NINA
NINA:
Ein weiterer Ast schwankt vor mir, und ich schiebe ihn beiseite. Meine nackten Füße poltern über Wurzeln und Erde. Meine Füße sind voller Sand, Kieselsteine und allem, was der Wald zu bieten hat, doch ich spüre den Schmerz kaum.
Schneller.
Schneller.
Schneller.
Ich darf nicht langsamer werden.
Mein Kleid verfängt sich an einem Ast, der Stoff reißt, als etwas Scharfes über meine Haut schneidet. Ein erschrockener Schrei entfährt mir. Eine klebrige Wärme kriecht mir den Magen hinunter, und ich weiß sofort, was es ist – Blut.
Lauf geradeaus weiter, bis du den halbierten Baum findest. Lauf weiter, bis du die Straße erreichst. Wenn du die Straße erreichst, biege rechts ab. Lauf weiter. Nicht langsamer werden. Was auch immer passiert, schau nicht zurück. Lass dich von niemandem sehen.
Die Anweisungen hämmern in meinem Kopf, während ich meine Beine zu schnellerem Laufen zwinge. Meine Brust hebt und senkt sich in verzweifelten Atemzügen, während mein Herz heftig in mir pocht. Los.
Los.
Los.
Meine Sinne suchen das nächste Lebewesen. Ein Eichhörnchen antwortet, und ich versinke in seinem Bewusstsein. Es schlängelt sich durchs Unterholz und lässt den Menschen neben sich nicht aus den Augen.
Das bin ich. Ich.
Durch die Augen des Eichhörnchens sehe ich, welchen Tribut der Wald von mir gefordert hat: verfilztes Haar, blutbefleckte Kleidung und ein schmutzbedecktes Gesicht. Mondlicht fällt auf mein Gesicht und enthüllt jede Spur der Erschöpfung.
Erschrocken von meiner Annäherung, huscht das Eichhörnchen in die entgegengesetzte Richtung. Bevor es auf einen nahen Baum klettern kann, fällt mir etwas ins Auge.
Weit voraus entdecke ich einen Baum, sauber in zwei Hälften geteilt, seine Silhouette scharf gegen die Nacht. Ohne zu zögern, verlasse ich das Bewusstsein des Eichhörnchens und sprinte ohne langsamer zu werden nach links.
Schneller.
Schneller.
Schneller.
Leise, aus den Tiefen meines Bewusstseins, nehme ich das Heulen von Hunden und das Aufheulen von Motoren wahr. Doch es ist nur Hintergrundgeräusch, übertönt von meinem eigenen, keuchenden Atem. Meine Beine pochen vor Erschöpfung, und ich komme taumelnd zum Stehen und fange mich an einem Baumstamm ab.
Kein Anhalten.
Ein Schrei entfährt mir, als ich meine Beine zu schnellerem Laufen zwinge. Schmerz durchdringt meinen ganzen Körper. Zweige und Äste peitschen mir ins Gesicht, schneiden in meine Haut, und ich stolpere immer wieder über unsichtbare Baumstümpfe.
Normalerweise sind meine anderen Sinne meine Stärke, aber heute sind sie unzuverlässig. Nicht, wo doch mein Leben und meine Freiheit auf dem Spiel stehen.
Zurückzugehen ist keine Option für mich.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon laufe. Minuten? Stunden? Die Zeit vergeht quälend langsam. Ein gebrochener Teil von mir hat sich daran gewöhnt. Hier gibt es keine Zeit – nur Ausdauer. Ich lebe wie ein Gefangener und ein Boxsack, ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Es existiert nur noch als Idee, nichts weiter.
Ich renne weiter, bis harter, sandiger Boden meine nackten Füße berührt.
Asphalt.
Geh rechts, wenn du die Straße erreichst.
Ich renne weiter.
Mit jedem Atemzug schnürt sich meine Brust zu, und mein Magen pocht vor Schmerz. Ich bin ausgehungert, schwach und außer Form. Monatelang beschränkte sich meine Welt auf den Weg zwischen meiner Zelle und dem Folterraum.
Was ließ mich glauben, ich könnte dem entkommen?
Doch die Aussicht auf Freiheit treibt mich an. Ich höre Grillen hinter den Bäumen zirpen. Ich spüre den Nachtwind auf meinen Wangen.
Die Freiheit ist zum Greifen nah …
Plötzlich geben meine Beine nach, und ich schlage hart auf dem Boden auf. Ich habe nur einen Augenblick zum Beten, einen Augenblick zum Flehen, bevor ich das Bewusstsein verliere.
Sein Griff in meinen Haaren ist eisern, er zwingt meinen Kopf nach hinten und zerrt mich den verlassenen Flur entlang. Ich gleite erneut durch die Mauern seines Bewusstseins, geleitet von einer Macht, die ich vor vielen Jahren entdeckt habe. Graue Steinwände umgeben mich, die Luft ist schwer von Kupfer und dem Gestank von Urin.
„Es tut mir leid“, stammle ich und stemme mich verzweifelt mit den Fersen gegen den Boden. Dieser kleine Widerstand ist nutzlos, sein Griff verstärkt sich. Ich werde strampelnd und schreiend in einen vertrauten, hellen Raum gezerrt, ein stechender Schmerz durchfährt meine Kopfhaut.
Dieser Raum hat mir schon so manchen Albtraum beschert. Die Wände weichen vollständig bodentiefen Fenstern, die Licht hereinlassen. Es ist der einzige Raum in der Einrichtung, in dem natürliches Sonnenlicht die herrschende Dunkelheit durchbricht. Alle anderen Räume sind von künstlichem Neonlicht erhellt, außer meiner Zelle, die nur von einer einzigen, flackernden Glühbirne erleuchtet wird.