Weiße Tischdecke - Chapter 10

1348 Words
Die Reservierung war um sieben. Ashlyn fing um sechs an, sich fertig zu machen. Das war das Problem. Toby saß auf der Kante ihres Bettes, während sie vor dem Spiegel stand, ihr Haar erst offen trug, es dann hochsteckte und wieder fallen ließ. Der Raum roch schwach nach Hitze vom Glätteisen und nach Vanille. Die Lampe auf ihrer Kommode warf einen warmen Lichtkreis, der alles weicher wirken ließ, außer der Spannung, die sich in seiner Brust festsetzte. „Du siehst gut aus“, sagte er. Sie sah ihm im Spiegel in die Augen. „Gut ist nicht der Punkt.“ „Was dann?“ Sie richtete den Träger ihres Kleides, sorgfältig, beinahe penibel. „Es ist ein schönes Restaurant. Ich will nicht aussehen, als würde ich da nicht dazugehören.“ „Du gehörst immer dazu.“ „So fühlt es sich aber nicht an.“ Er beobachtete, wie sie sich noch einmal musterte, als würde sie sich auf ein Urteil vorbereiten, das noch gar nicht gefallen war. „Du warst schon dreimal fertig.“ Sie ließ die Hände sinken. „Du bist jetzt schon genervt.“ „Bin ich nicht.“ „Doch. Ich höre es.“ Er stand auf, ging ein paar Schritte zur Tür und wieder zurück. „Ich will nur nicht zu spät kommen.“ „Du hasst es, zu spät zu kommen.“ „Weil es peinlich ist.“ „Für wen?“ „Für uns beide.“ Sie drehte sich ganz zu ihm um. „Du findest, ich bin dir peinlich.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ Aber er nahm es auch nicht wirklich zurück. Und sie merkte es. Sie fuhren zehn Minuten zu spät los. Die Fahrt war still auf die Art, bei der beide wissen, dass es keine echte Stille ist. Straßenlaternen sprangen nacheinander an. Seine Hände blieben fest am Lenkrad. „Ich mag dieses Gefühl nicht“, sagte sie leise. „Welches Gefühl?“ „Als würdest du mich prüfen.“ Er schluckte. „Ich prüfe dich nicht.“ „Es fühlt sich so an.“ Er antwortete nicht. Das Restaurant war voller weißer Tischdecken und leiser Klaviermusik. Gedämpftes Lachen. Der Geruch von Butter und Wein. Alles geschniegelt. Alles kontrolliert. Sie saßen sich gegenüber. Die Kerze zwischen ihnen flackerte, das Licht spiegelte sich in ihren Augen. Ashlyn faltete ihre Serviette einmal, dann noch einmal, bis sie merkte, was sie tat, und aufhörte. Toby beobachtete sie. „Was?“ „Nichts.“ „Du schaust mich an, als hätte ich etwas vergessen.“ „Ich denke nur nach.“ „Worüber?“ Er zögerte. „Darüber, wie anders sich das anfühlt.“ „Anders als was?“ „Als früher.“ Ihre Schultern spannten sich an. „Wir haben gestritten“, sagte sie. „Das war kein Streit.“ „Es hat sich so angefühlt.“ Er atmete leise aus. „Du sagst immer, es fühlt sich so an.“ „Weil ich merke, wenn du dich zurückziehst.“ Das Essen kam. Keiner von beiden aß viel. Nach einer Weile sagte er: „Willst du überhaupt hier sein?“ Sie antwortete nicht sofort. „Ja“, sagte sie schließlich. „Ich will nur nicht das Gefühl haben, die ganze Zeit getestet zu werden.“ „Ich teste dich nicht.“ „Doch.“ Sein Kiefer spannte sich an. Er sah auf seinen Teller. Die Heimfahrt dauerte nicht lange, bis die Wahrheit sich ihren Weg bahnte. „Du bist schnell weitergegangen“, sagte er. Sie starrte nach vorne. „Du weißt, was er getan hat.“ „Ich weiß.“ „Warum sind wir dann immer noch hier?“ „Weil ich mich frage, ob ich nur eine Übergangslösung bin.“ Die Worte wogen schwerer, als er erwartet hatte. Sie drehte sich langsam zu ihm. „Eine Übergangslösung.“ „Du hast ihn geliebt.“ „Ja.“ „Und dann hast du mich geliebt.“ „Ja.“ „Wie kann sich das ändern, ohne dass etwas zerbricht?“ „Es ist etwas zerbrochen“, sagte sie leise. „Ich bin zerbrochen.“ Er schüttelte den Kopf. „So sieht es nicht aus.“ Der Wagen rollte in den Park, bevor er bewusst abbog. Kies knirschte unter den Reifen. Der Motor verstummte. Die Nacht schloss sich um sie. Einen langen Moment bewegte sich keiner von beiden. Dann sagte er das, was er den ganzen Abend zurückgehalten hatte. „Wir tun uns nicht gut.“ Ihre Stimme wurde dünn. „Warum sagst du so etwas?“ „Weil ich Abende wie diesen kaputt mache. Weil ich in meinem Kopf feststecke und dich mit hineinziehe.“ „Du hast Grant ins Spiel gebracht.“ „Weil er noch hier ist“, sagte er und legte die Hand auf seine Brust. „Und ich weiß nicht, wie ich das ausschalten soll.“ „Du musst nicht mit ihm konkurrieren.“ „Ich konkurriere nicht. Ich habe Angst.“ Das Wort blieb zwischen ihnen hängen. Sie musterte sein Gesicht. „Ich glaube, ich weiß nicht, wie man dich richtig liebt“, sagte er. Sie erstarrte. „Was soll das heißen?“ „Ich warte ständig darauf, dass es verschwindet.“ „Was?“ „Du.“ Ihr Atem stockte. „Ich warte darauf, dass du eines Morgens aufwachst und merkst, dass ich nur der Nächste war. Dass ich bequem war. Dass ich die sichere Wahl nach etwas Schlechtem war.“ „Ich habe dich nicht gewählt, weil du sicher warst.“ „Du hast mich direkt nach ihm gewählt.“ „Ja. Weil ich dich schon vorher mochte.“ „Genau das macht mir Angst.“ Tränen stiegen ihr in die Augen, aber ihre Stimme blieb ruhig. „Du glaubst, das hier ist nicht echt.“ „Ich will das nicht glauben.“ „Aber tust du es?“ Er sah sie jetzt ganz an. „Manchmal.“ Das Wort klang nicht wütend. Es klang müde. „Du denkst, ich tue nur so.“ „Ich denke, mit mir stimmt etwas nicht“, sagte er. „Du bist dir sicher. Ich fühle mich, als würde ich auf dünnem Eis stehen. Ich warte die ganze Zeit auf den Einbruch.“ „Da kommt nichts.“ „Es kommt immer etwas.“ Sie beugte sich über die Mittelkonsole und nahm seine Hand. Er zog sie nicht zurück. „Warum spannst du dich so an?“, flüsterte sie. „Weil am Ende alle gehen.“ Es ging nicht mehr um Grant. Es war älter als das. Sie begannen beide zu weinen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur erschöpft von etwas, das sie selbst nicht ganz verstanden. „Ich will dich nicht verlieren“, sagte er und lehnte die Stirn an ihre. „Wirst du nicht.“ „Und wenn ich dich so lange wegstoße, bis du gehst?“ „Dann sage ich es dir, bevor ich gehe.“ „Das weißt du nicht.“ „Ich entscheide mich für dich“, sagte sie, ihre Stimme brach. „Nicht, weil du der Nächste warst. Nicht, weil ich einen Ersatz gebraucht habe. Ich entscheide mich für dich, weil ich dich will. Auch so.“ „Für jetzt.“ „Für jetzt ist alles, was wir haben.“ Er atmete zittrig aus. „Ich will nicht kaputt sein.“ „Du bist nicht kaputt.“ „Es fühlt sich so an.“ Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und zwang ihn, sie anzusehen. „Dann lass mich bleiben, während du es herausfindest.“ Der Streit löste sich nicht auf. Er setzte sich zwischen sie. „Wir trennen uns also nicht?“, fragte sie leise. „Nein.“ „Okay.“ Sie drückte seine Hand. Er hielt sie fester als zuvor. Nicht, um sie festzuhalten. Sondern um Halt zu finden. Als sie ausstieg und zur Haustür ging, das Verandalicht anging, sah er ihr nach. Zum ersten Mal fühlte sich Liebe nicht warm an. Sie fühlte sich zerbrechlich an. Als könnte sie verschwinden, wenn er den Griff lockerte.
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