Kapitel 1: Der Funke und das Gespenst
Die Luft im großen Saal des Rathauses knisterte, schwer vom Geruch nach altem Holz, billigem Kaffee und kaum unterdrückter Empörung. Lily Adams, deren Stimme trotz des Zitterns in ihren Händen wie ein Fanfarenruf klang, umklammerte das Rednerpult, während ihr Blick unerschütterlich auf den Mann auf der anderen Seite des Ganges gerichtet war. Ethan Thorne. Er saß unbewegt da, ein Monolith in einem Maßanzug, flankiert von einer Phalanx aus Anwälten und PR-Vertretern, und strahlte eine ärgerliche Mischung aus Macht und Gleichgültigkeit aus.
„Sie sprechen von Fortschritt, Mr. Thorne“, sagte Lily, wobei jedes Wort wie ein gezielter Pfeil war, „aber ich sehe nur Auslöschung. Sie sprechen von Innovation, doch Ihre Entwürfe vernichten die Seele dieser Stadt. Der Thorne Tower ist nicht nur ein Gebäude; er ist ein Denkmal für die Gier der Konzerne, ein Grabstein für unser Erbe!“ Ein spärlicher Applaus, gedämpft durch die bedrückende Stille auf Ethans Seite, hallte durch den Saal.
Ethan beugte sich vor und ergriff das Mikrofon, ohne dass seine stahlblauen Augen auch nur im Geringsten flackerten. Seine ruhige, tiefe Stimme durchdrang die noch immer in der Luft liegende Spannung wie das Skalpell eines Chirurgen. „Frau Adams, bei allem Respekt für Ihre bewundernswerte Leidenschaft: Sentimentalität zahlt keine Grundsteuern. Mein Vorschlag, ‚The Apex Tower‘, steht für Chancen, Arbeitsplätze und eine zukunftsorientierte Vision. Ihr ‚Erbe‘ zerfällt zusehends und nimmt dabei potenzielle Einnahmen und Investitionen mit sich, die diese Stadt wiederbeleben könnten, anstatt sie in sepiafarbenen Erinnerungen stagnieren zu lassen.“ Er hielt inne, ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und blieb kurz bei Lily hängen. „Und um das klarzustellen, Frau Adams: Es ist kein Denkmal für ‚unternehmerische Gier‘. Es ist ein Denkmal für Wohlstand. Vielleicht sollten Sie versuchen, etwas aufzubauen, anstatt nur dagegen zu protestieren.“
Das leichte Grinsen, das sich um seine Lippen legte, entfachte in Lily einen neuen Funken der Wut. Diese Arroganz! Dieses absolute, unerschütterliche Vertrauen in seine eigene Überlegenheit. Es war zum Zornigwerden. Sie öffnete den Mund, um zurückzuschlagen, doch der Bürgermeister, der ihrer endlosen Wortgefechte sichtlich überdrüssig war, schlug mit dem Hammer auf den Tisch.
Später am Abend, als die Wut immer noch in ihr brodelte, schlug Lily ihren Laptop zu. In den Nachrichten wurde in einer Endlosschleife Ethan Thornes selbstgefälliges Gesicht gezeigt, im Kontrast zu hektischen Aufnahmen ihrer eigenen leidenschaftlichen Appelle. Ihr Handy vibrierte. Es war Arthur Finch, ihr Mentor und Leiter der Historischen Gesellschaft.
„Lily, wegen des ‚Heritage Keepers‘-Stipendiums …“, sagte Arthur zögernd, was für den sonst so unerschütterlichen Mann ungewöhnlich war. „Ich habe eine … ungewöhnliche Neuigkeit. Es gibt eine neue Auflage. Es gibt eine Reality-Show. ‚The Property Playbook‘. Sie wollen dich als Kandidatin.“
Lily lachte, ein kurzes, ungläubiges Lachen. „Eine Reality-Show? Arthur, wir versuchen, ein historisches Gebäude zu retten, und nicht um Rosen zu wetteifern! Das mache ich nicht. Das ist absurd.“
„Lily, hör mir zu“, beharrte Arthur, sein Tonfall nun dringlich. „Das ist nicht irgendeine Show. Sie ist hochkarätig, Marcus Sterlings neueste Idee. Und die Förderung … sie hängt davon ab. Wenn du mitmachst und es ins Finale schaffst, erhalten die Historic Keepers eine beträchtliche, beispiellose Finanzspritze. Genug, um die Zukunft des Viertels zu sichern, egal ob du die Show gewinnst oder verlierst. Und wenn du gewinnst … erhält das Viertel den Denkmalstatus, dauerhaft.“
Lily spürte, wie sich ein kalter Schrecken in ihrem Magen ausbreitete. Ein Pakt mit dem Teufel. Doch das Bild von Mrs. Gables hoffnungsvollem Gesicht, die Kinder, die auf dem alten Platz spielten, die Kunsthandwerker, die in diesem Viertel zu Hause waren – all das blitzte vor ihren Augen auf. Hier ging es nicht um ihr Ego; es ging um ihr Überleben. „Wer ist noch bei diesem … Zirkus mit von der Partie?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
Auf der anderen Seite der Stadt starrte Ethan Thorne mit einer Mischung aus Verärgerung und grimmiger Genugtuung auf die E-Mail von Marcus Sterling. Seine Hauptinvestorin, die beeindruckende Eleanor Vance, hatte ihm praktisch ein Ultimatum gestellt: Er müsse sein öffentliches Image aufpolieren, „zugänglicher“ wirken – oder die entscheidende Unterstützung für seine globale Expansion verlieren. Und Sterlings Show, so geschmacklos sie auch sein mochte, war ihr Lieblingsprojekt.
Er klickte auf einen Videoanhang in Sterlings E-Mail. Ein professionell produzierter Werbespot für „The Property Playbook“ erschien auf seinem Bildschirm. Dann erklang eine eiskalte Stimme aus dem Off – die von Marcus Sterling höchstpersönlich.
„Und nun zur spannendsten Wendung. Um wirklich herauszufinden, ob Gegensätze sich anziehen, ob aus Rivalität eine Romanze entstehen kann … werden unsere beiden Finalisten zu einem Paar zusammengestellt. Gezwungen zu einer vorübergehenden, im Fernsehen übertragenen Partnerschaft. Eine vorgetäuschte Beziehung, die dazu dient, ihre Grenzen zu testen, und vielleicht, nur vielleicht, etwas Echtes entfachen könnte.“
Der Bildschirm teilte sich. Auf der einen Seite eine dramatische, grüblerische Aufnahme von Ethan. Auf der anderen ein feuriges, trotziges Bild von Lily.
„Sie und Ms. Adams“, schnurrte Sterlings Stimme aus den Lautsprechern, „werden unser Hauptpaar sein. Amerika wird entscheiden, ob Sie wirklich eine Zukunft aufbauen oder sich nur gegenseitig zerfleischen. Ihr erstes Interview ist morgen. Seien Sie bereit.“
Ethan starrte auf den Bildschirm, dann auf sein Handy, das plötzlich klingelte. Es war eine unbekannte Nummer, aber der Zeitpunkt war einfach zu perfekt. Er nahm den Anruf entgegen.
„Thorne? Hier ist Adams. Hast du diese … Einladung bekommen?“ Lilys Stimme klang angespannt, ihre Wut konnte sie kaum zurückhalten. „Denn wenn das irgendein kranker Scherz von dir ist, um mich aus dem Projekt zu drängen, wird das nicht funktionieren!“
„Glaub mir, Adams“, knurrte Ethan, dessen eigene Wut nun brodelte. „Ich finde das genauso unerträglich wie du. Aber unser Strippenzieher scheint andere Pläne zu haben.“
„Drahtzieher?“, spottete Lily mit einem gequälten Lachen. „Und was erwartet dieser Drahtzieher von uns?“
„Er erwartet, dass wir die Nation davon überzeugen“, sagte Ethan, wobei sich die Worte in seinem Mund wie Asche anfühlten, „dass wir bis über beide Ohren verliebt sind.“
Es wurde still in der Leitung. Ethan konnte den Schock, der von ihr ausging, fast spüren. Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Das würde die reinste Hölle werden.
„Nein“, flüsterte Lily schließlich, ihre Stimme kaum zu hören. „Nein, das kann ich nicht. Das ist verrückt. Ich werde das nicht tun.“
Doch dann hörte Ethan Sterlings Stimme, nicht aus seinem Telefon, sondern schwach hallend von Lilys Seite. „… und versuch bitte, ein etwas … liebevolleres Auftreten an den Tag zu legen. Die Einschaltquoten hängen davon ab.“
Da wusste Ethan Bescheid. Sie saßen beide in der Falle.
„Oh ja, Adams“, sagte Ethan, während sich eine kalte, harte Entschlossenheit in ihm breitmachte. „Das wirst du ganz sicher tun. Denn wenn du es nicht tust, ist dein geliebtes historisches Viertel verloren. Und wenn ich es nicht tue, bricht mein Imperium zusammen. Also wirst du mich morgen ansehen, Lily, und so tun, als wärst du verliebt. Denn unsere Zukunft hängt davon ab.“