KAPITEL 2 – EINDRINGLINGE

1340 Words
Nevara Es sind erst zwei Tage seit Nickolais Beerdigung vergangen, und schon benimmt sich Vanessa, als wären es Jahre. Sie ist keine trauernde Witwe – so viel ist sicher. Sie schwebt durch das Rudelhaus, als gehöre es ihr, gehüllt in Seidengewänder und mit einem Parfüm, das für die Hallen viel zu stark ist, wirft ihre Haare zurück und zeigt jedem, der ein Y-Chromosom und eine ansehnliche Kinnlinie hat, ihre Zähne. Nicht nur meinem Mann – obwohl sie bei ihm am dreistesten ist. Ich habe gesehen, wie sie sich in der Küche an Tobias heranschleicht und unter dem Vorwand der Dankbarkeit mit ihren Fingern seinen Arm streift. Wie sie ihre Stimme senkt, wenn sie ihm dafür dankt, dass er sie aufgenommen hat. Wie sie den Kopf neigt und sich auf die Unterlippe beißt, wenn sie mit ihm spricht, als stünden wir beide nicht direkt daneben. Bei ihm hört sie auch nicht auf. Gestern Abend bin ich in den Innenhof gegangen und habe gesehen, wie sie mit ihrer Hand den Bizeps eines unserer Krieger hochfuhr – schnurrte darüber, wie stark er wohl sein muss, fragte, wie viel er beim Bankdrücken schafft, als hätte sie noch nie einen Mann mit Muskeln gesehen. Wir sind Wölfe. Jeder hat Muskeln. Was sie nicht hat, ist Scham. Und sie lässt ihr Kind im Haus Amok laufen, als wäre es ein Spielplatz. Spielzeug liegt überall auf dem Boden verstreut. Klebrige Fingerabdrücke an den Wänden. Gekreische zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Flure. Und Tobias sagt natürlich nichts – weil er ja nur ein Kind ist. Genau das habe ich mir heute Morgen wieder ins Gedächtnis gerufen, als ich den Knall hörte. Er kam aus dem Wohnzimmer. Ich erstarrte für einen Moment, weil ich es schon wusste. Als ich hineinging, hockte Noah mitten auf dem Teppich, umgeben von Glas und zerbrochenem Holz. Der Rahmen, in dem mein letztes Foto meiner ganzen Familie steckte, lag zersplittert da. Das Gesicht meiner Mutter war zur Hälfte von einer gezackten Scherbe verdeckt. Auf dem Bild von Nickolai verlief eine diagonale Falte über sein Lächeln. Das Glas hatte die Ecke des Bildes glatt abgeschnitten. Meine Hände wurden kalt. „Noah“, sagte ich und hielt meine Stimme ruhig. „Was ist passiert?“ Er blickte auf und blinzelte mit großen Augen, die zu groß für sein Gesicht waren. „Das wollte ich nicht.“ „Hast du gespielt?“ Er nickte und hielt einen Plüschdinosaurier hoch. „Er ist zu hoch gesprungen.“ Das Foto. Der Rahmen. Die Erinnerung. Weg – wegen eines Dinosauriers. Ich atmete tief durch die Nase ein und ging vorsichtig über die Glasscherben. Ich schrie nicht. Ich fluchte nicht. Ich erhob nicht einmal meine Stimme. Aber Wut pochte unter meiner Haut wie Hitze hinter einem blauen Fleck. Er ist vier. Er ist Nickolais Sohn. Er hat es nicht so gemeint. Aber dieses Foto war alles, was mir von früher geblieben war. Bevor Nickolai Vanessa kennenlernte. Bevor sich diese seltsame Distanz in seine Stimme schlich. Bevor alles kompliziert wurde. „Du sollst hier drinnen nicht spielen“, sagte ich leise und kniete mich hin, um den zerbrochenen Rahmen aufzuheben. Er wich zurück, als hätte ich ihn geschlagen. „Ich bin nicht sauer“, fügte ich hinzu, obwohl ich es irgendwie doch war. „Ich wünschte nur, du wärst vorsichtiger gewesen.“ Er schaute auf das Glas, dann zu mir. „Ist das dein Lieblingsfoto?“ Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. „Das war es.“ Noah blinzelte schnell. „Wirst du es meiner Mama erzählen?“ Ich stand auf und klopfte mir die Hände ab. Ich wollte sagen: Nein, aber ich sollte es tun. Ich wollte sagen: Wenn sie tatsächlich auf dich aufgepasst hätte, wäre das nicht passiert. Stattdessen sagte ich. „Nein.“ Weil ich Vanessa diese Genugtuung nicht geben wollte. Aber ich konnte es auch nicht einfach so stehen lassen. „Willst du eine Geschichte hören?“, fragte ich nach einem Moment. Er neigte den Kopf. „Jetzt?“ „Es ist eine Halloween-Geschichte“, sagte ich und setzte mich auf die Couch. „Du magst doch gruselige Sachen, oder?“ Er zögerte, dann trottete er langsam herüber und zog seinen Plüschfuchs am Bein hinter sich her. Ich griff nicht nach einem Buch. „Hast du schon mal vom Knochenwächter gehört?“, fragte ich mit leiser Stimme. Noahs Augen weiteten sich. „Ist er ein Bösewicht?“ „Er ist nicht böse“, sagte ich. „Er zählt nur... “ „Was denn?“ „Zerbrochene Dinge. Dinge, die den Leuten egal sind. Wie Erbstücke. Fotos. Dinge, die mal etwas bedeuteten, aber jemand war zu nachlässig, um sie zu beschützen.“ Noahs Finger umklammerten den Dinosaurier fester. „Man sagt, der Knochenwächter geht auf Zehenspitzen, damit man ihn nicht kommen hört. Er besucht nur Kinder, die Dinge zerbrechen, die ihnen nicht gehören – besonders Dinge, in denen Erinnerungen stecken.“ Noah rutschte auf der Couch hin und her. „Er nimmt keine großen Knochen mit. Nur die kleinen. Hier einen Zeh. Dort ein Fingergelenk. Gerade genug, damit du dich hohl fühlst. Aber er tut dir nicht weh, nein. Du merkst gar nicht, dass er da war – bis du versuchst zu rennen und merkst, dass du nicht mehr mithalten kannst.“ Noahs Augen waren jetzt riesig. „Und das Schlimmste daran?“ Ich beugte mich ganz nah zu ihm hin. „Er nimmt nicht zuerst den Unartigen etwas weg. Er nimmt es denen weg, die danach darüber lügen.“ In diesem Moment ertönte Vanessas Stimme aus dem Flur. „Noah?“, rief sie sanft. „Was machst du denn da, Schatz?“ Er sprang kerzengerade auf und rannte aus dem Zimmer, als wäre der Knochenwächter selbst ihm auf den Fersen. Ich lächelte. Nur ein bisschen. Aber natürlich hielt das nicht lange an. Vanessa stürmte kurz darauf herein, ihre Absätze klackerten auf dem Parkett wie ein Warnschuss. „Was hast du zu ihm gesagt?“ „Er hat etwas kaputtgemacht“, sagte ich ruhig. „Und ich habe ihm eine Geschichte erzählt.“ „Du hast ihm Angst gemacht.“ „Ich habe ihn nicht angefasst.“ „Darum geht es nicht.“ „Worum geht es dann?“ Sie starrte mich an, als wäre ich dumm. „Er ist vier, Nevara. Du hast einem Vierjährigen eine Horrorgeschichte erzählt, weil er einen Fehler gemacht hat?“ „Ich konnte ihn nicht bestrafen. Du hättest eine Szene daraus gemacht.“ „Ich hätte meinen Sohn beschützt, ja.“ „Vor den Konsequenzen?“ „Vor dir.“ Da war es. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch eine Stimme unterbrach uns von hinten. „Was ist hier los?“ Tobias. Natürlich. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, mich umzudrehen. „Frag deinen Gast.“ „Sie ist kein Gast“, sagte er und mischte sich ein. „Sie gehört zur Familie.“ Ich zuckte zusammen, bevor ich es verhindern konnte. Vanessa sah es. Sie lächelte. „Er hat mir eine Geschichte von einem Knochenmonster erzählt“, sagte Noah hinter ihrem Bein. „Er nimmt dir die Knochen weg, wenn du Sachen kaputt machst.“ Tobias sah mich endlich an. „Im Ernst?“ „Er hat das Foto zerbrochen“, sagte ich tonlos. „Das letzte Foto, das ich von meiner ganzen Familie hatte.“ Er blinzelte: „Das auf dem Regal?“ Ich nickte. Er entschuldigte sich nicht. Fragte nicht, ob es mir gut ginge. Er wandte sich einfach Vanessa zu und berührte leicht ihren Ellbogen. „Bringen wir ihn nach oben.“ Sie nickte und warf einen letzten bösen Blick über die Schulter. „Komm schon, Schatz. Lass uns weg von der gruseligen Hexe.“ Ich ließ mich nicht darauf ein. Ich stand einfach in der Stille des Zimmers, nachdem sie gegangen waren, und schaute auf die Glasscherben hinunter, die noch immer über den Teppich verstreut lagen. Und zum ungefähr hundertsten Mal in den letzten Tagen wollte ich schreien.
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