Bitte geh nicht

1375 Words
Ashlyn hatte die Hand schon am Türgriff, bevor ihr überhaupt richtig klar wurde, dass sie danach gegriffen hatte. Im Truck war es auf diese seltsame Weise still geworden, wie Streit manchmal still wird. Nicht gelöst, nicht vorbei, nur weit genug ausgebrannt, dass man wieder den eigenen Atem hören konnte. Jenseits der Windschutzscheibe lag der Kies schwarz in der Dunkelheit. Der Park wirkte um diese späte Uhrzeit verlassen, die Schaukeln reglos im Dunkeln, eine einzelne Lampe warf schwaches gelbes Licht über den Parkplatz. Alles außerhalb der Fahrerkabine fühlte sich fern an. Flach. Unwirklich. Drinnen fühlte sich überhaupt nichts unwirklich an. Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff. Toby sah zuerst auf ihre Hand. Dann in ihr Gesicht. „Du gehst.“ Es war keine Frage. Genau das ließ ihren Magen sich zusammenziehen. „Ich sollte zu meiner Mom fahren.“ Sein Gesicht veränderte sich so schnell, dass sie die Reihenfolge beinahe verpasste. Zuerst Verwirrung. Dann Verletztheit. Dann etwas Schärferes, das sich hinter seinen Augen festsetzte, noch bevor sein Mund nachzog. „Das war’s?“ fragte er. „Du gehst jetzt einfach?“ Ashlyn drehte sich zu ihm, müde genug, dass selbst Blickkontakt anstrengend war. „Toby, es ist spät.“ Er stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus und sah weg, wobei eine Hand über seinen Mund strich. „Ja. Okay. Klar. Es ist spät.“ Die Worte klangen harmlos. Sein Tonfall nicht. Ashlyn ließ den Türgriff los, aber nur, weil sich die Luft im Truck wieder verändert hatte. Verdichtet. Sie kannte dieses Gefühl. Den Moment, bevor etwas Kleines zu etwas wurde, aus dem man nicht mehr sauber aussteigen konnte. „Ich mache das nicht, um dich zu verletzen“, sagte sie vorsichtig. Er sah viel zu schnell wieder zu ihr zurück. „Was machst du dann?“ Die Frage traf härter, als sie sollte, weil sie keine klare Antwort hatte. Sie ging, weil sie sich ausgelaugt fühlte. Weil er sie bei Kerzenlicht auf der anderen Seite des Tisches angesehen hatte, als wäre sie ein Beweisstück. Weil sich die Fahrt wieder um Grant gedreht hatte, und dann um Angst, und dann um diese Art von Weinen, die alles feucht und bloß zurückließ. Nach Hause zu gehen fühlte sich leichter an, als noch fünf Minuten länger in diesem Truck zu bleiben. „Ich will einfach, dass dieser Abend aufhört“, sagte sie. Etwas in seinem Gesicht zuckte. „Du willst, dass das hier aufhört“, sagte er leise. „Nein.“ Ihr Puls sprang hoch. „Das habe ich nicht gesagt.“ „Im Grunde schon.“ „Nein.“ Er sah sie noch eine Sekunde länger an, dann nickte er hohl, so als wäre es Zustimmung, obwohl es keine war. „Klar.“ Er griff nach den Schlüsseln, startete den Truck aber nicht. Er drehte sie nur einmal zwischen den Fingern. Metall klickte leise in der Dunkelheit. Ashlyn hasste dieses Geräusch sofort. Klein. Wiederholend. Kontrolliert. „Toby.“ „Was.“ Sie rückte auf ihrem Sitz herum, das Vinyl klebte leicht an der Rückseite ihrer Beine. „Bitte hör auf damit.“ „Womit.“ „Damit.“ Sie deutete vage zwischen ihnen hin und her. „Damit, dass du so tust, als würde ich etwas sagen, das ich gar nicht sage.“ Sein Kiefer spannte sich an. Er sah durch die Windschutzscheibe nach vorn, nicht zu ihr. „Ich tue nicht so.“ Draußen flatterte eine Motte gegen die Parkplatzlampe, ein dummes, verzweifeltes Flattern, das immer wieder gegen dasselbe Licht prallte. Ashlyn sah einen Augenblick zu lange hin. Als Toby wieder sprach, war seine Stimme tiefer geworden. „Und was soll ich deiner Meinung nach denken?“ Sie schloss kurz die Augen. „Du sollst gar nichts denken. Ich wollte nur, dass dieser Abend endet, bevor es schlimmer wird.“ Er lachte wieder, leiser diesmal, und gerade das wirkte noch gemeiner. „Bevor ich schlimmer wurde, meinst du.“ Sie sah ihn scharf an. „Das habe ich nicht gesagt.“ „Musstest du auch nicht.“ Der Ekel in seiner Stimme war nicht laut. Genau das traf härter. „Warum redest du so mit mir?“ Endlich drehte er sich ganz zu ihr. „Weil ich hier sitze und dir die Wahrheit sage, während du schon halb aus der Tür bist.“ Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er sah das. Und machte weiter. „Du sagst, du entscheidest dich für mich, du sagst, du willst das hier, und in dem Moment, in dem es hässlich wird, gehst du.“ „Das ist nicht fair.“ „Nein?“ Er lehnte sich in den Sitz zurück und sah sie an, als versuche er, sie in eine Version dieses Abends einzuordnen, der er längst nicht mehr traute. „Dann sag mir, wie ich zusehen soll, wie du dich zurückziehst, ohne genau das darin zu hören.“ „Ich habe mich nicht zurückgezogen.“ „Du hattest die Hand an der Tür.“ Das ließ sie verstummen. Weil es stimmte. Weil er es gesehen hatte. Weil die ganze Szene jetzt diesem einen Detail gehörte. Der Truck fühlte sich kleiner an. Das Armaturenbrett tauchte sie beide in ein stumpfes, müdes Grün. Das Make-up unter ihren Augen begann zu brennen. Sie widerstand dem Drang, es wegzuwischen, weil sie sich noch chaotischer fühlen würde, wenn es verschmierte. „Ich kann nicht jedes Gespräch so führen“, sagte sie schließlich und hasste, wie dünn ihre Stimme klang. Sein Gesicht veränderte sich wieder. Da war es. Der Moment. Die Wut verschwand nicht. Sie faltete sich zusammen. Kehrte nach innen. Seine Schultern sanken ein wenig ab, als wäre die Kraft, die sie aufrecht hielt, aus ihm gewichen. Als er diesmal wegsah, war es nicht abweisend. Es war zerstört. „Ja“, sagte er leise. „Genau das ist mein Punkt.“ Ashlyn wurde ganz still. Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, so fest, dass er die Haut mit nach unten zog, dann ließ er sie fallen. „Ich mache alles kaputt.“ „Toby—“ „Nein, schon gut.“ Er schüttelte den Kopf, bevor sie ausreden konnte. „Eigentlich nicht. Es ist nicht gut. Ich weiß doch, wie das läuft.“ Seine Stimme war noch leiser geworden. Das war es, was sie immer zu ihm hinzog. Nicht die Schärfe. Der Zusammenbruch danach. „Ich weiß, wie ich klinge“, sagte er. „Ich höre mich selbst, wenn ich das mache, und ich kann trotzdem nicht aufhören. Ich mache aus allem einen Test und tue dann überrascht, wenn du müde davon bist.“ Er lachte leise unter seinem Atem, aber diesmal war nichts Grausames darin. Nur Demütigung. Ashlyns Griff um den Türgriff lockerte sich völlig. Er sah weiter durch die Windschutzscheibe, nicht zu ihr. „Du solltest wahrscheinlich gehen.“ Diese Worte hätten es leichter machen sollen zu gehen. Taten sie aber nicht. Weil es jetzt nach Strafe klang. Oder nach Aufgeben. Oder nach beidem. Sie blieb, wo sie war. Toby schluckte schwer. „Ehrlich. Fahr einfach nach Hause. Ich verstehe schon.“ „Darum geht es nicht.“ Er nickte, als hätte sie etwas bestätigt, statt es abzustreiten. „Klar.“ Ashlyn drehte sich noch ein Stück mehr zu ihm, Frustration und Schuld vermischten sich so schnell, dass sie sie nicht mehr voneinander trennen konnte. „Warum machst du das immer?“ „Was denn.“ „Aus allem einen Abschied.“ Sein Mund öffnete sich, dann schloss er sich wieder. Für einen Moment sah er jung aus. Jünger als neunzehn. Jünger als die Version von sich, die so verzweifelt so tat, als würde sie verstehen, wie Liebe funktioniert, solange sie nur fest genug festhielt. „Weil es meistens genau das ist“, sagte er. Ashlyn starrte ihn an. Er hielt den Blick weiter nach vorn gerichtet. „Menschen sagen nicht, dass sie Abstand brauchen, wenn sie näherkommen wollen.“ Ihre Brust tat weh. „Ich habe nicht gesagt, dass ich Abstand brauche.“ „Du hast nach der Tür gegriffen.“ „Toby.“ Er sagte es so schlicht, dass sie nicht gegen die Tatsache an sich argumentieren konnte, sondern nur gegen die Bedeutung, die er ihr gab. „Ruf mich morgen an. Ich bin raus.“
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