ich… kann einfach nicht aufhören, dich zu vermissen. Ich brauche dich hier bei mir.“ Sie lehnte sich gegen die Wand und starrte zum Ventilator hinauf, dessen Flügel sich langsam drehten. „Ich hasse das.“ „Baby, ich kann meinen Job nicht einfach kündigen und zu dir ziehen.“ „Warum nicht?“ Ashlyn stieß sich vom Bett ab und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. „Du bist ohne nachzudenken aus dem Haus deiner Eltern ausgezogen und hast mich hier zurückgelassen.“ Die Entfernung zwischen ihnen hing plötzlich im Gespräch wie eine dritte Person. „Du schreibst mir drei Nachrichten am Tag“, sagte sie. „Das reicht nicht.“ „Ich arbeite zwölf Stunden am Stück“, antwortete Toby. „Warum bist du so wütend?“ „Ich bin nicht wütend.“ „Du klingst aber so.“ Ashlyn presste eine Hand gegen ihre Stirn. „Warum machst du das immer?“ „Was denn?“ „Alles so drehen, als würde ich dich angreifen.“ „Das tue ich nicht.“ „Doch, genau das hast du gerade getan.“ Am anderen Ende der Leitung rieb Toby sich das Gesicht und sagte, er sei einfach nur müde. Ashlyn fuhr ihn an, dass sie ihn nicht gebeten habe, müde zu sein. Sofort erwiderte er, dass er das nicht so gemeint habe. Ashlyn ging weiter im Zimmer auf und ab. „Was hast du dann gemeint?“ Einen Moment lang antwortete Toby nicht. Im Hintergrund hörte sie wieder die Fabrik—Metall, das irgendwo schabte, das Piepen von Gabelstaplern. „Ich verschwinde nicht“, sagte Toby schließlich. „Ich weiß, dass du arbeitest“, sagte sie leise. „Aber manchmal fühlt es sich so an.“ „Ich bin umgezogen, um Geld zu verdienen.“ „Ich weiß.“ „Du sagst das immer und dann sagst du wieder so etwas.“ Ashlyn schloss die Augen. „Ich vermisse dich einfach verdammt noch mal.“ Die Wahrheit löste etwas in ihrer Brust. Sie ließ sich wieder aufs Bett sinken. „Das Haus fühlt sich anders an“, sagte sie leise. „Mara ist weg. Meine Mom stellt ständig Fragen. Und du bist einfach… nicht hier.“ Toby schwieg mehrere Sekunden. Dann fragte er: „Willst du, dass ich kündige?“ Ashlyn blinzelte. „Was?“ „Willst du, dass ich kündige?“ „Natürlich nicht.“ „Was willst du dann, dass ich tue?“ Ashlyn drückte ihre Hand gegen die Stirn. „Ich weiß es nicht.“ „Es fühlt sich an, als würdest du wollen, dass ich etwas repariere, das ich nicht reparieren kann.“ „Ich verlange nicht, dass du etwas reparierst.“ „Was machen wir dann hier?“ „Ich sage dir nur, wie es sich anfühlt. Allein in diesem Haus.“ Toby atmete langsam aus. „Es fühlt sich an, als würde ich dich enttäuschen.“ Ashlyn schüttelte sofort den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt.“ „Musstest du auch nicht.“ Ashlyn schloss die Augen. „Warum machst du das größer, als es ist?“ „Weil es das schon ist.“ „Ich habe nur gesagt, dass ich dich vermisse.“ „Und ich habe gesagt, dass ich arbeite.“ Das Gespräch begann sich wieder im Kreis zu drehen, bis die Worte ihr einfach herausrutschten. „Vielleicht war das ein Fehler.“ Die Stille danach drückte gegen die Wände. „Was soll das heißen?“, fragte Toby schließlich. Ashlyn bereute es sofort. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist die Entfernung einfach zu viel.“ „Zu viel für wen?“ „Für uns.“ Etwas veränderte sich am anderen Ende der Leitung. „Warte kurz“, sagte Toby. Sie runzelte die Stirn. „Was?“ „Warte einfach.“ „Toby—“ Die Verbindung brach ab. Ashlyn starrte auf ihr Handy, während sich der Ventilator weiter langsam über ihr drehte. Dreißig Sekunden vergingen. Dann leuchtete der Bildschirm wieder auf. || TOBY ;) || Sie nahm sofort ab. „Was machst du?“ Sein Atem klang anders. „Ich habe gekündigt.“ Ashlyn erstarrte. „Du was?“ „Ich habe gerade meinen Job gekündigt.“ Einen Moment lang dachte sie, sie hätte sich verhört. Toby erklärte ruhig, dass er einfach wieder hineingegangen sei und gesagt habe, dass er aufhöre. „Toby, das kannst du doch nicht einfach machen.“ „Hab ich aber.“ Ashlyn fuhr sich durch die Haare, Panik stieg in ihr auf. Kein Job. Keine Wohnung. Dann sagte Toby ruhig: „Ich komme nach Indiana.“ Die Worte trafen sie wie ein Schlag. „Was?“ „Ich komme zu dir.“ „Du kannst nicht einfach hierherziehen.“ „Ich finde schon etwas.“ Ashlyn presste sich die Hand auf den Mund. „Das ist verrückt.“ „Ist mir egal.“ „Toby…“ „Ich fahre heute Nacht los.“ Sie starrte auf die Wand, als könnte sie erklären, was hier gerade passierte. „Du bist verrückt.“ „Wahrscheinlich.“ Seine Stimme wurde leiser. „Aber ich wäre lieber verrückt bei dir als hier unglücklich.“ Ashlyn wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Schließlich flüsterte sie: „Du kannst nicht einfach bei mir auftauchen.“ „Warte ab.“ „Ich bin in zwölf Stunden da.“ Die Leitung wurde still. --- Das Auto rollte kurz nach Sonnenaufgang in die Einfahrt der Harpers. Ashlyn hatte kaum geschlafen. Das Auto ihrer Mutter stand bereits draußen und das Licht auf der Veranda brannte noch schwach im grauen Morgen. Als der Motor verstummte, fühlte sich die Stille riesig an. Einen Moment lang bewegte sich keiner von ihnen. Dann stieg Toby aus. Ashlyn öffnete langsam die Haustür. Er sah erschöpft aus—derselbe Hoodie, derselbe kurz rasierte Kopf, derselbe sture Ausdruck. „Du hast es wirklich getan“, sagte sie. „Ja.“ Hinter ihr trat ihre Mutter in den Flur. „Toby?“, sagte sie überrascht. Ashlyn antwortete nicht sofort. Denn Toby war nicht nur zu Besuch. Er hatte drei Bundesstaaten durchquert und seinen Job hinter sich verbrannt, um hierherzukommen. Und das bedeutete nur eins. Er würde nicht wieder gehen.
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